Pottensteiner Afghane bangt um seine Familie

Ehemaliger Parlamentsmitarbeiter, der 2015 nach Pottenstein geflüchtet ist, über seine alte Heimat und die Gefahr der Taliban.

Erstellt am 27. September 2021 | 05:17
Daruosh Shareef
Daruosh Shareef an seinem einstigen Arbeitsplatz im afghanischen Parlament.
Foto: privat

Der 27-jährige Daruosh Shareef flüchtete 2015 von Afghanistan und landete in Pottenstein. In den sechs Jahren hat er sich bestens integriert. Er war ehemaliger Mitarbeiter des afghanischen Parlaments und sein Vater, Mohammad Sharef Afshar, ist ein bekannter afghanischer Senator.

NÖN: „Woher kommen Sie und wie lange sind Sie schon in Österreich?“
Daruosh Shareef: „Ich komme aus Kabul, der Hauptstadt Afghanistans – oder wie man sie heute besser beschreiben könnte: Die Stadt der Ruinen, der Trauer und die Stadt, in der Ruhe zum Traum geworden ist. Seit bald fünf Jahren lebe ich jetzt in Österreich und es geht mir hier gut. Aber eines möchte ich gleich zu Beginn klar sagen: Niemand verlässt seine Heimat, seine Familie, seine Freunde zum Spaß, schon gar nicht auf einem Weg, der so gefährlich ist. Man macht das nur, wenn das eigene Leben bedroht ist und man keinen anderen Ausweg sieht“.

„Warum sind Sie aus Afghanistan geflüchtet?“
„Ich bin mit einem Teil meiner Familie nach Österreich geflüchtet, weil auch unser Leben bedroht war. Wir haben aber immer noch Verwandte in Kabul. Sie sind verängstigt und leben unter furchtbaren Umständen: Mein Cousin zum Beispiel hat für den innerstaatlichen Geheimdienst NDS gearbeitet und wird jetzt von den Taliban gesucht, um ihn zu ermorden, wie auch viele andere Menschen, die versucht haben, ein neues und besseres Afghanistan aufzubauen. Er versteckt sich nach wie vor und wir wissen von einem Telefonat zum nächsten nicht, ob wir überhaupt noch einmal von ihm hören werden. Für uns ist das eine psychisch sehr belastende Situation“.

"Wie kann man sich die aktuelle Lage in Afghanistan vorstellen?“
„Die Taliban katapultieren das Land zurück ins Mittelalter: Zwölfjährige Mädchen, die bis vor Kurzem noch in die Schule gehen konnten, sollen jetzt verheiratet werden - sonst nehmen die Taliban sie mit. In die Schule gehen dürfen sie nicht mehr. Sie verbreiten Angst und Schrecken, foltern und ermorden Menschen auf brutalste Weise. Und sie haben Kontakte, die weit über die Grenzen Afghanistans hinausreichen. Mir macht das nicht nur als Afghane Angst, sondern als Mensch generell“.

„Haben Sie in Österreich Angst, von den Taliban gefunden zu werden?“

„Österreich ist ein sicheres Land für alle Menschen. Ich glaube nicht, dass mir die Taliban hier etwas antun können. Die Sicherheitslage in Österreich ist stabil und wir können hier sein, wer wir sind: Menschen, denen Demokratie und Freiheit am Herzen liegen“.

„Warum flüchten die Afghanen eigentlich nicht in die Nachbarländer?“
„Unsere Nachbarländer sind Pakistan, der Iran, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan und China. Beginnen wir bei meinem ‚Favoriten‘ Pakistan – das Land, das mein Land kaputt gemacht hat. Pakistan ist ein sicherer Hafen für Taliban und andere Terroristen – das weiß man auch in den USA und in der EU. Zum Iran kann ich nur sagen: Es gibt in der EU auch sehr viele geflüchtete Iraner – wenn der Iran so ein sicheres Land ist, warum laufen dann auch ihm die Bürger davon? Nach Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan auszureisen ist de facto unmöglich: Man kann an der Grenze leicht erschossen werden. Dort interessiert sich niemand für Menschen, die Schutz suchen“.

„Viele Österreicher stoßen sich daran, dass so viele junge Männer kommen. Warum meinen Sie, dass viel weniger Frauen und Kinder nach Europa geflüchtet sind?“
„Kein junger Mann würde seine Familie in Afghanistan zurücklassen, wenn sein Leben nicht bedroht wäre – auch ich hatte das nicht gewollt. Ich musste flüchten, um das Leben meiner Familie zu retten. Frauen dürfen in den von den Taliban bedrohten Gebieten das Haus nicht alleine verlassen. Für Kinder und viele Frauen ist die strapaziöse Flucht nach Europa zu anstrengend und zu gefährlich“.

„Wie kann man den Leuten in Afghanistan helfen?"
„In der aktuellen Situation kann man in Afghanistan nicht viel ausrichten. Es ist notwendig, Menschenleben zu retten, indem man die Leute evakuiert. Es gibt momentan keine Banken, keine Arbeit, keine Regierung und die Preise von wichtigen Grundnahrungsmitteln schießen in die Höhe. Die Menschen können sich nicht einmal mehr eine ganz einfache Mahlzeit leisten. Wer spenden möchte, sollte dies am besten über große, vertrauenswürdige Organisationen tun, damit die Hilfe auch wirklich ankommt“.