Tattendorfer Pfarrer Kremar von Rotarmisten ermordet

Erstellt am 11. Juli 2022 | 04:50
Lesezeit: 6 Min
Auf den Spuren des Tattendorfer Pfarrers Alois Kremar, der im April 1945 von russischen Soldaten erschossen worden war, als er sich schützend vor Frauen und Kinder stellte.
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Ostermontag, 2. April 1945

Ein weiterer zermürbender Kriegstag beginnt – die Wehrmacht verblutet auf den Feldern und Wäldern im „Reichsgau-Niederdonau“ – die Rote Armee fegt brandschatzend und mordend durch die Voralpen, den Wienerwald und durch das Steinfeld. Zu den Osterfeiertagen sprengten SS-Männer noch die zwei „Tattendorfer-Triestingbrücken“ – das Kriegsdrama ging ins Finale – die Schlacht um Wien begann…

Tattendorf – Dienstag, 3. April 1945

„Es ist so weit, sie sind da“! So beginnen die „berührenden“ Aufzeichnungen der Maria G. – 1945 ein ca. 18-jähriges Mädchen, das die Gräueltaten in ihrer Heimatgemeinde unter Angst und Schrecken „hautnah“ miterlebte. Nie mehr im Leben brachte Maria die schaurigen Bilder aus ihrem Kopf! 1995 schrieb sie die Erlebnisse nieder, niemand könnte mehr den „Schreckenstag 3. April 45“ besser beschreiben, als es die Zeilen der Maria G. bekunden, die wir nun auszugsweise bringen.

„...dann rollten die ersten russischen Panzer durch unsere Gasse, Maschinengewehrsalven wurden abgeschossen und wir beschlossen (Maria G. mit Eltern) in den Luftschutzkeller, der im Pfarrhof war, zu gehen. Es war ein Spießrutenlauf und wir dankten Gott, als wir heil im Keller waren. Da saßen wir zusammen mit unseren Nachbarn und horchten mit klopfenden Herzen und Todesängsten auf die Geräusche der durchfahrenden Panzer, nach ca. einer Stunde wurde es ruhig und der Herr Pfarrer Kremar beschloss, gemeinsam mit meinem Vater einmal oben nachzusehen."

"Nach einiger Zeit kam Herr Pfarrer dann wieder zu uns herunter und berichtete, dass ihm die Russen schon ein Paar Schuhe ausgezogen hätten und damit verschwanden. Ich redete Hochwürden zu, er möge doch seinen Talar anziehen. Wenn die Russen sehen, dass er ein Priester ist, lassen sie ihn vielleicht in Ruhe. Er aber hatte Angst, dass sie gerade einen Priester hassen und blieb lieber in seinen Zivilkleidern – tödlicher Fehler? … Es ging auf Mittag zu, es kamen immer mehr Leute in den Keller, die berichteten, dass Einwohner von russischen Soldaten ihrer Uhren beraubt und geschlagen wurden. Von ihnen hörten wir, dass zwei deutsche SS-Soldaten am Hauptplatz erschossen wurden und auf der sogenannten ‚Kaisereiche‘ aufgehängt baumeln. Auch Mädchen werden gesucht – schreckliche Aussichten…“

„Der Keller des Todes“

Es war eine unsagbare dramatische Stimmung – stickige Luft – gemischt mit Angstschweiß. Wimmern, flehen und Gebete drangen aus dem unterirdischen Gewölbe. Maria G. berichtet weiter: „Auf einmal ein Gepolter und Lärm an der Kellertür. Über die Stiegen kamen zwei russische Soldaten, den Pfarrer in der Mitte, zu uns herunter. Mit schussbereiten Maschinenpistolen machten sie uns klar, dass wir alle hinauf müssen. Einer von den Russen packte ein Mädchen beim Kragen und wollte es…, im Gedränge konnte diese aber untertauchen. Der Russe versuchte es nun bei mir und hielt mich vorne an der Brust fest! Ich war unfähig mich zu rühren, aber meine Mutter packte mich um den Rücken und schob mich rasch die Stiegen hinauf. Oben im Gang stand dann noch ein Soldat, der uns mit dem Maschinengewehr in Schach hielt und nicht zur Tür hinausließ. “

