Radboom: „Gesund, günstig und effizient“. Heuer verbringen viele Menschen ihren Urlaub am Rad. Im Alltag sind bis zu einer Mobilitätswende noch einige Kilometer zurückzulegen.

Von David Steiner. Erstellt am 24. Juni 2020 (05:45)
Bei der ersten „Rad-ParaRADe“ in Ebreichsdorf radelten mehr als 50 Teilnehmer mit, darunter auch Bürgermeister Wolfgang Kocevar (SPÖ). Die Radlobby Ebreichsdorf sucht jetzt neue Mitglieder.
Nicole Schneider

„Ich habe seit 26 Jahren kein Auto mehr und erledige tagtäglich alle Wege mit dem Fahrrad“ erzählt Gerti Jaksch-Fliegenschnee. In der Coronakrise stieg die Geschäftsführerin des Weltladens Baden auch im Arbeitsalltag aufs Rad. Sie und ein Mitarbeiter belieferten täglich bis zu zwanzig Kunden in Baden und Umgebung. Die Badenerin legte Strecken bis nach Enzesfeld-Lindabrunn zurück. Was den Raum für den Radverkehr in der Stadt angehe, habe Kopenhagen für sie Vorbildcharakter.

In der Coronakrise scheinen viele Menschen einen „guten Draht“ zu ihren Drahteseln zu entwickeln. Das macht sich im Handel und den Radwerkstätten bemerkbar. „Egal ob Fahrräder, Ersatzteile oder Reparaturen, die Nachfrage ist in den letzten Wochen absolut explodiert“, berichtet Joe Kreuzer, Geschäftsführer des Bikeshops Kreuzer in der Badener Straße in Bad Vöslau.

„Kunden erzählen uns, sie machen heuer keinen Auslandsurlaub und kaufen sich dafür neue Räder oder planen Radtouren in Österreich“, verrät Kreuzer. Laut dem Verband der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster (VSSÖ) waren 2019 39 Prozent aller verkauften Fahrräder E-Bikes. Kreuzer betont aber, dass auch andere Fahrradtypen gerne gekauft werden.

Weniger eindeutig ist, ob sich auch bei der Fahrradnutzung ein positiver Trend abzeichnet. „Die Lage ist nicht eindeutig. Für Niederösterreich gibt es keine aktuellen Untersuchungen, die auf einen Radboom schließen lassen“, erklärt Tadej Brezina, Verkehrsforscher an der TU Wien. Der Badener habe rein subjektiv den Eindruck, dass im Lockdown relativ mehr Radfahrer das Stadtbild prägten, weil der Auto-Verkehr abnahm.

Was die Radinfrastruktur im Bezirk Baden angeht, scheiden sich die Geister. Brezina spricht davon, dass in Baden und Umgebung seit vielen Jahren Stagnation herrsche. Die Ausnahme würden vereinzelte Projekte bilden, etwa der Radweg zum Haidhof oder die Radinfrastruktur am Bahnhof Baden. „Aus der Perspektive einer angestrebten Mobilitätswende ist noch viel Steigerungspotenzial vorhanden“, betont der Verkehrsforscher, selbst begeisterter Hobby-Radsportler.

In einer Studie untersuchte Brezina, welche Barrieren dem Ausbau der Radinfrastruktur im Weg stehen. Kollegen und er befragten dazu Entscheidungsträger in Gebietskörperschaften, Planer und Interessensvertreter.

Als Probleme werden unter anderem fehlende strategische Beschlüsse und der Druck seitens der Bevölkerung gegen radverkehrsfreundliche Maßnahmen gesehen. Ein Ungleichgewicht zeigt sich in der Budgetfrage. In 51,5 Prozent der befragten Gemeinden wurden für die Radinfrastruktur maximal 2,5 Prozent des gesamten Infrastrukturbudgets veranschlagt.

Aha-Erlebnis: Mobilität in der Stadt ohne Autos

Ein optimistischeres Bild des Radverkehrs in Baden zeichnet Gerfried Koch, Leiter des Klima- und Umweltreferats der Stadtgemeinde. Im Vergleich zu anderen Städten ähnlicher Größe seien in den letzten zwanzig Jahren in Baden gute Rahmenbedingungen geschaffen worden. Ein fördernder Schlüsselfaktor sei, dass viele Badener Entscheidungsträger selbst mit dem Rad unterwegs sind. Auch Koch schätzt das Fahrrad als effizientes, günstiges und gesundes Fortbewegungsmittel und erledige möglichst alle Wege mit dem Rad.

„In der Coronakrise war Baden zeitweise autoleer. Man hat stark gemerkt, dass viele Autos von außerhalb in die Stadt kommen. Es war für viele ein Aha-Erlebnis, zu spüren, wie Mobilität in der Stadt ohne Autos funktionieren könnte“, schildert Koch. Er sieht noch Potenzial für Veränderung, vor allem bei Vorbildern wie Salzburg, Brüssel oder Kopenhagen. Den Radverkehr zu fördern, sei laufend Thema in der Stadtverwaltung. Maßnahmen würden aber zum Teil auch auf Widerstand seitens der Bevölkerung stoßen, erzählt Koch.

Für den Abbau von Planungsbarrieren im Radverkehr engagiert sich die Radlobby Niederösterreich. Landesweit gibt es zwanzig Ortsgruppen.

Seit letzter Woche hat auch Ebreichsdorf eine eigene Radlobby. Ihren Auftakt feierte sie mit der „Ersten Ebreichsdorfer Rad-PaRADe“ anlässlich des Verkehrswendetages, bei der über 50 Teilnehmende mit radelten.

Eines der ersten Anliegen der Radlobby besteht darin, sich für den Ausbau der Radwege zwischen den Ebreichsdorfer Stadtteilen und den Nachbargemeinden einzusetzen.

„Mir persönlich ist es wichtig, dass Kinder sicher Rad fahren können, besonders am Weg zur Schule oder in den Kindergarten. Aus Rad fahrenden Kindern werden sehr wahrscheinlich Rad fahrende Erwachsene“, betont Ortsgruppenleiterin Elisabeth Füssl. Kontakt: ebreichsdorf@radlobby.at

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