Marlene Streeruwitz: „Es ist anders schwer“

Die aus Baden stammende Autorin und Regisseurin, Marlene Streeruwitz (70), hat einen neuen Roman geschrieben: „So ist die Welt geworden“ – eine erste Corona-Analyse. 

Erstellt am 25. Januar 2021 | 03:45
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„Aus Worte werden Taten“ – steht auf Marlene Streeruwitz‘ Homepage. Aus Krisen werden Bücher und eines dazu hat Streeruwitz nun veröffentlicht. „So ist die Welt geworden“.
Foto: Heribert Corn www.corn.at

Die Badener Autorin Marlene Streeruwitz, Tochter des legendären Badener ÖVP-Bürgermeisters Viktor Wallner (1922-2012), stellt in ihrem neuen Roman bereits eine gesellschaftspolitische Analyse der Lockdowns an. Wie kann man aber über etwas schreiben, worin man noch tief drinnen steckt? Oder anders gefragt: Wie konnte die international bekannte Schriftstellerin so rasch ihre Gedanken in Worte fassen?

NÖN: Fiel Ihnen das Schreiben diesmal leichter, schwerer, anders?

„Weintrinken auf die Ferne.“ Marlene Streeruwitz über das gute an Zoom-Konferenzen

Marlene Streeruwitz: Zu schreiben war unter den jetzigen Umständen anders schwer. 

Wie und wo haben Sie geschrieben?

Streeruwitz: Unter äußerster Disziplin in Wien und nicht wie sonst, lustvoll und in aller Welt.

Lockdown I zu Lockdown II zu Lockdown III – was war beziehungsweise ist anders?

Streeruwitz: Nun. Es wird immer schwieriger, so ohne Zukunft bleiben zu müssen.

Sie sind immer viel unterwegs gewesen, fehlt Ihnen das Reisen?

Streeruwitz: Zu Beginn war das noch gut auszuhalten. Mittlerweile werden die Bewegungsentzugserscheinungen in dieser vorgeschriebenen Sesshaftigkeit durchaus bedrohlich.

Als was (er)fassen Sie diese Krise? Ist es für Sie eine epochale Krise?

Streeruwitz: Ich kann das alles jetzt einmal nur erleben, versprachlichen und berichten. Die Bewertung, was das nun war, ist, nachdem alles bewältigt ist, fällig. Aber epochal wird sicherlich eine Bezeichnung sein müssen.

Die Gesellschaft spaltet sich nicht, sie vierteilt sich gerade, wie empfinden Sie das? Es gibt Maskenträger gegen Nichtmaskenträger, Impfbefürworter gegen Impfgegner, Menschen die die Demokratie in Gefahr sehen, andere nicht. Was sind hier Ihre Gedanken dazu?

Streeruwitz: Zuerst finde ich es gut, dass es viele Stimmen gibt. Die Situationen und die Folgen dieser Krise sind so unterschiedlich, dass es seltsam wäre, es gäbe nicht so viele verschiedene Meinungen. Ich habe alles verloren. Andere, wie die großen Konzerne verdienen sehr gut. Aktienwerte steigen. Kleinbetriebe sind zerstört. Das führt zu anderen Fragestellungen und Interessenslagen, die alle zu hören sind. Die Demokratie ist dann in Gefahr, wenn Gleichschaltung der Meinung durchgesetzt und verordnet würde.

Fühlen Sie sich selbst auch gespalten – wie kommen Sie zu einem Schluss, einer Meinung, einer Quintessenz?

Streeruwitz: Es ist sehr schwierig, sich eine Meinung zu bilden. Ich wende mich da nach Deutschland und versuche so viel Information wie möglich anzusammeln und mit möglichst kompetenten Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen durchzudiskutieren. Dafür sind Zoom-Konferenzen durchaus verwendbar. ‚Weintrinken auf die Ferne‘ aber auch.

Was tun Sie für Ihre Seelenhygiene?

Streeruwitz: Spazierengehen. Joggen. Gymnastik. Natur. Weite Blicke auf weite Landschaften.

Wie kommen wir aus dieser permanenten Echauffierungs-Hysterie und Krisenpanik wieder heraus und was glauben Sie, wie anders sind wir dann geworden?

Streeruwitz: Ja. Das ist seltsam. Wie werden wir wieder zu einem langweiligen demokratischen Leben zurückfinden. Manchmal fürchte ich, ich bin von Schreckensnachrichten wie der Capitol-Sturm vorige Woche abhängig. Aber mehr eigenes Leben wird dabei helfen, in normale Bahnen zurückzufinden. Ich bin das erste Mal in meinem ganzen Leben an einem Punkt, an dem ich manchmal nicht weiß, was ich tun soll. Wenn das wieder vorbei wäre, das wäre schön.

Viele hoffen auf ihr normales (altes) Leben, kann es das je wieder geben oder stehen wir tatsächlich vor einer epochalen Veränderung?

Streeruwitz: Wir werden uns so viele Bestandteile unseres urbanen, weltoffenen Lebens zurückholen müssen, dass wir durchaus damit beschäftigt sein werden.

Was erwarten/wünschen Sie sich vom neuen Jahr?

Streeruwitz: Wieder mit anderen einfach zusammensitzen zu können?