Graf Simon von Wimpffen: Der Erfinder des Kurortes Neuhaus

Erstellt am 13. Februar 2022 | 05:32
Lesezeit: 6 Min
Graf Simon von Wimpffen war erst Liebling der feinen Gesellschaft, bevor er im Triestingtal der erste Förderer des modernen Tourismus wurde.
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Es gibt kaum eine verstorbene gräfliche Seele, über die so viele Legenden, Sagen, Mythen, sowie Wahr- und Unwahrheiten bekundet werden wie bei Simon Graf von Wimpffen. In dieser Person verschmelzen „Geschichten mit Geschichte“.

1860: Im Jänner 1860 vermählten sich die Eltern von Simon, Korvettenkapitän Viktor von Wimpffen mit Anastasia von Sina. Anastasia brachte in die Ehe die Herrschaft Arnstein/Neuhaus/Fahrafeld ein. Das war der Anfang einer fantastischen Märchenwelt, von der Chronisten bis heute euphorisch berichten. In den 1860er Jahren ließen Victor und Anastasia aus dem Gutshof Fahrafeld ein herrliches Schloss im englischen Tudorstil errichten – die Grafenfamilie mit ihren drei Kindern verlegten immer mehr gesellschaftliche und wirtschaftliche Tätigkeiten nach Fahrafeld.

Ein zum Schloss angrenzendes Gestüt für Traber- und Einspannpferde wurde errichten. Die Pferdezucht entwickelte sich zu einer der größten und hochwertigsten Gestüte, die der Trabersport je hervorgebracht hatte.

Am 21. August 1867 kam in Bad Vöslau ein kleiner Graf mit großen Namen zur Welt: Simon Alphons Franz Graf von Wimpffen landet in den Gemächern eines prunkvollen Adelssitzes (später als Villa Kutzer bekannt), in der Jägermaierstraße Nr. 7. Der „Little-Count“ ist das jüngste Kind der Grafenfamilie. Schwester Hedwig, geb. 1861, wurde die Ehefrau von August Graf von Zichy; sie verstarb mit 31 Jahren in Wien. Bruder Siegfried, geb. 1865, machte Geschichte als „der rasende Sigi“. Er erwarb als erster in der Monarchie einen Auto-Führerschein. Mit seinem zwei Tonnen schweren Dampfauto „Marke Serpollet“ versetzte er ab 1892 die Wiener und Triestingtaler in Staunen und Schrecken.

1886: Simon, nun zum jungen Adeligen gereift, war ein Macher in der Zeit der „Belle Époque“. Neuhaus, mit seiner verfallenen Burg, einer aufgelassen Spiegelfabrik, sowie dem sagenumwobenen Felsmassiv des Peilsteins sollte der Spielplatz der Reichen und Schönen werden. Sein touristisches Werk begann er mit dem Umbau eines alten Gebäudes der Spiegelfabrik, es wurde zum Herrenhaus mit Türmchen und Erkern. Im ersten Stock hatte der junge Graf in einigen Zimmern ein Planungsbüro mit Schlafgelegenheit eingerichtet. So brauchte er abends nicht ins Schloss nach Fahrafeld zu fahren und war Tag und Nacht auf der Großbaustelle vertreten. Am 27. Februar 1887 eröffnete seine Mutter Anastasia Hotel und Restaurant „Neuhaus“.

Wien: Einer der Hauptwohnsitze der gräflichen Familie Wimpffen-Sina war das prunkvolle Palais Sina. In der Kaiserstadt kannte man Simon von Wimpffen als lebenshungrigen, liebenswerten Dandy mit extravaganter Bekleidung. Die Zeit in Wien der ausklingenden 1880er Jahre verbrachte er meist auf der Rennbahn, in Jockey-Clubs oder bei anderswertigen Belustigungen. Auch der Hang zur Geschwindigkeit durchzuckte immer wieder sein Wesen.

Wie ein Ritter auf seinem Streitwagen durchfegte er die Prater-Alleen, was ihm eine Vielzahl von Strafmandaten einbrachte. Die Wiener konnten es kaum glauben, als sie erfuhren, welche wundersame Verwandlung sich bei „Simon“ abspielte, sobald er Wien verließ und in Neuhaus ankam. Hier, im Wienerwald, wurde er zum Arbeitstier, zum Macher seines Kurortes.

Neuhaus 1887: Mit der Eröffnung des Hotel Neuhaus ging es so richtig los, die Gäste kamen in Scharen, die feine Gesellschaft traf sich in Neuhaus. In der Gestalt des Simon von Wimpffen hatten die Besucher einen Grafen zum Angreifen, den man bestaunen, belächeln oder beneiden konnte. Herr Graf mischte sich unter das Volk, trat als Kutscher, Diener oder Wanderer auf. Die Gulden und Kronen rollten ins Triestingtal und wurden wieder zum weiteren Ausbau der Kuranlage verwendet, viele Arbeitsplätze entstanden.

