Baden: Silberprinzessin war Muse des Malerfürsten

Erstellt am 22. Januar 2022 | 06:01
Lesezeit: 6 Min
Am Helenenfriedhof in Baden liegt Prinzessin Hanna von Liechtenstein, das Lieblingsmodell von Maler Hans Makart.
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Helenenfriedhof im Jänner 2022: Es ist oft eine unscheinbare Grabstätte, hinter der sich eine längst vergessene Geschichte verbirgt.

Am Gottesacker von St. Helena, in der Gruppe 3/Reihe 1/Grab 7 befindet sich die Ruhestätte von Prinzessin Hanna von Liechtenstein. Das Grab mit dem schlichten Sandstein wurde schon zweimal aufgelassen und wieder belegt, das letzte Mal 2021 auf ganz tragische Weise. Aber wie durch ein Wunder ist der Grabstein seit 1925 erhalten geblieben.

Da es sich um eine Erdbestattung handelte, sind auch die Gebeine der „Muse von Hans Makart“ noch an dieser Stelle. Die wenigsten Besucher wissen, dass es sich bei „Hanna“ um das liebreizende Modell des Malerfürsten handelte, ihr Körper, ihr Antlitz, zigfach in Makart Gemälden verewigt.

Wien 1849: Freude im Hause einer „glitzernden Patrizierfamilie“. Ein süßes Baby kehrte in das Leben von Elise und Josef Carl Klinkosch ein. Hanna, heißt der süße und aufgeweckte Balg, es war das Erstgeborene der Familie. Johanna war buchstäblich mit dem Silberlöffel im Mund geboren. War doch der Vater stolzer Mitbesitzer der Silber-Manufaktur „Klinkosch“ in Wien 2, in der Afrikanergasse 3, mit Niederlassung am Kohlmarkt. 1851 war Josef, der die Silberschmiedekunst durch seinen Vater von der Pike auf lernte, dann Alleininhaber der Manufaktur. Wer in Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, kaufte Tafelsilber bei Klinkosch ein. Auch das Kaiserhaus huldigte seine Produkte, er wurde zum k.u.k Hoflieferant ernannt.

1879 war die Familie ganz oben angekommen, Josef Carl wurde zum Ritter geadelt und das Wappen an derer von Klinkosch verliehen. Auch der Kindersegen stellte sich mehrmals ein; nach Hanna 1849, kamen 1851 Paula, 1852 Isidor und 1853 Arthur gesund auf dieser Erde an.

Aber zurück zu Hanna, der „Silberprinzessin“. Aus dem Baby wurde ein aufgewecktes junges Mädl, von klein auf in der Werkstätte des Vaters mit schönen Dingen umgeben. Als Zehnjährige durchwandelte Hanna geschmückt mit allerlei Geschmeide und märchenhaftem Gewand die Kaiserstadt. Vater Klinkosch musste dem zarten Töchterchen zeigen, wo „Sissi mit ihrem Franzl“ residierte.

Bald kannte die Wiener Gesellschaft das kleine Fräulein mit ihrem exzentrischen Auftreten – „do schaut’s, do kumt de klane Klinkosch, de ‚Süberprinzessen‘, flüsterten sie sich schmunzelnd zu. Aus dem lieblichen Mädchen entpuppte sich eine wunderschöne junge Frau, den bildenden und darstellenden Künsten tief zugeneigt. Das Kulturinteresse lag in ihren Genen, hatte doch ihr Vater eine ansehnliche Sammlung an Kunstgegenständen zusammengetragen. Nachdem „Josef Carl Ritter von Klinkosch am 8. Juni 1888 verstarb, wurde seine wertvolle Kunstsammlung versteigert, die Artefakte zerstreuten sich in aller Herren Länder.

Hanna die Muse des „Malerfürsten“

Irgendwann in den 1870er Jahren, in irgendeinem Ringstraßen-Palais, in der Oper, im Theater oder bei einem farbenfrohen Maskenfest, muss das gottbegnadete Malgenie Hans Makart (1840-1884) auf die anmutige Hanna Klinkosch gestoßen sein. Er war glücklich berührt von der überirdischen Schönheit und Kunstbegeisterung der jungen „Patrizierin“ – der Meister erwählte Johanna zu seiner größten Muse, zur Seelenverwandten und zu seinem Lieblingsmodell.

Nun war Hanna immer öfters in dem riesigen, prunkvollen Atelier anzutreffen, um für den Meister Modell zu stehen – großartige, pompöse Werke entstanden aus der Hand von Makart. Immer mit eingebunden „Hanna die Muse“, so ist sie z.B. in dem Monumentalwerk von 1878 (9,50 mal 5,20 Meter) „Einzug Kaiser Karls V. in Antwerpen“ als Blumen streuende Schönheit für alle Zeit verewigt.

