Hilfe muss leicht zu finden sein

Erstellt am 05. November 2019 | 04:11
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Noch immer ist der Mord in Kottingbrunn Gesprächsthema Nummer 1 in der Gemeinde.
Foto: APA/Monatsrevue/Thomas Lenger
Eine Woche nach der Bluttat plädieren Expertinnen für mehr Geld & Aufklärung.
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Die Fakten zum Gewaltverbrechen in Kottinbrunn vom Sonntag, 27. Oktober, liegen jetzt in Form von Obduktionsergebnissen auf dem Tisch. Die Frau des Verdächtigen wurde mit vier Messerstichen und die Tochter mit zwei Stichen getötet, sagte Erich Habitzl, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, auf APA-Anfrage.

Der elf Monate alte Sohn „dürfte an den Folgen des Versuchs der Erstickung gestorben sein“. Die Messerstiche richteten sich laut Habitzl jeweils gegen den Oberkörper. Die Beauftragung eines psychiatrischen Gutachtens zum Beschuldigten „wird geprüft“, sagte der Sprecher. Bisher seien noch keine Sachverständigen bestellt worden.

Gegen den 31-Jährigen wird wegen des Verdachts des dreifachen Mordes ermittelt. Der Mann befindet sich in U-Haft, er ist nach Polizeiangaben geständig. Bei dem Mord soll es sich um eine Eifersuchtstat handeln.

Anwältin Astrid Wagner hat die Vertretung der Familie der Opfer übernommen. Sie erklärt auf NÖN-Anfrage: „Ich werde mit aller Vehemenz die Interessen der Opfer wahrnehmen. Als überlebendes Opfer oder als Verwandter eines Opfers hat man die Möglichkeit, als Privatbeteiliger an einem Prozess teilzunehmen. Leider wird diese Möglichkeit in Österreich noch viel zu wenig in Anspruch genommen.“ Dabei gehe es vor allem um die Aushandlung von Schmerzensgeld und die psychische Verarbeitung des Erlebten.

Wagner erklärt: „Dass die Familie des Opfers eine gewisse Genugtun daraus zieht, dass der Gerechtigkeit genüge getan wird, ist ein ganz normales Bedürfnis und Teil der Trauerbegleitung.“ Die Leichen sind bereits freigegeben und werden zur Bestattung in die Türkei überführt. Wagner bestätigt, dass sich die Ermordete seit ihrer Heirat verändert habe. Die Schwester der Toten beschrieb es mit den Worten: „Er hat einen Teppich über sie geworfen.“

Sie trug Kopftuch und sagte zu ihrer Schwester: „Pass auf dich auf, wenn etwas mit mir ist, musst du auf die Kinder schauen.“ Die Schwester dachte allerdings an ein gesundheitliches Problem und nicht an eine tödlich endende Attacke ihres Ehemannes.

„Zwei Drittel der Frauen, die bei uns Rat und Hilfe suchen, sind Österreicherinnen"

Bettina Kern von der Frauenberatungsstelle UNDINE in Baden warnt davor zu glauben, dass nur Frauen mit Migrationshintergrund Opfer von häuslicher Gewalt werden. „Zwei Drittel der Frauen, die bei uns Rat und Hilfe suchen, sind Österreicherinnen. Die Gewaltdynamik macht keinen Unterschied zwischen gesellschaftlichen Schichten und ethnischen Gruppen.“ Es beginne immer damit, dass der Mann versuche, seine Frau zu isolieren, ein psychischer Druck werde aufgebaut, egal was passiere „Schuld sind an allem die Frauen. Das gehört zur Psychostruktur gewalttätiger Männer, das ist das klassische Phänomen der Schuldverschiebung. Die Frauen, die zu uns kommen, kennen sich rechtlich nicht wirklich aus und glauben das, was ihnen ihre Männer erzählen, nämlich, dass sie ihnen die Kinder wegnehmen werden und sie finanziell verbluten.“

Dabei seien die Frauenrechte in Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern gut abgesichert. Gaby Steiner ist nicht nur SPÖ-Bezirksobfrau im Nachbarbezirk Mödling, sondern auch die Obfrau des Vereins, der jenes Sozialhilfezentrum betreibt, unter dessen Dach auch das Frauenhaus angesiedelt ist, zuständig für beide Bezirke, Baden und Mödling. Sie ist vor allem empört über die Kürzungen, die Institutionen in jüngster Vergangenheit hinnehmen mussten, die Frauen beraten und unterstützen. Sie erklärt: „Das Budget ist viel zu wenig.

Die Gemeinden müssen viel mehr in Gewaltschutzprävention investieren. Sie müssen in ihren Medien zumindest darauf hinweisen, wo Frauen Hilfe und Schutz finden. Die Frauenhelpline 0800 222 555 muss in jeder Gemeindezeitung zu finden sein. Die Erreichbarkeit des Sozialhilfezentrums kann man auch auf jeder Gemeindehomepage mit dem entsprechenden Link angeben. Hilfsangebote für Frauen müssen einfach viel sichtbarer gemacht werden. Da nehme ich auch die Gemeinden in die Pflicht.“

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