1890, am 30. Mai, heiratete Wimpffen seine „Lili“, die Gräfin Karoline Szechenyi, eine der schönsten Geschöpfe von Wien. Die Ehe blieb kinderlos, Simon von Wimpffen hatte keine Nachkommen. Am 9. Juni kassierte der Graf wegen Schnellfahrens einen Strafzettel in Berndorf, er wurde zu 5 Gulden verurteilt, das Dokument ist bis heute im Museum Weissenbach erhalten.

1893 erfolgte der Bau der ersten Villenanlage am Neuhauser Weinberg. 1894 spendet Wimpffen für arme Bürger tausend Gulden, etwa 15.000 Euro. 1895/96 wurde aus sumpfigen Wiesen die Teichanlage mit der Schwaneninsel geschaffen. Auch Kurbad, Tennis- und Krocketplätze, sowie ein Bootsverleih entstanden.

1897 wurde das Kurhotel „Stephanie“ mit 53 Fremdenzimmer eröffnet. Die Saat ist aufgegangen, Neuhaus entwickelte sich zum mondänen, kleinen, aber feinen Ort der Begegnung. Im Jahr 1900 werden auf der Pferderennbahn bei Schloss Fahrafeld die ersten Rad-Bahnrennen durchgeführt, ein sportliches Großereignis! 1901 im Mai, Graf Wimpffen hatte wieder einen Unfall, aber diesmal mit einem Daimler-Automobil. Das Unglück passierte in der Nähe seiner Güter in Erd bei Budapest, der Reichsgraf landete im Straßengraben und wurde leicht verletzt.

Eine andere Seite seines Charakters zeigt aber diese Anekdote: 1906 wollte von Wimpffen für 10 Knaben aus der armen Ortsbevölkerung als Firmpate fungieren. Als Geschenk versprach er jedem ein Gebetsbuch und ein Bilderl. Von der versprochenen milden Gabe enttäuscht, wechselten neun Firmlinge zu anderen Paten. Nur ein Knabe wurde vom Grafen zum Heiligen Sakrament begleitet, er bekam das Gebetsbuch und das „Bilderl“. Dieses entpuppte sich aber bei näherer Betrachtung als ein 100 Kronenschein, auch die anderen neun „Bilderl“ bekam der Firmling, der hatte nun an seinem Firmtag 1.000 Kronen, umgerechnet etwa 6.800 Euro, eingenommen - ein Vermögen!

1910 wurde die Wasserheilanstalt eröffnet, 1911 eine weitere Villensiedlung am Hausberg erbaut. Einmalig waren auch die zehn „Lufthütten“, die sich für einen romantischen Kurzurlaub eigneten. 1913 entstanden weitere zwei Hotels. Kaffeehaus, Glassalon, modernes Postamt, Rollschuhhalle, Frisierstube und Rodelbahn, ergänzten das Ortsbild.

1914, der Erste Weltkrieg hat begonnen, der „Reichsgraf“ stellt nun die neuen Hotels „D’Orange“ und das „Bahnhofshotel“ unentgeltlich als „Kriegs-Offiziersspital“ zur Verfügung. Bei den großartig inszenierten Kaiserfeierlichkeiten um den 18. August pilgerten über 3000 Besucher in den noch strahlenden Kurort. Ende dieses Jahres wurden die ersten Kriegs-Verwundeten nach Neuhaus gebracht und die Vorboten des Unterganges konnte man mit jedem Atemzug spüren. Wimpffen versuchte alles, um den Kurbetrieb aufrecht zu halten, aber die Geister des Krieges und der Zusammenbruch der Monarchie entzauberten den Ort der Träume.

1920-1925 Um 1920 verließ Simon von Wimpffen seinen Märchenort und kehrte nie wieder zurück. Der einstige Lebemann und Sunny Boy der Wiener Spaßgesellschaft verstarb am Karsamstag, den 11. April 1925 in seinem „Sina-Palast“ in Wien, Hoher-Markt 8, schwer zuckerkrank, an Herzlähmung. Er wurde im Familien-Mausoleum am 14. April 1925 am Hietzinger Friedhof, Gruppe 19, Nummer 157, beigesetzt. Ein Ausspruch von Simon Wimpffen ist bis heute in Erinnerung „und wenn die Leute noch so schimpfen, bin ich doch der Graf von Wimpffen“.

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