Baron Braun und der Tempel der Nacht

Erstellt am 28. März 2022 | 05:11
Lesezeit: 6 Min
Der Friedhofsgucker auf den Spuren von „Peter Andreas Gottlieb Franciscus de Paula-Freyherr von Braun“.
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Im ausgehenden 18. Jahrhundert war in Schönau an der Triesting einmal ein Park, eine Anderswelt mit Grotten, Feen, Nymphen, Geistern und Zwergen, eine Stätte mit Schwanenteich, Liebesinsel, Wasserfällen, ruinenartigen Brücken, Fischer- und Jagdhütten und Theaterhaus; mit einem unterirdischen Labyrinth, das in den sogenannten „Tempel der Nacht“ führte. Dieser neu erschaffene Ort, wurde nicht nur für ausschweifende Festlichkeiten des Hoch- und aufstrebenden Industrieadels, sondern auch für geheime Zeremonien der Freimaurer verwendet.

Es war eine geheime Stätte für frivole Rollen-, Masken- und Lustspiele der Gesellschaft des kaiserlichen Hofes zu Wien. In der Mitte des „Areals der Träume“ wurde aus dem alten Gemäuer einer Wasserburg ein märchenhaftes Schloss geschaffen. Diese riesige Anlage entstand im Gehirn eines Fantastens, eines Bürgers, der einen kometenhaften Aufstieg als Beamter in der Kaiserstadt Wien schaffte – durch Spekulationen und als Industrieller kam er zu unsagbaren Reichtum. Millionen steckte er ab 1796 in sein „Land der Träume“ in Schönau – sein Name – „Peter Andreas Gottlieb Franciscus de Paula-Freyherr von Braun“

Wien: Das Baby „Peterl“ – in dem schon der Geist eines exzentrischen Fantasten mit dem Hang zu Reichtum schlummerte, wurde genau in die richtige Zeit hineingeboren, nämlich in die Epoche der Romantik. Peterl ist am 2. Juli 1758 in der Hofratsfamilie Braun angekommen. Der Vater, Johann Gottlieb von Braun (gestorben 1788) war einer der vielen Hofräte im Dienste von Kaiserin Maria Theresia und ihrem Sohn Kaiser Joseph II. Die Mutter, Anna Franziska, umsorgte rührend ihre fünf Kinder.

1777 – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Peter Braun wird wie sein Vater erst einmal Beamter, schon mit 19 Jahren wurde er in der Buchführung der Staatenverwaltung eingesetzt. Peter erkannte, dass er ein goldenes Händchen in Sachen Finanzen hatte, auch seinen Vorgesetzten blieben diese Fähigkeiten nicht verborgen. Peter Braun stieg die Beamtenleiter immer höher, bis er sich Hofsekretär nennen durfte.

In dieser Funktion hatte er besten Einblick in die riesigen Finanzmachenschaften der Aristokraten und Wirtschaftsmagnaten. „P.B.“ lernte schnell, durch waghalsige Kapitals-Transaktionen schuf er sich sein Spielkapital. An der noch jungen Wiener-Börse (1771 gegründet) vermehrte „Peter im Glück“ fast täglich sein Vermögen. In nur 10 Jahren schaffte es der Beamtensohn aus Wien zu einen millionenschweren Investor in der Donau-Monarchie.

Peter Braun wurde von drei Kaisern befördert bzw. gefördert:

Noch im Sterben verlieh Kaiser Josef II. 1790, Peter Braun die „Truchsessen-Würde“ mit diesem Titel konnte man bei Hof so allerhand erwirken. So um 1791 ernannte Leopold II. dann „P.B.“ zum „kaiserlichen Großhändler“ und unter „Franz II/I“ übernahm er die Leitung der Hoftheater (Burg und Oper), 1795 wurde er dann zum „Freyherrn“ ernannt. Im Jahre 1802 ist er dann Ehrenbürger der Kaiserstadt Wien geworden, 1811 gründete er die Baumwollspinnereien in Sollenau und Schönau.

