Kein Pyjama am Sonntag für Pfarrer von St. Stephan. Gerade jetzt ist Pfarrer Clemens Abrahamowicz sehr gefragt.

Von Judith Jandrinitsch. Erstellt am 11. April 2020 (05:34)
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Über seine täglichen Impulse via Livestream bleibt Pfarrer Abrahamowiecz mit den Menschen in Verbindung.
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Der Pfarrer von St. Stephan, Clemens Abrahamowicz, hat dieser Tage viele Fern-Gespräche geführt. Er meint: „Vor einer Woche hätte ich noch gesagt, dass konkrete Fragen eher unausgesprochen bleiben. Doch jetzt rufen mich auch Menschen an, die ganz bestimmte Anliegen haben, Ängste aussprechen, die mit dem Coronavirus zu tun haben.“ Abrahamowicz ist es wichtig, dass die katholische Kirche hier als kompetente Ansprechpartnerin wahrgenommen wird. „Ich sehe ja auch auf Facebook, was die Menschen bewegt. Am Anfang der Krise wurde ich von einem Mann angerufen, der war sehr empört. Es hat ihm sehr zu schaffen gemacht, dass die Osternachtsfeier heuer nicht wie gewohnt stattfinden wird können, also in der Kirche. Er hat gemeint, das geht nicht, dass man die Osterliturgie einfach ausfallen lässt. Ich habe ihm erklärt, dass es wichtiger ist, die Regeln der Regierung einzuhalten, um sich selbst und seine Mitmenschen zu schützen.“

Gottesdienste werden live übertragen

Mittlerweile feiert Abrahamowicz die Sonntagsmessen via Livestream und wird das auch zu den Osterfeiertagen so beibehalten. Er versteht die Kirche nicht als Bühne, „die man uns Pfarrern plötzlich genommen hat. Die Menschen sind selbst aufgerufen, aktiv zu werden und ihren Teil dazu beizutragen, den Glauben zu leben. Ich versuche die Menschen durch die Tagesimpulse, kurze Videobotschaften auf unserer Homepage, auf Ostern vorzubereiten. Viele Menschen nehmen Ostern jetzt ernster, manche finden jetzt Zeit, den Rosenkranz zu beten, der ja nicht als das modernste Gebet gilt. Man muss sich bewusst machen, jetzt geht es weg von Äußerlichkeiten, die man immer mit der Kirche und Ostern verbunden hat, wie Musik, Prozessionen und Ähnlichem. Es geht um den tieferen Gehalt des Glaubens, den jeder jetzt entdecken kann.“

Dabei hatte Abrahamowicz in der Vorwoche selbst einen schweren, persönliche Verlust hinnehmen müssen, „mein 93-jähriger Vater ist verstorben. Mein Vater war ein äußerst beliebter Seelsorger der evangelischen Kirche H.B.. Ich wollte seinen Tod aber nicht an die große Glocke hängen, weil ja auch Beerdigungen jetzt mit maximal fünf Personen zelebriert werden sollen auf dem Friedhof, ohne Messfeierlichkeiten.“ Niemand sollte sich über dieses Verbot hinwegsetzen und auf den Friedhof kommen, um seinem Vater das letzte Geleit zu geben. Die Menschen ruft er dazu auf, sich von den gegenwärtigen Bedingungen „nicht die Würde nehmen zu lassen, trotz des Kreuzes nicht hinausgehen zu können. Darum sage ich, raus aus dem Pyjama auch am Sonntag, so kann ich authentisch diesen Festtag feiern.“

Ganz klar spricht sich Abrahamowicz gegen die Strömung aus, die er auch im Netz entdeckt hat, nämlich „den Coronavirus als Strafe Gottes zu begreifen. Es kursieren viele Erklärungsmodelle, aber diese geben alle keine Hoffnung. Wir Christen, und das ist ja das Einzigartige an unserer Religion, entdecken, dass der leidende Christus auch der Auferstandene ist. Christus ist sich nicht zu gut, zu den Menschen hinabzusteigen und mit ihnen ihr Leid zu tragen, ja richtiggehend auszuhalten. Das ist es, was viele an der christlichen Religion nicht verstehen“, betont der Stadtpfarrer.

www.baden-st-stephan.at