Bad Vöslau: Der Tote Mann im Teich. „Der Friedhofsgucker“ über einen der erfolgreichsten Männer der „Habsburg-Monarchie“, den 1785 verstorbenen „Superman der Kaiserin“.

Von Red. Baden. Erstellt am 24. August 2021 (06:52)

1785 – Sonntag, 19. Juni: Leblos, aufgedunsen, mit Fettwachs überzogen, treibt ein lebloser Körper im gräflichen, märchenhaften Teich des Schlossparkes zu Vöslau, aus einer künstlich angelegten Felsengrotte hört man das Plätschern eines Wasserfalles. Ruinenartige Gebilde, Steinskulpturen und seltene Pflanzen bereichern die Zauberwelt dieser Parkanlage. Es dürfte in den frühen Morgenstunden gewesen sein, als Dienstboten bei einem Kontrollgang durch die Geisterwelt des Parks, in einem Naturgemisch aus Nebel, Dunst und Wasser, die „sterbliche Hülle“ ihres Herrn „Reichsgraf Johann von Fries“ entdeckten. Einer der erfolgreichsten und begnadetsten Männer der „Habsburg-Monarchie“, der „Supermann des 18. Jahrhunderts“, war nicht mehr.

2021 – 1. August: Von einer magischen Kraft getrieben, durchwandle ich als „Friedhofsgucker“ Park und Schloss zu Bad Vöslau. Ein Prospekt, mit dem Titel „Der tote Mann im Teich“ erweckt sogleich mein Interesse. In dem Folder geht es um die Biografie in Kurzfassung des „Reichsgrafen Johann von Fries“. Vom Schloss weg, fahre ich sogleich zu dem altehrwürdigen Friedhof der Thermalstadt. Ich durchstreife die Reihen des Gottesackers, unzählige Promis wie die „Sektdynastie Schlumberger“, der „Spielkartenfabrikant Ferdinand Piatnik“, oder der „Riesenradbesitzer Karl Lamac“, sind hier begraben – nur die Grabstätte, deren „von Fries“ konnte ich nicht auffinden. Fragen über Fragen durchschießen meinen Kopf - um Antwort über den geheimnisvollen Tod/Selbstmord/Mord – oder Unfall – zu bekommen, begebe ich mich ins Stadtmuseum Bad Vöslau. Hier werde ich von Silke Ebster empfangen, sie ist die Zuständige des Museums und eine Wissende um die „Familie Fries“. Die Historikerin klärt mich über so manche Rätsel der Aristokratenfamilie auf. Was hatten die „geheimen Reichsstaats Kassen“ – der „Blaue Portugieser“ – der „Maria Theresien Taler“ und „Schloss Vöslau“ gemeinsam? In all diesen Dingen/Bauten/Projekten, steckt der Geist, das Tun des Johann Fries drinnen. Aber nun alles der Reihe nach, von der Geburt bis zur stillen Bestattung des Edelmannes, Machers, Bankiers, Fantasten und Gönners, Johann von Fries.

1719 – 19. Mai: „Johann“ wird wohlbehütet, im Sternzeichen des Stieres, als Spross einer reichen Patrizier- und Bankiersfamilie in Mülhausen, Frankreich, geboren. Schon in jungen Jahren wird er zum Bank-, Handels- und Industriekaufmann geschult und lernt sein weltmännisches Auftreten.

1744 – Mit nur 25-Jahren betrat er die Bühne des Riesenreiches von „Kaiserin Maria Theresia“. Für den „Patrizier“ begann nun in den Diensten der „Habsburgermonarchie“ eine steile Karriere. Staatskanzler Fürst Wenzel Kaunitz-Rietberg erkannte die Fähigkeiten des „jungen Mannes“ und übertrug ihm die Führung der „geheimen Staatskassen“.

1751 – Jetzt ging es für Fries wirtschaftlich richtig los! Im Reich der Habsburger hatte er unbegrenzte Möglichkeiten. Er gründete Textilbetriebe, wie eine „Wollzeugfabrik“ in Böhmen, eine „Barchent- & Kotzenfabrik“ in Rabenstein NÖ. 1752 wurde er in die Direktion der k. u. k. Seidenfabriken gerufen. Im Bezirk Baden, in Weissenbach, erbaute Fries eine Messingfabrik – 1754 kam ein Betrieb für „Samt- & Seidenwaren“ in Wien hinzu.

1752 – Einer seiner größten Coups , den der „Patrizier“ einfädelte, war das Geschäft mit dem „Maria Theresien Taler“. Fries erhielt von Maria Theresia das Privileg (von 1752-1776), den „Silbertaler“ zu prägen. Als sogenannter „Lobbyist dieser Währung“ sorgte er dafür, dass die Münze bis in den Orient und in Afrika Verwendung fand. Bei diesem Geschäft scheffelte Fries „Millionen von Gulden“ – er war nun einer der reichsten Männer des Reiches.

