Schirrmacher: „Meine Heimat sind meine vier Wände“. Am 13. Juli (19.30 Uhr) geht Franz Lehars „Zigeunerliebe“ als zweite Sommerproduktion in der Sommerarena an den Start.

Von Sandra Sagmeister. Erstellt am 12. Juli 2019 (04:04)
Sagmeister
Vincent Schirrmacher spielt ab kommenden Samstag den Joszi in „Zigeunerliebe“.

Eigentlich mag er die Frage nicht, jene nach seiner Identität: „Es dauert immer so lange, es zu beantworten“, erklärt Volksopernmitglied Vincent Schirrmacher (41), der den Geiger Joszi spielt.

Leichter geht es mit der Frage nach seiner Beziehung zu Baden: „Die Bühne Baden war die allererste Bühne, die ich in Österreich betreten habe“, erinnert sich Schirrmacher, der mongolische, chinesische, britische und japanische Wurzeln hat. Und, um die Verwirrung zu komplettieren, er hat zwei Muttersprachen - Englisch und Chinesisch - und er spricht auch hervorragend Deutsch, trägt einen deutschen Nachnamen und träumt davon, Italienisch zu lernen.

 "Liebe auf den ersten Blick"

 Er ist in China geboren, in England aufgewachsen, hat in New York studiert und spielt Klavier in Wien. 2008 schaffte er den dritten Platz beim Belvedere Gesangswettbewerb in der Kategorie Operette in Wien. Beim Preisträgerkonzert stand er dann erstmals in Baden auf der Bühne und wurde 2009 von dem damaligen Intendanten des Lehar Festivals Bad Ischl, Michael Lakner, entdeckt, der ihn nun nach Baden holte.

Baden ist für ihn eine „Liebe auf den ersten Blick, es gibt Theater, da geht man rein, nicht um zu arbeiten, sondern da geht einem das Herz auf“, schwärmt Schirrmacher über die Bühne Baden.

„Jedes Theater ist für mich wie eine Person, es ist wie mit einer Beziehung, man hat zehn Dates, keines passt. Und so ist es mit einem Theater, man geht rein und entweder stimmt die Chemie, oder nicht.“ Und Schirrmacher war schon in vielen Theatern, wo zwar hoch professionell gearbeitet wird, wo es aber zu keiner Beziehung kommt: „Baden hat eine schöne fließende Energie, es ist familiär und man kommt mit jedem ins Gespräch.“ 

 Doktorarbeit über Musik für behinderte Kinder

  Schirrmacher ist aber nicht nur Opernsänger, er hat Musikpädagogik studiert, seine Doktorarbeit schrieb er über Musiktherapie für behinderte Kinder.

Schirrmacher ist mehr als vielfältig und die Rolle des Zigeunergeigers Joszi eröffnet ihm eine weitere Identitätsschattierung.

„Wenn man das Blut von vier verschiedenen Nationen in den Adern fließen hat, man auf zwei Kontinenten aufgewachsen ist, studiert und gearbeitet hat, ist die Frage nach der eigenen Identität schwierig.“ Schirrmacher sieht die Verbindung zu seiner Rolle im Künstlersein, wo es um viel Glanz und Gloria geht, aber auch um viel Einsamkeit. „Im tiefsten meines Herzens bin ich ein relativ introvertierter Mensch, Sänger zu werden, habe ich mir niemals erträumt.“ Den Gesang startete er erst mit 23 Jahren, „bei einem Glas Whiskey“, da lernte er nämlich seinen Gesangslehrer kennen, der sagte „your voice sounds like a lot of money.“ Sein berufliches Leben, sei, wie sein privates Leben, ein ständiger Charakterwechsel, er schlüpfe von einer Identität in die andere: „Seit ich sprechen kann, konnte ich mich nie klar ausdrücken, von wo ich komme, ich kann mich selbst nicht identifizieren, fühle mich aber wohl damit. Meine Heimat sind meine vier Wände.“

In einer seiner beiden Arien, die er als Joszi zu singen hat, singt er: „Wisst ihr doch, ich bin Zigeuner, den es nirgend lange hält“ oder „Glück hat als Gast nie lange Rast.“

 "Jeder Künstler hat diese einsamen Momente"

 Schirrmacher erkennt viel Wahres in seiner Rolle und „ich habe eine tiefe Verbindung zu dieser Partie. Der Joszi verkörpert ein typisches Künstlerleben, nach außen glamourös, sehr wild und schillernd, aber innerlich sehr einsam.“ Das könne er sehr gut nachempfinden, „jeder Künstler hat diese einsamen Momente, aber diese einsamen Momente können wunderschön sein.“ Und in seinen beiden großen Arien habe er eine völlig andere Identität gefunden, „es kommt immer darauf an, wie man sich sieht.“ Ein neues Gefühl für ihn? Keineswegs, aber ein Schönes.

In weiteren Rollen sind unter anderem Christoph Wagner-Trenkwitz, Cornelia Horak, Elisabeth Schwarz und Kerstin Grotrian zu sehen. Regie führt Isabella Fritdum.