„Miet-Nomade“ aus purer Verzweiflung

Erstellt am 27. April 2015 | 08:40
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Anwalt im Büro Anwältin Rechtsanwältin
Foto: NOEN, Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
Gericht /  Weil er Rechnungen für Pflegeheim seines Vaters nicht
bezahlen konnte, tauchte Mann in Pensionen unter – ohne Geld.
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„Ich wollte mir noch ein paar schöne Wochen machen und dann mein Leben beenden.“ Mit Tränen in den Augen erklärte der Angeklagte am Landesgericht Wiener Neustadt, wie er zum Betrüger geworden war.

Der Mann wurde bei der Polizei angezeigt, nachdem er wochenlang in verschiedenen Pensionen und Gasthäusern vorwiegend im Bezirk Baden, aber auch in Neunkirchen und St. Pölten Quartier bezogen hatte, ohne später seine Rechnung zu begleichen.

Vater als Pflegefall: Brüder ließen Mann im Stich

„Ich habe immer gesagt ich bleibe zwei bis drei Tage und bin dann nach der ersten Nacht einfach abgereist“, schilderte der Mann seine Vorgehensweise. Bewogen habe ihn dazu seine missliche Lage.

„Ich habe meinen Vater ein paar Jahre lang zu Hause gepflegt. Als mir das nicht mehr möglich war, habe ich dann einen Platz für ihn in einem Pflegeheim suchen müssen“, erzählte er: „Ich habe bei seiner Einweisung alles unterschrieben und habe dann auch die Rechnungen bekommen. Denn seine Pension hat die Kosten nicht abgedeckt.“ Seine Brüder hätten ihn in dieser Situation im Stich gelassen, statt ihm zu helfen.

Angeklagter: „Ich wollte einfach nur mehr weg“

„Als die Rechnungen kein Ende nahmen, habe ich mein letztes Erspartes genommen und mir gedacht, ich fahre einfach. Ich wollte einfach nur weg“, schluchzte der Beschuldigte. „Teilweise habe ich im Auto übernachtet. Als das Geld aus war, habe ich weiter in Pensionen genächtigt. Aber eben ohne zu bezahlen.“

Auch bei Tankstellen – zum Beispiel in Leobersdorf – tankte er ohne einen Cent in der Tasche. Als er gar nicht mehr weiter wusste, habe ihn die Polizei aufgehalten. „Da wollte ich mich eigentlich gerade vor den Zug werfen. Ich habe ihnen alles gestanden. Sie haben mir Mut zugesprochen, wieder heimzufahren. Das habe ich gemacht“, erklärte der Mann.

Richter ließ Milde walten: Diversion

Sein Vater ist in der Zwischenzeit verstorben. Einen Großteil der Schulden bei den Pensionen habe er wieder gut gemacht. „Die am Semmering waren gerade auf Urlaub“, meinte er entschuldigend und zeigte dem Richter seine handschriftlichen Notizen von den Rückzahlungen.

Richter Gerald Grafl verurteilte ihn (nicht rechtskräftig) zu gemeinnütziger Arbeit. Der Angeklagte hat nur ein Ziel: „Ich will mein Leben in den Griff bekommen.“

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