Fliegender Rittmeister: Der tollkühne Aeronaut des Kaisers

Erstellt am 04. Oktober 2022 | 05:21
Lesezeit: 6 Min
Der Friedhofsgucker über „Johann Ritter Umlauff von Frankwell“, Flugpionier der k.u.k. Habsburg-Armee.
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Vittorio-Veneto, Italien / Leobersdorf, NÖ: Erster Weltkrieg, 24. Oktober 1918 – Nordostitalienische-Front – um drei Uhr morgens, begann die „dritte Piave-schlacht“. Italiener, Franzosen, Briten, Amerikaner sowie die Tschechoslowakischen Legionen stürmen gegen das zerbröckelte Bollwerk der k.u.k. Habsburg-Armee.

Im Grappa-Massiv in den Dolomiten kam es zu einem entsetzlichen Inferno, hoch oben in den Felswänden oder unten am Fluss Piave wurde auf die grausamste Weise gekämpft. In den Stellungen wateten die verzweifelten Soldaten durch Morast, Blut und Leichenteile. Durch Bajonette durchbohrte Leiber, durch Gas vergiftete zitternde Körper schreien nach ihrer Mutter, nach Sanitäter.

Manche Sterbende suchten Trost bei einem Feldgeistlichen – am Himmel sind die ersten Luftkämpfe zu sehen – italienische Flieger bombardieren Villach, Liezen sowie kriegswichtige Hafen wie Pula. Andererseits warfen die österreichischen Piloten ihre todbringende Fracht zwischen Ravenna, Rimini, Treviso, Padua und Venedig ab. Eine tragende Rolle in diesem Kriegsdrama spielte das Fliegerass „Johann (Hans) Ritter Umlauff von Frankwell“, der Anfang April 1918 zum Kommandant der Luftstreitkräfte beim Heeresgruppenkommando des „Feldmarschall Svetozar Boroević von Bojna“ ernannt wurde und bis zum bitteren Ende Kaiser Karl die Treue hielt. Der italienische Sieg bei Vittorio-Veneto besiegelte am 4. November das Ende Österreich-Ungarns.

Als Oberst i. R. kehrte „Johann Ritter Umlauff von Frankwell“ im Dezember 1918 von dem grauenvollen Gemetzel nach Leobersdorf heim, wo er mit seiner Gattin Friederike (geb. Notthaft), im bürgerlichen Anwesen an der Hauptstraße 55, residierte und bei einem naheliegenden E-Werk Teilhaber wurde – bis heute sind die Umlauff`s an dieser Stätte anwesend – die untergebrachte Firma „Umlauff-Fahrzeugteile“ ist jedem „Schrauber“ ein Begriff…

Leobersdorf – 9. September 2022: Als „Friedhofsgucker“ wird mir die Ehre zu Teil, ein Interview mit Peter Umlauff zu führen, der agile 83-Jährige ist der Großneffe des Fliegerpioniers und Hüter des historischen „Umlauff-Archivs“. In dem geschmackvoll eingerichteten Bürgerhaus hat er schon alles vorbereitet für eine Zeitreise zurück in die königlich-kaiserliche Welt der Donaumonarchie, eben in die Welt des „Johann Ritter von Umlauff-Frankwell“. Kartons mit Fotos, Schriftstücke, Adelsbrief, Beförderungen, Orden, Uniformteile, ja sogar die Brille des „Fliegenden Rittmeisters“ hat „Peter U.“ am noblen Eichentisch ausgebreitet. „Übrigens, das Pseudonym - Der fliegende Rittmeister - stammt aus der gleichnamigen Operette von Hermann Dostal; mit diesem Werk setzte der Komponist 1912 dem Rittmeister Umlauff-Frankwell ein ewiges Andenken. Meister Dostal war auch des Öfteren hier im Haus, bei seinem Großonkel zu Gast“, erzählt Peter Umlauff gleich zu Beginn unseres „fiktiven Fluges“ zurück in die Vergangenheit.

1884 startete seine militärische Laufbahn

Wir landen in Braunschweig, hier erblickte Johann U. am 22. Dezember 1866 das Licht dieser Welt, seine Wiege stand in einer gut situierten Beamtenfamilie mit musikalischen Wurzeln. In den nächsten Jahren verschlug es die Familie in die Kaiserstadt Wien, wo auch schon Familienmitglieder der Umlauffs wohnten und hohes Ansehen genossen.

