Gertraud Klemm präsentiert neues Buch. Sind Autoren schreibende Milchkühe? Ist Gertraud Klemm eine von ihnen? Die Antworten sind in ihrem neuen Buch.

Von Sandra Sagmeister. Erstellt am 16. August 2019 (16:39)
Dirk Skiba
Gertraud Klemm (48) ist in Baden aufgewachsen. Ihre Neuerscheinung heißt „Hippocampus“ (Verlag Kremayr & Scheriau).

Wie schreibt man eine Buchbesprechung über eine Autorin, die man seit Jugendtagen kennt? Man weiß wo, wie und mit wem sie wohnt. Erschwerend kommt hinzu, wenn man in ihrem neuen Roman Hippocampus über die Literaturkritik liest: „Literaturkritik ist ja mittlerweile ein Massensport geworden, es gibt Tausende von Bloggern und Bloggerinnen, die sich mit ihrer aktuellen Lektüre und entsprechenden Accessoires vor Bücherregalen filmen und ihr Halbwissen auspacken, um die letzten Bestseller zu bemäkeln oder zu bejubeln.“

„Kritisieren ist heute Teil des Konsumierens“

Uff, wie soll man eine Kritik angehen, wenn Literatur von Kritikern wie Kekse verkostet werden? „Kritik üben ist heute Teil des Konsumierens.“ Somit lassen wir das Kritisieren und picken ein paar Passagen heraus, die für einen aus Baden stammenden Leser vielleicht interessant sein könnten. So wie diese, wo man sofort die Weinberge rund um Baden im Kopf hat und die manchmal feucht-fröhlich heimgehenden Kurgäste: „Zuerst wurde sie von Bremsen heimgesucht und danach trampelte eine geführte Nordic-Walking-Gruppe hinter ihr vorbei. So macht man das, wenn man ein ordentliches Leben führt und sich eine Kur verdient hat: Ein bisschen in Waldböden herumstochern, sich auf Reduktionskost setzen lassen und danach in den Moststuben Schweinebraten essen.“

Die Roadheldin des Romans, Elvira, ist eine frei schaffende (Lebens)Künstlerin, rächt und rettet das Erbe ihrer verstorbenen Wilden-Tage-Freundin aus den 70ern, Helene Schulze: „Sie wollte etwas zu Ende bringen, das Helene begonnen hatte, sie wollte Helenes Leben ordentlich auf die Beine stellen, bevor Helene vergessen wird.“ Helene war nämlich eine gute Schriftstellerin, die sich allerdings im Ehe- und Kleinstadtsumpf untergehen ließ: „Sie tat, was ihr scheinbar mühelos neben den Kindern möglich war. Sie engagierte sich für die Errichtung eines Frauenmuseums in Kaiserbad: erfolglos.“ Der Gemeinderat entschied sich für ein Kaisermuseum.

Und wieder hat man Baden vor Augen, auch hier kämpfen engagierte Frauen für ein Frauenmuseum – bislang erfolglos. Und Elvira liebt auch mehr den ehrlichen Grind Italiens, als „diese geleckten Stadtviertel, die sich um Wien ausbreiten (...). Oder das morbide Kaiserbad unter seine Glasur.“

Wieder flackert Baden auf und es geht weiter: „Sie ging (…) mitten durch das Biedermeierjuwel Kaiserbad, das wie unter einer dicken Schicht Zuckerguss vor sich hindöste. Die Kultur der Erstickung. Elvira ging am Theater vorbei. Klar. Dafür gab es immer Hochachtung und Geld. (…) Für Oper. Klassik. Operette. Wie eine riesige vollgesoffene Zecke hockte das Operettenhaus inmitten der Kaiserbader Biedermeier-Altstadt und ruderte selbstverliebt mit den kleinen Beinchen. Wohin man ging, prallte man gegen Kurgäste oder eine dieser abscheulich stinkenden Schwefelquellen. Helene hat versucht, sich hier niederzulassen und einzubringen. Aber die Zuckerschicht war zu dick. Kein ernsthaft Kunstschaffender, kein intellektueller Geist bekam da Luft.“ Zweifelsohne, Kaiserbad ist Baden. Klemm bemüht sich erst gar nicht, etwas mühsam in die Unkenntlichkeit zu schreiben.

