Die „Enzesfelder Rothschild“ Saga

Erstellt am 15. März 2022 | 05:49
Lesezeit: 6 Min
Von 1880 bis ca. 1938 residierten die Rothschilds in Enzesfeld, sie waren ein Segen für die Gemeinde.
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Unendlich viele Geschichten, Anekdoten, Huldigungen und Verleumdungen über die „Weltfamilie-Rothschild“ wurden und werden erzählt. Diese Familie, die es nur in ein paar Generationen von Trödlern bzw. Antik-Münzhändlern zu einem weltumspannenden Finanz-Familienimperium mit Bankhäusern in Frankfurt, Genf, London, Paris, Neapel und Wien schaffte.

Diese Dynastie scheffelte einen unsagbaren Reichtum; wurde von Kaisern und Königen umschwärmt – spendete „Milliarden“ für soziale und kulturelle Zwecke, sie bauten Spitäler, Schulen, Wasserleitungen und Parkanlagen. Die Rothschilds wurden verfolgt, erpresst, enteignet, beraubt und vertrieben, aber die Familie feierte immer wieder eine glorreiche Auferstehung, oder anders gesagt, sie ging nie unter. Man fragt sich nun, was verschlug einige Mitglieder dieser „superreichen Bankiersfamilie“ nach Enzesfeld-Lindabrunn, eine Ortschaft im Tal der Triesting?

Die „Enzesfelder Rothschild-Story“ begann anno 1880 mit Nathaniel Meyer Freiherr von Rothschild. Er war der etwas andere in der Dynastie, nicht der geborene „Banker“ wie sein Vater Anselm Samuel von Rothschild (Begründer der Creditanstalt), oder die meisten seiner Geschwister sowie Verwandten, die durch geschickte Kapitalgeschäfte täglich das riesige Vermögen noch riesiger machten. Nein, Nathaniel war mehr der liebenswerte Philanthrop, Natur- und Kunstfreund, geboren am 26. Oktober 1836 – gestorben am 13. Juni 1905. Als „exzentrischer millionenschwerer Baron“ verwirklichte er seine Träume und Visionen, zwischen Wien, Reichenau und Enzesfeld.

Um 850.000 Gulden (heutige Kaufkraft ca. 11.400.000 Euro), erwarb der 44-jährige Baron 1880 die Herrschaft Enzesfeld samt Gutsbetrieb und Schloss. Ob es ein Spekulationskauf war oder Liebe auf den ersten Blick, ist nicht bekannt. Aber interessant ist, dass etliche Wirtschaftsmagnaten wie Arthur Krupp in Berndorf oder Baron Adolph Pittel in Weissenbach, im Triestingtal schon angesiedelt waren. Nicht zu vergessen der megareiche Simon Reichsgraf von Wimpffen, der in Neuhaus einen extravaganten Kurort entstehen ließ. All diese Männer waren aus dem gleichen Holz geschnitzt, sie lebten in einer Welt voller Visionen, die sie im Triestingtal entstehen ließen und da passte der Phantast „Baron Rothschild“ bestens dazu.

Als Nathaniel am 11. Mai 1880 zum ersten Mal in seinem „Schloss zu Enzesfeld“ Einzug hielt, waren alle Häuser würdevoll geschmückt, zig Flaggen gehisst und mit Böllerknall und Jubel wurde der Baron empfangen. Die Bevölkerung wusste, wer da nun einer der ihren war. Nathaniel von Rothschild war einer der reichsten Männer der Donaumonarchie und das sollte gewiss kein Nachteil für Enzesfeld sein. Es ging mit dem Bau einer Wasserleitung mit klarem Quellwasser los. So ab 1882 begann der Baron, der sein ganzes Leben ledig und kinderlos blieb, seinen „Traumpalast“ so richtig traumhaft einzurichten. Antiquitäten wurden sowohl aus seiner Kunstsammlung in Wien, sowie aus aller Herren Länder nach Enzesfeld geschaffen. Eine einzigartige Holzdecke aus dem 16. Jahrhundert, die aus Schloss Engelstein im Waldviertel stammte, zierte nun seinen Speiseraum. Das schmiedeeiserne Einfahrtstor mit der Jahreszahl 1716 dürfte aus dem Nachlass von Hans Makart stammen.

Ein nach allen Richtlinien der Kunst ausgestaltetes Fotoatelier wurde im Schloss eingerichtet. In der romantisch angelegten Parkanlage befanden sich so manche botanische Gustostückerl. Das „Lapidarium“ umfasste eine große Anzahl von Steinskulpturen, ein Prunkstück war der Phantasiebrunnen mit Werkstücken aus dem Stephansdom, geschmückt mit steinernen Nymphen, kauernden Fabelwesen und Putten, die mit Schlangen kämpften. Sein angrenzender Pferderennstall war im ganzen Kaiserreich bekannt. 1890 erzielte der Baron, nur mit drei seiner erfolgreichsten Vollblutpferde – Resolute, Mac Intosh und Quaker – die stolze Siegerprämie von 31.145 Gulden, heutige Kaufkraft 457.357 Euro.