Als 18-Jähriger trat der „Hans“ in das „k.u.k. Infanterie-Regiment Nr. 60“ ein, er besuchte die Kadettenschulen in Wien und in Liebenau (Graz) – 1889 war er dann schon Dragoner-Leutnant.

Peter Umlauff, der 83-jährige Großneffe, kramt in einer Schachtel mit vergilbten Fotos von Motorfahrzeugen und Flugapparaten, im Gedanken in diese Fotografien versunken – murmelt er so vor sich hin - „ja, ja, der Onkel Johann war nicht nur ein Mann des Militärs, er war ein Automobilist und Flugbesessener der ersten Stunde“. Seine Freundschaft zu Igo Etrich brachte ihn zum Flugwesen…“

Der Flugpionier: 1910 legte der „Rittmeister“ die Pilotenprüfung ab. Mit Ludwig Lohner und Ferdinand Porsche forschte Umlauff an „Rodelgleitflugzeugen“, diese Fluggeräte sind im Winter 1909/10 mit Unterstützung des Industriellen Carl Zugmayer bei Waldegg erprobt worden. In einem angemieteten Hangar am Flugfeld Wr. Neustadt wurde an den verschiedensten Flugapparaten gebastelt. Mit Karl Paulal, ein Konstrukteur der Lohnerwerke, entwickelte Umlauff den „Lohner Pfeilflieger“, der als eines der erfolgreichsten Flugzeuge seiner Zeit galt.

Der große Flug: Mit dem ersten Fernflug von Wr. Neustadt über Wien nach Budapest und retour im Juni 1911, setzte sich Umlauff ein Denkmal in der Fluggeschichte. Eine seiner Siegertrophäen, ein silberner Ikarus, ist im Museum St. Peter a. d. Sperr ausgestellt.

Bruchlandung zu „Maria Himmelfahrt“: Nicht alles ging glatt (!), am 15. August 1911 waren die Götter der Lüfte Umlauff nicht sehr hold – der fliegende Rittmeister erschien um ca. 5 Uhr morgens, in 250 Meter Höhe am Himmel von Bruck a. d. Leitha und setzte zur Landung am Militärlagerplatz an. Durch einen Windstoß zerschellte das Flugzeug an einem Baum. Geschockt und mit leichten Blessuren kroch er aus dem Wrack. Das konnte ihn aber nicht erschüttern, mit einem Automobil fuhr er selbst nach Wr. Neustadt zurück und machte Meldung.

Als Major kam er 1912 zur „k.u.k. Luftschifferabteilung“ – 1913 war Umlauff der erste Träger des Feldpilotenabzeichens. Im August 1914 machte er als Aufklärer die ersten Meldungen über den Aufmarsch des russischen Feindes. 1915, als Oberstleutnant, erwarb er anlässlich der Südtirol-Offensive als Kampfflieger hohe Verdienste.

2022: Ein Foto hat es Archivar Peter Umlauf besonders angetan, das Lichtbild zeigt den „fliegenden Rittmeister“ mit seinem „Austro-Daimler, D25“ Kennzeichen „B I-5“ – diesen Pkw erhielt Johann Umlauff-Frankwell für seinen Rekordflug Wien-Budapest von den Daimlerwerken. Den Wagen hegte und pflegte der Luftfahrts-Pionier ein Leben lang.

21. Dezember 1932: Ein Tag vor seinem 66. Geburtstag geht der Oberst a. D. Umlauff von Frankwell bei klirrender Kälte in seine Garage, wo der Daimler stand – mit starker Hand, aber schwachem Herz will er mit der Kurbel den Wagen starten – er kurbelte und kurbelte, der Motor wollte nicht anspringen – die Kraftanstrengung war für das „Flieger ass“ zu viel – sein Herz hörte auf zu schlagen. Der „Feldpilot“ wurde auf eigenen Wunsch in der „Feuerhalle Wien/Simmering“ den Flammen übergeben, am 27. Dezember 1932 kehrte seine Asche nach Leobersdorf zurück, der „Aeronaut des Kaisers“ wurde am örtlichen Friedhof in der Familiengruft Notthaft-Umlauff beigesetzt.

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