Auch gegen die missliche Behandlung der Begründerin der österreichischen Frauenbewegung, Marianne Hainisch, wettert sie: Hainisch sei lediglich eine kleine Büste vor dem Bahnhof vergönnt: „Der Bahnhof ist ausgestorben, nur ein paar Taxis (…), ein Glaspalast, den sich die Kurstadt errichten ließ. Ein Wohlfühlort. Früher waren Bahnhöfe stinkig, grindig, gefährlich, (…) Es muss doch Orte geben, an denen sich der Schmutz der Gesellschaft sammeln kann. Orte, an denen sogar die Wohlhabenden und Unbescholtenen täglich daran erinnert werden, dass die Gesellschaft eine Mitte hat, aber auch Ränder. Bahnhöfe waren solche Orte, an denen die ungeschminkte Wahrheit aus ihren Ritzen zutage treten durfte. Früher. Heute muss jeder öffentliche Bau Kunst sein (…).“ Und das Hainisch-Denkmal ist behübscht mit ein paar „räudigen Rosen in einem von Unkraut durchwachsenen, verwahrlosten Beet, über dem Urindampf steht.“

„Erst wurde die Liebe aus herausgemolken“

Klemms Heldin Elvira versucht auf 384 Seiten ihre Künstlerfreundin Helene vor diesem endgültigen „Gestorben sein“ zu bewahren und schafft mit ihrem Assistenten Adrian bösartige Aktionskunst, sogenannte Erregungsskulpturen: „Erst wurde die Liebe aus ihr herausgemolken, dann wurde ihr Selbstbewusstsein abgetragen, Schicht um Schicht. Als die Kinder erwachsen waren, war die Schriftstellerin in ihr schon verschlissen.“

Starke Formulierungen, die einem gedanklich zu hetzen beginnen, wiederholt über die Vereinbarkeit, oder doch Unvereinbarkeit, von Familie und Beruf sowie Erfüllung, Selbstwert, glückliche Ehe und Alterserscheinungen nachzudenken. „Alles, was gut war, war auf Dauer dem Tode geweiht, jede Blume, jeder Schmetterling, jede schöne Stunde des Lebens hatte ein Ablaufdatum.“

Klemm rechnet auch mit der Kulturmaschinerie ab, wie dem Bachmannpreis, wo sie 2014 den Publikumspreis bekam. Trotzdem hegt sie keine ewig-demütige Dankbarkeit: „Ebenso ein großer Skandal ist, wie die Bachmann ihren Namen und ihren Kopf für diesen Literaturzirkus hergeben muss, ohne dem jemals zugestimmt zu haben.“ Und: „Die Bachmann muss ihren Kopf hinhalten, für einen Literaturwettbewerb, der zur literarischen Talentshow verkommen ist, in der sich verunsicherte Kandidaten durch Videoporträts, mit rätselhaften Faxen in Szene setzen müssen.“

Sätze wie „Autoren sind auch nur Nutztiere, wie Milchvieh“, lassen einen überlegen, wie viel in den 384 Seiten von Gertraud Klemm drinnen steckt? Wie fühlt sie sich als Autorin? Welche inneren und äußeren Kämpfe führt sie als Schriftstellerin? Wie sieht sie sich in Zukunft? Auch unvergessen gestorben?

Das Buch lässt einen fragen, wie schwierig es ist, eine Schreibende zu sein. Durch all die Normen, Zwänge und Regeln gezüchtigt, die der Buchmarkt so mit sich bringt. Und wer sich nicht züchtigen lässt, bleibt in einem ewigen Emotionsschlamassel ohne Ruhm und Anerkennung stecken? Klemm rechnet geschliffen wie spitz, aber trefflich ab, auch wenn sie es ihrer gealterten (über 60) Roadheldin in ihren Kopf und Mund legt. Das Thema Alter zieht sich durch den Roman. Immer wieder tippt einem das Alter mit seiner knorrigen Hand auf die Schulter. Man spürt ihn förmlich beim Lesen, den sägenden Schmerz des Alters, wie er Elvira auf vielen Seiten in die Knochen kriecht und sie peinigt. Elviras Gegenangriff: Yoga, Kopfstand, Zynismus, Rotwein und Oliven.

Klemm’s Seepferdchen hat Sprengkraft

Gertraud Klemm schafft es, viele (Lebens-)Themen anzusprechen, dass man, wenn man die letzte Seite fertig hat, noch viele Tage mit dem Stoff schwanger durch die Welt geht und anders auf sie blickt. Sie baute auch erotische Stellen im Buch ein und beschreibt Höhen und Tiefen der männlichen, wie weiblichen Sexualität auf eine prickelnde Art und Weise.

Das Buch vereint das Leben mit jeder Zeile und sprengt die vielen gesellschaftlichen Widersprüche auf, wie Dynamit den Felsen.