Baden: Hinter Fassade der „perfekten Familie“ geblickt

Erstellt am 16. Juli 2022 | 04:17
Lesezeit: 3 Min
Gericht Symbolbild
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Foto: Shutterstock.com, Salivanchuk Semen
Über mehrere Jahre soll eine Mutter ihre Kinder gequält haben – von Verbrennungen mit Bügeleisen und Schlägen mit Holzschlapfen ist die Rede. Doch Zeugenaussagen lassen Zweifel über die Glaubwürdigkeit der Opfer aufkommen.
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Der Strafantrag liest sich wie ein Schauermärchen über eine Horror-Mutter: Seit frühester Kindheit an sollen vier (mittlerweile erwachsene) Kinder von ihrer Mutter gequält und misshandelt worden sein. Der Hauptgrund: die schulischen Leistungen.

Von Köpfen, die auf den Tisch geschlagen werden, von Verbrennungen mit Bügeleisen, von Schlägen mit Holzschlapfen spricht die Staatsanwaltschaft. Der jüngste Vorfall liegt nur ein Jahr zurück: Bei der Geburtstagsfeier der Enkeltochter soll es zur Eskalation gekommen sein. Auslöser soll ein Luftballon gewesen sein, der der Angeklagten aus der Hand glitt, die Enkelin zum Weinen gebracht hat – daraufhin soll es zu einem Handgemenge gekommen sein, bei der die Mutter einem ihrer vier (erwachsenen) Kinder durch eine Verteidigungshandlung einen Kopfstoß versetzte. „Ein Unfall, für den ich mich auch mehrmals entschuldigt habe. Ich wollte niemandem wehtun“, so die Pensionistin.

Die Angeklagte bekannte sich „nicht schuldig“, wies die Vorwürfe des Quälens und ihrer Kinder entschieden zurück. „Ich habe diese Taten nicht begangen“, beteuerte die Frau mit zittriger Stimme. Grund für den Prozess ist ihr Mann.

Frau sieht Prozess als Racheakt ihres Ehemanns

Ein Scheidungsverfahren ist anhängig, die Frau sieht es als Racheakt ihres Ehemanns und Vater der Kinder dafür, dass sie in einem Ordner Briefe fand, die auf eine außereheliche Affäre von ihm schließen lassen. Der Inhalt ist durchaus pikant: Natursekt, Sodomie und Inzest. Die Verteidigung legte Kopien der Briefe dem Gericht vor. „Ich habe ihn zur Rede gestellt, was das soll. Daraus ist dann ein Streit entstanden und daraufhin hat er gesagt, dass er meine Kinder nimmt und mich anzeigt“, erklärt die Pensionistin.

Ein ganz anderes Bild zeichnen die Zeuginnen der Verteidigung: Langjährige Freundinnen der Mutter bzw. Lehrerinnen der Kinder erzählen von einem harmonischen Familienleben, von intakten Verhältnissen.

„Ich bin selbst alleinerziehende Mutter und nach jedem Besuch hab‘ ich mir dann gedacht, dass ich auch so gerne so eine Familie hätte“, schildert eine Zeugin. Und eine andere bringt den Punkt ein: „Wenn ich selbst Opfer von Misshandlungen meiner Mutter wurde, dann bringe ich doch nicht noch meine eigenen Kinder zu ihr zum Aufpassen. Da passt etwas nicht zusammen.“ Denn Familienfeste hätten immer wieder im großen Kreise stattgefunden, auch als Tagesmutter war die Frau über 15 Jahre aktiv. „Da wäre doch einem anderen Kind irgendwas aufgefallen, wenn da wirklich irgendwas gewesen wäre“, so die Pensionistin.

Die Verhandlung wurde vertagt, Ende August geht es weiter.

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