Geheimnisse der Traiskirchner Kirche gelüftet

Erstellt am 23. Januar 2022 | 05:31
Lesezeit: 5 Min
Gerhard Sarman hat Geschichte der Pfarrkirche St. Margaretha neu geschrieben.
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Es war wie in einem Krimi, den der studierte Historiker und in der Pfarre Traiskirchen als hauptamtlich wirkender Diakon Gerhard Sarman bei seinen Forschungen zur Geschichte der Pfarrkirche St. Margaretha durchlief.

Denn Sarman verließ sich nicht auf die bis dato publizierten Berichte verschiedener Heimatforscher, sonder ging bis zu den Originalquellen in Stift Melk zurück, um die Entstehungsgeschichte der Pfarre und der Pfarrkirche zu belegen. Denn die fast 1.000-jährige Geschichte der Pfarre Traiskirchen beginnt 1113, als Markgraf Leopold III. dem Stift Melk die Patronatsrechte schenkte. Seine Erkenntnisse hat er in einem Büchlein festgehalten, dass Einheimischen und Touristen einen wesentlichen Überblick über die Geschichte der Pfarrkirche liefert. Traiskirchen war die Mutterpfarre von 16 Pfarren im Umland, die sich nach und nach selbstständig machten.

Recherchen rücken Bau der Kirche in neues Licht

Bei den Recherchen in Stift Melk stieß Sarman auf den entscheidenden Hinweis in Form eines Kontraktes zwischen Abt Thomas Bauer und Baumeister Matthias Gerl, der belegt, „dass Gerl die Kirche nicht gebaut, sondern in den Jahren 1753/54 einige entscheidende Adaptierungen vorgenommen hat“, schildert Sarman. Damit muss auch das Hinweisschild direkt vor der Pfarrkirche neu gestaltet werden, auf dem diese Jahreszahlen als Zeitraum für die Errichtung angegeben sind.

Baumeister Gerl hat vielmehr die neue Kirche auf die Grundmauern einer gotischen Kirche aufgesetzt, die von den Osmanen 1683 zerstört worden ist. An der neuen Kirche wurde von 1691 bis 1694 gebaut. Dass die Kirche weit älter als ursprünglich angenommen ist, belegt auch das Grab von Pfarrer Johann Baumgartner.

„Das geht sich nicht aus, wenn die Kirche erst 1753/54 errichtet worden sein soll“ Gerhard Sarman

Der Kirchenwohltäter wollte in der Pfarrkirche beigesetzt werden, sein Grabstein trägt die Jahreszahl 1695. „Das geht sich nicht aus, wenn die Kirche erst 1753/54 errichtet worden sein soll“, gibt Sarman zu bedenken. Ob die Kirche neu errichtet und wie sie aussehen sollte, darüber wurde zwischen dem Traiskirchner Bürgertum und Stift Melk lange debattiert und gestritten.

„Die Arbeit war wirklich in einem Jahr vollendet“

Zwar bot das Stift an, den Kirchenbau zu finanzieren, die Traiskirchner mussten aber viele Eigenleistungen erbringen. Im Winter 1690/91 war es soweit: Die Bürger holten Holz aus dem Wald vom Pfaffstättner Kogel, dem Traiskirchner Pfarrwald, damit wurde auf den gotischen Mauern die barocke Pfarrkirche aufgebaut. Der barocke Bau wurde um 12 Meter verlängert, Gerl wurde beauftragt, den geschwungenen Giebel an der Westfassade zu errichten, auch der jetzige Turm geht auf ihn zurück, denn die gotische Kirche hatte ursprünglich zwei Türme. „Die Arbeit war wirklich in einem Jahr vollendet“, erläutert Sarman. „Der Vertrag zwischen dem Baumeister und dem Abt ist eingehalten worden.“

Der Wassergraben wurde vom Mühlbach gespeist, die hölzerne Zugbrücke war der einzige Zutrittsweg zur Wehrkirchenanlage. Gestritten wurde aber weiterhin, nämlich über den Zeitpunkt, wann die Kirche eingeweiht werden sollte. Der heilige Sebastian gab schließlich den Ausschlag.

„Am 20. Jänner 1696 wurde in St. Margaretha die erste Messe am Namenstag des Hl. Sebastians gefeiert“, erzählt Sarman. Dieser Heilige erfreute sich so großer Popularität, dass in der Barockzeit sogar eine eigene Sebastianbruderschaft in der Pfarre sehr aktiv und bestimmend war. „Die originale Beitrittserklärung zur Bruderschaft haben wir auch hier im Archiv“, verweist Sarman auf eine weitere Besonderheit.

Pfarrarchiv wurde in viele Teile zerstückelt

Die zweite große Herausforderung bei den Recherchen war: „Irgendwann ist der Pfarrgemeinderat auf die seltsame Idee gekommen, das Pfarrarchiv auf mehrere Standorte wie das Stadtmuseum, das Diözesanmuseum oder Stift Melk aufzuteilen. Der Nutzen daraus ist für mich nicht nachzuvollziehen. Im Gegenteil. Das hat meine Recherchen immens erschwert“, sagt Sarman.

Der aus Klagenfurt stammende Historiker brachte das Kunststück zuwege, die verschiedenen Archivbestände wieder in den Traiskirchner Pfarrhof zurückzuholen. „Die zusätzliche Herausforderung dabei war, dass ja nirgends verzeichnet war, was da von den Pfarrgemeinderäten an die diversen Archive übergeben wurde. Auf die Bestände im Archiv der Erzdiözese bin ich nur dank eines Hinweises des früheren Archivleiters Johann Weissensteiner gestoßen“, berichtet Sarman.

„1830 wütete die Cholera, es wurde damals eine Impfung eingeführt. Die Pfarre hat genau dokumentiert, wer die Impfung überlebt hat und wer nicht.“ Gerhard Sarman

Der Historiker gibt zu bedenken, „dass die Aufzeichnungen der Pfarren in Form von Matriken ja auch einen Teil Sozialgeschichte dokumentieren. Pfarren waren Standes- und Gesundheitsämter. Die Pfarrer haben nicht nur Taufen, Hochzeiten und Sterbefälle aufgezeichnet, sondern auch das Auffinden sogenannter Findelkinder, also uneheliche Kinder, für die sich niemand verantwortlich fühlte. Anhand der Akten kann man nachforschen, was mit diesen geschehen ist.“

„1830 wütete die Cholera, es wurde damals eine Impfung eingeführt. Die Pfarre hat genau dokumentiert, wer die Impfung überlebt hat und wer nicht. Über die Durchführung der Impfung wurde übrigens schon damals heftig gestritten“, sagt Sarman, der gerade daran arbeitet, die Archivbestände zu erfassen, zusammenzuführen und zu katalogisieren und damit für die Nachwelt leicht zugänglich zu machen.

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