Existenzkampf: Mieter wurden schwer bedrängt

Drei Oberwaltersdorfer Pensionisten sollen aus ihren mittlerweile privatisierten Gemeindewohnungen rausgeekelt werden. Nun kämpfen sie verzweifelt um den Verbleib.

Erstellt am 02. Oktober 2018 | 04:38
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Das ORF-Team während der Dreharbeiten in Oberwaltersdorf.
Foto: Thomas Lenger

Das ORF- Magazin „Thema“ beleuchtet das Schicksal von drei Pensionisten aus Oberwaltersdorf. Diese kämpfen verzweifelt darum, in ihrer gewohnten Umgebung leben zu können. Doch seit mehreren Jahren ist das für sie ein echter Überlebenskampf.

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„Schön, dass sie wieder hier sind, Frau Fischer“, fällt die 84-jährige Hildegard Vager unter Tränen ihrer 89-jährigen Nachbarin Maria Charlotte Fischer in die Arme. Frau Fischer, die seit einigen Monaten im Pflegeheim in Baden stationär aufgenommen ist, besucht ihr zu Hause in der Siedlerstraße in Oberwaltersdorf. Dort leben die beiden Pensionistinnen seit 1994. Damals zogen sie in die relativ günstigen Gemeindewohnungen ein und waren sich sicher, hier alt werden zu können.

„Dümmster Konkurs in ganz Niederösterreich“

Doch die Marktgemeinde schlitterte vor rund acht Jahren in arge finanzielle Turbulenzen. Die von der ehemaligen SPÖ-Bürgermeisterin gegründete „Oberwaltersdorfer Kommunalbetriebs GmbH“, kurz OKOG, in die neben dem Veranstaltungszentrum „Bettfedernfabrik“ auch sämtliche Gemeindewohnungen eingebracht worden waren, bekam erhebliche Zahlungsschwierigkeiten.

Nach der Gemeinderatswahl 2010 übernahm ÖVP- Bürgermeister Markus Gogollok die Gemeindeführung und schickte die OKOG in Konkurs. Im Zuge des Insolvenzverfahrens wurden die eingebrachten Gemeindewohnungen verkauft. Die Opposition sprach damals vom „dümmsten Konkurs Niederösterreichs“, da die Gläubiger mit einer Quote von über 81 Prozent bedient werden konnten. Die Gemeindeimmobilien waren aber weg.

Wegen des Konkurses wurden auch die Gemeindewohnungen in der Siedlerstraße, in der vorwiegend sozial schwache Bürger untergebracht waren, an Immobilienfirmen verkauft. Im September 2013 kaufte die heutige Eigentümerin, eine Immobilienfirma aus Wien, das 2.800 Quadratmeter große Areal, auf dem sich mehrere Gebäude mit vermieteten Wohnungen befinden, um 400.000 Euro.

„Als Erstes wurde der Instandhaltungsbetrag immens erhöht, was die Gesamtkosten der Wohnungen mehr als verdoppelte“, so Cornelia Ritta, die Tochter von Frau Fischer. Danach sollen einige Mieter das Angebot erhalten haben, gegen einen Geldbetrag innerhalb eines gewissen Zeitraumes, die Wohnung zu verlassen. Dies wurde von manchen Mietern angenommen.

Plötzlich wurde Mietern das Gas abgedreht

Für die verbleibenden Mieter ging es dann Schlag auf Schlag. Obwohl die Bewohner monatlich einen Strom- und Heizkostenanteil einzahlten, wurde vom Energieversorger das Gas abgedreht. Weiters durfte der Garten plötzlich nicht mehr genützt werden, die Satellitenschüsseln mussten abmontiert werden und unbekannte Männer, die nachts in der Wohnhausanlage herumgingen, sorgten für Angst und Schrecken – und bei der Polizei für mehrere Einsätze.

Im Haus Nummer 28 wohnen heute nur noch Frau Fischer und Frau Varga, sowie der 71-jährige Invalide Peter Pagjura. Die drei Pensionisten sehen sich derzeit mit insgesamt neun Klagen seitens des Vermieters konfrontiert. Es soll sich hauptsächlich um Räumungsklagen handeln sowie um eine Klage, da kein Wohnbedarf mehr vorhanden sei, wie Anwalt Erhard Donhoffer bestätigt.

Wie weit man zu gehen bereit ist, die Pensionisten aus den Wohnungen zu bekommen, zeigt der Einsatz eines Detektivs Anfang dieses Jahres. Nachdem sich der Gesundheitszustand von Frau Fischer im Herbst 2017 verschlechtert hatte, wurde sie im Landespflegeheim Baden stationär aufgenommen. Am 11. Jänner 2018 erkundigte sich ein vom Vermieter beauftragter Detektiv über die Pensionistin im Pflegeheim.

„Ich war total geschockt, als ich vor Gericht erfuhr, dass der Detektiv über den Gesundheitszustand meiner Mutter Auskunft erhielt und sogar Kenntnis über die Pflegestufe hatte. Laut Protokoll soll man ihm damals sogar gesagt haben, dass die Patientin das Heim nicht mehr mit derselben Pflegestufe verlassen werde“, so die Tochter über das Vorgehen des Vermieters und die „Auskunftsfreudigkeit“ des Landespflegeheimes.

Die Umstände, wie der Vermieter versucht, die Menschen aus ihren Wohnungen zu vertreiben, rief nun auch die ORF- Thema-Redaktion auf den Plan, die bald über den Fall aus Oberwaltersdorf berichten wird.