1761 – Fries wird Schlossherr: Er kauft die mittelalterliche, heruntergekommene Wasserburg zu Vöslau samt Park, der einer „G’stetten“ glich. Niemand geringerer als der Stararchitekt des 18. Jahrhunderts „Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg“ wurde zur Renovierung beigezogen – aus der Burg entstand ein traumhaftes Schloss – eine „Repräsentanten Stätte“ für den „Ritter von Fries“ – und der verwahrloste riesige Garten wurde in einen „Märchenpark der Superlative“ verwandelt. Ein großer Teich, Grotten, Wasserfälle und künstliche Ruinen wurden angelegt – zig Figuren der Götter- und Geisterwelt bewachten den mystischen Wasserpark.

Der Blaue Portugieser kommt nach Vöslau

1772 –Ein gewiefter Schachzug gelang dem „Aristokraten“ mit dem Import der „Blauen Portugieser Rebe“ die aus Portugal stammende Weinsorte wurde nun in Vöslau heimisch. Winzer – Weinbeißer und der Tourismus danken es dem Grafen bis heute!

1773 – Freitag, 27. August: Die „Wassergeister“ des Teiches holten sich die ersten „Menschenopfer“! Schon 12 Jahre vor dem Tode des „Reichsgrafen“ passierte ein schreckliches Unglück! Beim Rudern im Schlossweiher kenterte, „Johann Baptist Edler von Mayer“. Er und ein herbeieilender Retter, ertranken qualvoll in dem Gewässer.

1784? – „Pot de Madame“ und „Pot de Monsieur“ stranden in Vöslau: 1782 ließ Fries seinen glanzvollen „Wiener Stadtwohnsitz“ errichten. Im klassizistischen Stil erstrahlte das „Palais Fries“ heute „Palais Pallavicini“, aber das Bauwerk fand nicht den gewünschten Anklang, besonders die vier pompösen „Zauner Vasen“ die die Fassade zieren sollten, wurden von den Wienern verspottet und als „Nachttöpfe – Pot de Chambre“ – bezeichnet. Der enttäuschte Graf ließ die Riesenvasen in seinem „Märchenpark“ nach Vöslau bringen, wo sie bis heute stehen.

1785 – Bestattung des Ertrunkenen Grafen: Irgendwann um den 20. Juni wird Ritter Johann von Fries – der „Wirtschafts-Wundermann“ des Kaiserreiches, in aller Stille, in seinem Märchenpark beigesetzt. Alles ist wie immer – der Wasserfall rauscht aus der Felsengrotte – die bleiernen Nymphen starren leblos in das Nichts – im großen Teich spiegelt sich das Traumschloss des „Edelmannes“ und die „Zauner-Vasen“ sorgen noch immer für Diskussion. Neu im Park ist nur die letzte Ruhestätte „des Reichsgrafen“. Seine Gebeine fanden aber hier im Park, nur einige Jahrzehnte ihre Ruhe. Im 19. Jahrhundert wurden die letzten Überreste des „Johann von Fries“ exhumiert und in der Familien-Gruft unterhalb der Pfarrkirche beigesetzt.

2021 – 22. Juni: Die Spurensuche endet vor dem mächtigen Kirchenportal des Gotteshauses zu Bad Vöslau. In meiner Funktion als „Friedhofsgucker“ wurde mir durch Stadtpfarrer Stephan Holpfer die Ehre zu teil, in die Krypta hinabzusteigen. Tief unterhalb der Kirche erkunde ich den kreuzförmigen geweihten Totenkeller. Mit seinen 29-Gedenktafeln, mit seiner steinernen „Tumba“. In einem Seitengang befindet sich ein Kreuz aus Schmiedeeisen, auch „Hans Graf von Fries von Friesenberg“, der Letzte aus der direkten Linie der „Patrizierfamilie“ befindet sich in diesem Gewölbe. Beim Aufstieg blicke ich noch einmal zurück in die Grabkammer – ich erweise der Familie Fries meine Referenz. 28 steinige Stufen geht es wieder empor, vorbei an einem bemalten Kirchenfenster mit dem Wappen der Familie, durch das beeindruckende Kirchenschiff wandle ich hinaus, ins Licht eines traumhaften Sommertages, ich bin zurück im 21. Jahrhundert. Nur die Geschichte des „Toten im Teich“ des vor 236 Jahren verstorbenen „Superman der Kaiserin“ werde ich nicht vergessen. Eines sei noch gesagt: Ob „Graf Fries“ aus freien Stücken ins Wasser ging, ob es ein heimtückischer Mord war, oder ein tragischer Unfall, wird für alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben.