Dokumentation des Grauens: Die Kartei der Zwangsarbeiter

Erstellt am 25. Juli 2022 | 04:59
Lesezeit: 3 Min
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Das Hauptgebäude der Enzesfelder-Metallwerke in der NS-Zeit, hier wurden die meisten Zwangsarbeiter benötigt.
Foto: Chronik Enzesfeld
Erhalten gebliebene Liste mit 20.000 Namen von Geschundenen.
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Noch immer wird in den Stollen geforscht, wie NÖN Reporter Didi Holzinger mit Höhlenführer Ernst Fischer; Die Villa des „Big Nazi“ Karl Gschiel; Baracke eines der Lager im Gemeindegebiet, 23 Nationen hielten sich im Ort auf und mussten überwacht werden; in der Umgebung des Frauentalkreuzes wurden 1943 russische Zwangsarbeiter gehängt.
Foto: Fotocollage: Dietmar Holzinger

Anfang April 1945 wird Ostern gefeiert - aber mit viel Trauer und Leid, es sind wohl die blutigsten Feiertage, die das Tal je erlebte. Die „Rote Armee“ rollt unaufhaltsam heran. Im munitionserzeugenden Enzesfeld herrscht Katastrophenstimmung, die Zivilbevölkerung zittert einerseits vor der abrückenden Wehrmacht, die im Machtrausch vor nichts zurückschreckte und der anrückenden Sowjetarmee.

In Enzesfeld wurde der „Volkssturm“ aus alten Männern und kindlichen Buben zur Verteidigung herangezogen. Kommandant war der Bürgermeister – NSDAP-Ortsgruppenleiter und Direktor der Metallwerke Karl Gschiel. Der Nazi war an mindestens sechs Ermordungen an Zwangsarbeitern beteiligt. Noch bevor die Russen Enzesfeld „befreiten“, flüchtete er Richtung Kärnten.

Die verbliebenen Nazischergen hatten alle Hände voll zu tun – tonnenweise vernichteten sie Akten, vollzogen noch Hinrichtungen und beseitigten Leichen in Massengräbern. Ein großes Problem waren nun die „Arbeitslager“ im Gemeindegebiet, hunderte geschundene Leiber, warteten auf ihre Befreiung. Um den 1. April konnte sich eine Gruppe griechischer Arbeiter durch den Stacheldraht in Freiheit flüchten. In ihren Lager-Karteikarten wurde noch vermerkt „ohne polizeiliche Abmeldung entfernt“.

Über 20.000 Namen aufgezeichnet

In der „Zwangsarbeiter-Kartei“ waren die „Lager-Menschen“ aufs Penibelste erfasst. Die Aufzeichnungen beinhalten nur die Lager im Ortsgebiet Enzesfeld-Lindabrunn. Alles war eingetragen bis zur Hinrichtung. Die brisanten Akten wurden ins Freie geschleppt und in ein Erdloch geworfen – sie sollten angezündet, vergraben oder gesprengt werden, aber dazu kam es nicht mehr.

Am 3. April 1945 besetzte die „Rote Armee“ Enzesfeld und Unbekannte retteten die Kartei, die Kunde über die Menschen aus den Lagern I bis III, sowie über Zivilarbeiter in Subwohnstätten geben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind auch die verbliebenen Zwangsarbeiter von russischen Truppen befreit worden.

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Die Zwangsarbeiter Kartei von Enzesfeld – tausende Namen und jeder wäre eine Geschichte wert - Amtsleiter Gregor Gerdenits forscht seit langem in den Unterlagen der „NS-Arbeitssklaven“
Foto: Fotocollage: Dietmar Holzinger

Juli 2022 im neuen Rathaus zu Enzesfeld: Amtsleiter Gregor Gerdenits, der sich seit Jahrzehnten mit dem Archiv beschäftigt, zeigt auf einen versperrten Stahlschrank, der die „Sklavenarbeiter-Kartei“ enthält. „Sein Inhalt besteht aus über 20.000 Namen von Zwangs- bzw. Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen aus 23 Nationen, die in der Munitionserzeugung, im Tunnel- und Bunkerbau, sowie im geheimnisumwobenen Luftwaffenlager im Thalleitenwald schufteten.“

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Zusammengebrochener Raum im Enzesfelder-Hauptbunker.
Foto: Dietmar Holzinger

Viele der Karteikarten sind noch unerforscht, haben ihre eigenen Geheimnisse, wie der Akt des evangelischen Priesters Johannes Albrecht, der von dem 550 km entfernten Bautzen (Sachsen) am 27. Februar `45 in Enzesfeld eintraf und schon am 5. März 1945 nach Winzendorf weiter transportiert wurde.

Im April 1944 dürften die Kruppwerke Mangel an „Arbeitssklaven“ gehabt haben, so wurden russische Zwangsarbeiter ins Lager-Berndorf geliefert. Laut Zeitzeugen sollen 1943 beim Frauentalkreuz (Übergang von Lindabrunn nach Enzesfeld) russische Arbeiter wegen Sabotageverdacht gehängt worden sein. Eine mit Schreibmaschine erstellte Liste vom Jänner 1947 bekundet über erschossene Zwangsarbeiter. Auf dem Papier steht unten links – handgeschrieben: „26 Kinder von Ostarbeitern“. Dabei dürfte es sich um 26 kleine Seelen handeln, die außerhalb der Friedhofsmauern beerdigt sein dürften.

Manche Nationen holten ihre ermordeten Landsleute nach Hause, so wie die französische Militärmission, die am 2. Dezember 1947 sechs Staatsangehörige zum Abtransport in die Heimat exhumierten. Viele Rätsel und Schicksale beherbergt noch diese Kartei und Gerdenits ist bemüht, so manche Geschichte des „Archivs der Zwangsarbeit“ dem Vergessen zu entreißen…

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