Hanna „Die Falknerin“ auf Schloss Bad Vöslau

In einem weiteren Hauptwerk „Die Falknerin“ ist mit größter Wahrscheinlichkeit das Antlitz von „Hanna Klinkosch“ zu sehen. „Die Falknerin“ hing in der Gemäldegalerie des Schlosses Bad Vöslau, im Besitz deren von Gutmann. Über einige Händlerumwege kam das Gemälde 1937 in den Besitz von Adolf Hitler, der schenkte es am 12. Jänner 1938 Hermann Göring zum 45. Geburtstag, exakt zwei Monate vor dem „Anschluss“ Österreichs an das „Großdeutsche Reich“.

1890: Johanna Elisabeth Maria von Klinkosch wird „Prinzessin von und zu Liechtenstein“: Ein Märchen wurde nun wahr, in zweiter Ehe (die Ehe mit dem Bankier Albert Ottomar Haupt wurde annulliert) heiratete Hanna nun „Aloys-Franz de Paula Maria Prinz von und zu Liechtenstein“. Aus dem Mädchen der Leopoldstadt mit dem Kosenamen „Silberprinzessin“ wurde nun die reife Schönheit, Johanna Prinzessin von Liechtenstein. Mit 41 Jahren gab sie ihrem „Prinz Aloys“ am 30. Mai das Jawort. Alsbald war „Prinzessin Hanna“ in freudiger Erwartung, aber das Leben schlug dann 1891 erbarmungslos zu, das Kind war eine Totgeburt, der kleine Körper des Buben wurde in der Familiengruft am Hietzinger Friedhof (Gruppe 13/Nr. 145) beigesetzt.

Nach diesem Drama erkrankte Hanna schwer, von Schwäche, Schmerzen und Depressionen geplagt. Prinz Aloys und die vier Stieftöchter von Hanna kümmerten sich rührend um die leidende Prinzessin; aber mit der Zeit erwachte Johanna wieder zu neuer Kraft. Das Leben ging weiter, sie bewältigte in den nächsten drei Jahrzehnten, alle Verpflichtungen, die die Aristokratenfamilie Liechtenstein von ihr verlangte. Im kaiserlichen Wien und in der Kurstadt Baden unterstützte sie Sozial-, Human- und Kulturprojekte. Im Ersten Weltkrieg organisierte die Prinzessin zahlreiche Benefizveranstaltungen.

Ihr Gatte, der Prinz, war politisch ein Spitzenmandatar der Christlichsozialen Partei, Sozialreformer in der Donaumonarchie und von 1906 bis 1918 Landmarschall von Niederösterreich. Er starb am 25. März 1920, dem „schwarzen Loisl“, wie er auch genannt wurde, ist ein Ehrengrab am „Wiener Zentralfriedhof“ (Gruppe 32A, Nr. 54) gewidmet.

1920, Endstation der Prinzessin: Das Wien der untergegangenen Habsburgermonarchie war nicht mehr die Stadt der Hanna Liechtenstein, nicht einmal die Silberwarenfabrik ist mehr im Eigentum der Familie Klinkosch gewesen, die Manufaktur wurde schon 1918 vom Berndorfer Großindustriellen Arthur Krupp erworben.

Die Prinzessin zog es nun nach Baden, da war die Welt für Aristokraten in den Zwanzigerjahren noch in Ordnung – der Adel lebte in der Biedermeier-Stadt in einer Art „Zeitkapsel“. Durchlaucht Liechtenstein bezog eine Wohnung auf dem schlossartigen Areal des Grafen Max Attems-Gilleis (Marchet straße 2 bis Rainer-Ring 23). „Hanna“ war in Baden als hilfsbereite, freundliche ältere Frau bekannt. Samstag 31. Jänner 1925, zur abendlicher Stunde war es dann so weit, in Anwesenheit ihrer vier Stieftöchter, sowie Franz Peter Graf von Meran und ihren Neffen Graf Gyula Szechenyi, schloss die Prinzessin für immer ihre strahlenden blauen Augen – so blau wie der Liechtensteinische-Saphirschmuck, den sie zu besonderen Anlässen so gerne trug.

Beim Leichenbegängnis zu St. Helena des 3. Februars, erschien noch einmal eine imposante Abordnung des erloschenen österreichischen Hochadels und erwies ihrer „Prinzessin Hanna“ die letzte Ehr‘.

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