Die Einrichtungen der Herrschaft Enzesfeld, mit Forst-, und Gutsverwaltung, mit dem Pferderennstall, mit Schloss und Parkanlage, erforderte eine Unzahl an Bediensteten; Rothschild schaffte Arbeitsplätze und die Bevölkerung schaffte gerne für ihren Baron – auch ein Pkw-Chauffeur mit Familienname Bender stand auf der Lohnliste von Nathaniel Rothschild.

Das Vermächtnis der „Enzesfelder-Rothschilds“

3. März 2022: In meiner Funktion als Friedhofsgucker betrete ich das Gemeindezentrum in Enzesfeld, ich werde von Bürgermeister Franz Schneider herzlich empfangen. Eine 570-seitige Chronik von Enzesfeld-Lindabrunn liegt auf seinem Schreibtisch. Ich halte Einblick, vieles ist über die Rothschilds darin bekundet.

Der Bürgermeister braucht aber da gar nicht reinzuschauen, er beginnt sogleich zu erzählen „die Rothschilds, allen voran Nathaniel, waren ein Segen für die Gemeinde, ihr Wirken und Schaffen, von 1880 bis ca. 1938 strahlte in alle Richtungen des Gemeindegebietes, Schulen wurden gebaut, Lehrmittel angeschafft, Bürgerspital (Armenhaus) mit der Kirche saniert, jedes Jahr große Spenden an die ärmere Bevölkerung vergeben. Die Schlossparkanlage war für jedermann zugänglich, die Rothschilds bauten Straßen, betrieben ein Bergwerk (ab 1915) sowie einen Golfplatz (ab 1930), sie spendeten Kirchenglocken und die Ortsfeuerwehren wurden großzügig bedacht“, berichtet der Ortschef weiter.

Nathaniel Baron von Rothschild verstarb um 0.30 Uhr des 13. Juni 1905 nach langem schweren Leiden in seinem Wiener Palais in der Theresianumgasse 14. Der Todgeweihte war mit tausenden von Kunstgegenständen aus seiner Sammlung umgeben, am Sterbebett wachte sein Freund „Zentraldirektor Julius Schuster“, sein „Leibarzt Dr. Brigl“ und seine trauernde Dienerschaft. Der Baron wurde am Wiener Zentralfriedhof (Tor 1/Gruppe 6/Reihe 29/Nr. 49-51) zur ewigen Ruhe gebettet.

Der Haupterbe der Herrschaft Enzesfeld war sein Bruder „Albert Salomon von Rothschild“, er war mit „Bettina Caroline de Rothschild“ verheiratet, die Baronesse gebar ihrem Gemahl sieben Kinder. Albert war ein wagemutiger Bergsteiger, unter anderem bezwang er auch das Matterhorn. Er galt als der reichste Europäer, 1910 wurde sein Vermögen auf eine Milliarde Kronen geschätzt. Albert verstarb am 11. Februar 1911 im Alter von 67 Jahren. Vier Monate nach dem Tod ihres Vaters verlobte sich Baronesse Valentine Noemis – liebevoll nur Valli genannt – auf Schloss-Enzesfeld mit dem Londoner Bankier Siegmund Springer. Valli war wunderschön, eine Meisterschützin und sehr belesen; sie war taubstumm und konnte von den Lippen deutsch, französisch und englisch ablesen. Das Erbe von Gut-Enzesfeld bekam aber Vallis Bruder Eugen, er steuerte die Herrschaft nun durch schwere Zeiten. Der Erste Weltkrieg begann, Eugen Baron von Rothschild meldete sich freiwillig, er überlebte die Gräuel des Krieges und wurde mit dem Militärverdienstkreuz 3. Klasse gehuldigt.

Eugen hatte, wie sein Onkel Nathaniel, keine Lust auf Bankgeschäfte. Er heiratete 1925 Cathleen „Kitty“ Wolff, eine Persönlichkeit der amerikanischen High-Society. „Kitty“ war mit Wallis Simpson befreundet, der späteren Gemahlin von Edward VIII Herzog von Windsor und so entstand die Bekanntschaft zwischen Eugen Rothschild und Edward Windsor. Noch einmal stand Enzesfeld mit den Rothschilds im Scheinwerferlicht der Weltgeschichte, niemand geringerer als Englands Ex-König und Kaiser von Indien, Duke of Windsor – Edward VIII, residierte von Dezember 1936 bis März 1937 auf Schloss Enzesfeld. Über diese märchenhafte Liebesgeschichte werden wir in nächster Zeit berichten.

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