100-jährige Heiligenkreuzerin erzählt von damals und heute

Erstellt am 05. Januar 2022 | 04:35
Lesezeit: 3 Min
Die 100-jährige Heiligenkreuzerin Gertrud Richter erzählt von ihrem langen und bewegenden bisherigen Leben von 1922-2022.
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„Mein Vater war Maurer und Steinmetz im Stift und meine Mutter – eigentlich Köchin – war bei uns vier Kindern daheim. Wir haben in einem kleinen, für den Wienerwald typischen Haus gewohnt, waren also sogenannte ‚Kleinhäusler‘“, erzählt Gertrud Richter. Die Heiligenkreuzerin wurde 1922 geboren, seitdem hat sich vieles verändert.

„Wir haben, so wie die meisten ‚Kleinhäusler‘, eine Ziege und Hühner besessen. In den 40er-Jahren haben sich etliche Kleinhäusler – so auch wir – eine Kuh gehalten und eine Weidegenossenschaft gebildet“, meint die 100-Jährige über ihre damalige Wohnsituation.

„Eine besonders schöne Zeit waren für mich die Jahre, in denen ich als  Kindergartenhelferin angestellt war“ Getrud Richter

Beruflich habe sie einiges erlebt. Während des Krieges und der Nachkriegszeit von 1937-53 sei Richter Haushaltsgehilfin des damaligen Heiligenkreuzer Hausarztes Otto Meyer gewesen. Dieser habe sie sehr beeindruckt, da er regelmäßig, als sie an Gräbern der Russen vorbeifuhren, innehielt, Blumen auf die Gräber gelegt habe und meinte, dass auf die Russen ja auch jemand – vergeblich – warte. „Danach habe ich als Verkäuferin im Kaufhaus Paur gearbeitet, auch Schankgehilfin und Tankstellenwärterin war ich.  Eine besonders schöne Zeit waren für mich die Jahre, in denen ich als Kindergartenhelferin angestellt war“, erläutert sie.

„Meist war ich mit meiner Mutter am Samstag einkaufen, da hier der Lohn ausbezahlt wurde.“ Getrud Richter

So vielseitig wie ihre verschiedenen beruflichen Stationen war das Angebot an Lebensmitteln damals im Vergleich zu heute bei weitem nicht. Und genügte Richter dennoch: „Wir hatten in den 20er-Jahren in Heiligenkreuz vier Greißlereien und zwei Kaufhäuser. Meist war ich mit meiner Mutter am Samstag einkaufen, da hier der Lohn ausbezahlt wurde. Die meisten Waren wurden in Papierstanitzel verpackt, wie Soda zum Wäschewaschen, Zucker, Salz, Gewürze und Zuckerl.“

„Ein bewegendes Erlebnis war für mich, dass Mutter Theresa 1988 in Heiligenkreuz war und in der Stiftskirche im Rahmen einer Andacht zu uns gesprochen hat.“ Getrud Richter

Auch die Fortbewegungsmethode sei eine gemächlichere als heutzutage gewesen: Als öffentliches Verkehrsmittel sei in den 20er-Jahren noch ein Stellwagen mit vorgespannten Rössern von Heiligenkreuz nach Baden unterwegs gewesen, die Wege in die umliegenden Ortschaften seien zu Fuß bestritten worden. Während ihres bereits langen Lebens konnte die Heiligenkreuzerin zahlreiche Persönlichkeiten in persona sehen: „Ein bewegendes Erlebnis war für mich, dass Mutter Theresa 1988 in Heiligenkreuz war und in der Stiftskirche im Rahmen einer Andacht zu uns gesprochen hat. Natürlich war es für mich auch eine große Erfahrung, als im Jahr 2007 sogar ein Papst – nämlich Papst Benedikt XVI. – unser Kloster besuchte.“

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