Peter von Braun der Immobilien-Magnat

Durch die Börse zu unsagbaren Reichtum gekommen, musste er nun sein Vermögen gewinnbringend anlegen, er erwarb historische Gebäude wie in Erlaa, das Michaelerhaus in Wien, Liegenschaften in Sollenau, die Herrschaften Enzesfeld und Schönau. 1804 kaufte Braun das Theater an der Wien und Ludwig van Beethoven, der im Theatergebäude wohnte, bekam Braun gleich dazu. Beethoven komponierte gerade seine Oper „Fidelio“ – die Uraufführung gab es dann natürlich im Theater von Peter von Braun am 20. November 1805.

Des „Phantasten-Brauns“ größtes Projekt und sogleich der Untergang: 1796 kauft „P.B.“ von Maria Anna Fürstin von Grassalkovitz das Anwesen in Schönau. Durch Baron Braun begann für Schönau eine nie wiederkehrende Glanzzeit, ein Ort in der „Romantik“, der wie ein riesiger Kristall in alle Himmelsrichtungen strahlte. Mit glitzernden Festen, wo sich unter anderem auch das Kaiserpaar „Franz II/I“ mit seiner zweiten Gemahlin Maria Theresia von Neapel-Sizilien ein Stelldichein gaben. In einem silbernen „Muschelwagen“, gezogen von sechs Schimmeln und mit einer illustren Gesellschaft von feinen Damen und Höflingen, kamen sie in das „Traumland“ und bis in die späten Abendstunden frönte man „lustigen Spielen“ und Anderweitigem? Das alles bezahlte Baron Braun; zu Hofe in Wien wurde er von der adeligen Weiblichkeit als der „schöne Peter“ bezeichnet.

Ob die Geschichte über ein „Techtelmechtel“ mit der Kaiserin stimmt, konnte nie geklärt werden, Fakt ist aber, dass „P.B.“ seiner jungen Monarchin, die im Volksmund liebevoll „Reserl“ genannt wurde, jeden Wunsch von den Lippen ablas. So fantasierte „Reserl“ von einer winterlichen Schlittenfahrt mitten im Sommer, Braun erfüllte ihr das Begehren, er ließ in seinem Park tonnenweise Salz auftragen und mit ein paar anderen Zutaten wurde eine Schneelandschaft gezaubert. Barockschlitten wurden herbeigeschaffen und mit Schellenklang fuhr dann die „Kaiserin“ bei 30 Grad plus durch das „Winterwunderland“, persönlich kutschiert von dem Hausherren Peter von Braun.

Obwohl durch den Staatsbankrott 1811 finanziell geschwächt, baute „P.B.“ bis 1816 an seiner Traumwelt weiter. Eines der letzten Projekte war das pompöse „Löwentor“ in Günselsdorf, es diente als Eingang in die Anderswelt des Peter von Braun. 1817 verkaufte er sein Anwesen an „König Jerome, Napoleon Bonaparte“. Peter von Braun verlies Schönau und kehrte nie wieder; nun fehlte die Seele in dieser Zauberwelt, Laub, Gehölz und Schutt verschlangen den Ort der Träume.

Der Tod und die Suche nach der Grabstätte

Peter von Braun, der Fantast, verstarb am 15. November 1819 im großen „Michaelerhaus“ in Wien – Kohlmarkt 11, an einem Nervenschlag.

Der Leichnam des Barons wurde dann nach Sollenau überführt und bestattet.

In meiner Funktion als Friedhofsgucker fragte ich mich aber nur wo? Am heutigen Friedhof gibt es keine Spur von Braun! Zur Hilfe kam mir der Sollenauer Chronist und Autor Günter Kerschbaumer, der mich über die Grabstätte aufklärte. „Die Gruft von Gattin Karoline und Peter von Braun lag am südlichen Kirchenschiff (äußere Kirchenmauer) zwischen dem zweiten und dritten Außenpfeiler. 1875 war das Gruftgewölbe schon sehr einsturz- gefährdet und der Grabstein neigte sich Richtung Gruftschacht“; der Chronist philosophierte weiter „niemand kümmerte sich mehr um die Grabstätte, sie wurde abgerissen, die Särge samt Gebeine versenkt, verschüttet und planiert – weg von dieser Erd“; ca. 200 Jahre nach Peter Brauns Beerdigung kam beim Entrümpeln eines Kirchenkellers eine Grabtafel mit dem Namen des Märchenbarons zum Vorschein.

Die Tafel ist heute im Pfarrmuseum Sollenau sicher verwahrt. Sie ist das letzte Andenken an die Grabstelle von Braun.

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