Schwerverletzter Pfarrer durch Kopfschuss ermordet

„Inzwischen versuchte der Russe im Keller das letzte junge Mädchen (Maria H.) zurückzuhalten, aber auch diese konnte durch eine Hintertür fliehen… Herr Pfarrer Kremar und ein junger Bursche (Josef G.) waren die Letzten und versuchten den rabiaten Russen zu beruhigen. Auf einmal fielen Schüsse an der Kellertür, der Posten, der auf uns aufpasste, wurde dadurch abgelenkt und meine Mutter schob mich rasch zur Tür hinaus und wir rannten um unser Leben. Ich habe nur noch die Stimme des Herrn Pfarrers gehört, wie er sagte – ich glaube, mich hats erwischt…“ Maria G. konnte nach Hause flüchten und erfuhr erst später, was sich im Pfarrhaus weiter abspielte – „Durch einen Nachbarn, der im Keller zurückgeblieben war und sich versteckte, erfuhren wir erst viel später, dass ein Rotarmist mit dem Herrn Pfarrer wieder in den Keller kam und den Schwerverletzten durch einen Kopfschuss tötete… Gegen Mittag horchten wir auf einmal erstaunt auf. Die einzige Kirchenglocke, die uns Hitler gelassen hat, fing plötzlich an zu läuten. Wie war das möglich? Wir hatten doch keinen Pfarrer mehr… Am Abend erfuhren wir dann, dass zwei Bauern, welche vom – Volkssturm – nach Hause kamen, nach dem toten Pfarrer suchten, ihn im Keller fanden und im Pfarrgarten beerdigten. Gerade zu dieser Zeit läutete die Glocke und kein Mensch weiß bis heute, wer das tat…“ – So die verkürzte Aufzeichnung der Maria G. Jahrgang 1927.

Freitag, 24. Juni 2022

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Pfarrer Alois Kremar ist mit weiteren vier Chorherren am Tattendorfer Friedhof bestattet.
Foto: Dietmar Holzinger

Als „Friedhofsgucker“ ist mir die Ehre zuteilgeworden, mich an den Schauplatz des Mordes an dem „Augustiner-Chorherrn“, Pfarrer Alois Kremar, (1908 - 1945) zu begeben. „Pfarrer Matthias Vinh Hoang“, der seit mehr als 20 Jahren der gute Apostel von Tattendorf ist, begrüßt mich an der Schwelle des Pfarrhofes. Hochwürden führt mich durch die Räumlichkeiten, wo Alois Kremar bis zum 3. April 45 wirkte, einiges erinnert noch an die Zeit des Seelsorgers – wie die Möbel im Historismus-Stil, die Heiligenbilder an der Wand und Reliquienmonstranzen im Regal. In einem schweren Kasten sind die Matriken-Bücher untergebracht. Der letzte schriftliche Eintrag, den Alois Kremar im Totenbuch vollzog, war am 7. März 45 – Frau Helene Scholz war mit 35 Jahren verstorben."

"In der nächsten Zeile wird schon der Tod von Pfarrer Kremar bekundet – von Russen erschossen – steht da geschrieben. Nun geht es hinunter in das finstere Kellergewölbe, wo die Rotarmisten „Hochwürden“ aufs Brutalste das Leben aushauchten, weil er sich schützend vor Frauen und Kinder stellte. Mir läuft es kalt über den Rücken, hier in der dunklen Unterwelt des Pfarrhofes hat sich also das Drama abgespielt. In meinem Geist erscheinen mir angstvolle Blicke, verzerrte geisterhafte Gestalten, hasserfüllte Männer in Uniform, alles in einem grauen Nebel der Vergangenheit, mir schnürt es die Kehle zu – ich muss hinauf ins Licht. Pfarrer Mattias weckt mich aus meiner Trance und erzählt mir – „dass Alois Kremar Ende September 45 aus der ungeweihten Erde des Gemüsegartens exhumiert wurde und am Samstag, 6. Oktober 1945, zur ewigen Ruhe am Tattendorfer-Friedhof gebettet wurde“.

Die Grabstätte ist bis heute erhalten – zum Gedenken an den Menschenfreund – Gottesjünger und Märtyrer – Pfarrer Alois Kremar.

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