Blumau-Neurißhof: Die todbringende Explosion zu Christi Himmelfahrt

Erstellt am 21. Juni 2022 | 05:48
Lesezeit: 5 Min
Am 25. Mai 1922 ereignete sich in der k.u.k-Pulverfabrik in Blumau-Neurißhof ein Inferno mit 24 Toten.
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1922 – In der einst riesigen k.u.k-Pulverfabrik, werkten bis 1918 über 30.000 Beschäftigte. Nach verlorenem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie schmolz die „Blumauer-Hexenküche“ auf einige hundert Mitarbeiter. Erzeugt wurde alle Art von Sprengstoff, der im sogenannten „Munitionsdreieck“ Hirtenberg – Wöllersdorf – Leobersdorf, ausgeliefert wurde.

Auch am 25. Mai 1922, zu „Christi Himmelfahrt“ stellten fleißige Hände das todbringende Pulver her. Um ca. 14.15 Uhr brach ein Feuer in der sogenannten „Betriebs-Inspektion 1“ aus, die Arbeiter versuchten zu löschen – erfolglos – das Drama nahm seinen Lauf!

2022 – hundert Jahre später in der Feuerwehrzentrale: Ich werde vom Floriani-Dreigestirn, Kommandant Thomas Freiberger, Vize-Kommandant Roland Ulbrich und Verwalter/Chronist Jürgen Scheifinger freundlich empfangen. Ich teile ihnen mit, dass es mir in meiner Funktion als Friedhofsgucker eine Ehre ist, über dieses „Drama von Blumau“ berichten zu dürfen, wobei drei im Einsatz befindliche Feuerwehrmänner und an die 20 weitere arme Seelen, vom Sprengstoff regelrecht hingerichtet wurden.

Mit Feuerwehr-Chronist Jürgen Scheifinger versetze ich mich zurück in den schrecklichsten Feiertag, den Blumau-Neurißhof je erlebte. Der Archivar, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Orts-Feuerwehr beschäftigt, gewährt Einblick in die Katastrophentage im Mai 1922. Zahlreiches Bild- und Schriftmaterial ist von dem „Explosions-Drama“ noch vorhanden. Eines der damals im Einsatz befindlichen Löschfahrzeuge, ein Gräf&Stift D609, Baujahr 1916, steht auch heute noch wohlbehütet in einer eigenen Garage.

Die Explosion – 24 Tote

Hüter dieser historischen Floriani-Schätze ist Jürgen Scheifinger. Er fängt zu erzählen an, vom Einsatz seiner Feuerwehrahnen, von den verstorbenen und verletzten Kameraden und weiteren Opfern des Infernos am Donnerstag, 25. Mai 1922:

„Per elektrischer Fernmeldeanlage wurde die Blumauer-Berufsfeuerwehr alarmiert – Telefonist Johann Ribitsch nahm den Hilferuf entgegen – in der Dynamitfabrik – Inspektion 1 war Feuer ausgebrochen! Die Arbeiter konnten die rasch umgreifenden Flammen nicht mehr besiegen. Zu desolat war die Werksausrüstung zur Brandbekämpfung in der ‚Dynamon Erzeugung‘. So rückte an dem ‚hohen Feiertag‘ die BF-Blumau um 14.45 Uhr mit ca. 8 Mann, einem Löschfahrzeug sowie Sanitätswagen aus. Der Unfallort wurde schnell erreicht, die geprüften Floriani-Mannen machten sich auch keine großen Sorgen, solche ‚kleinere Feuer‘ gab es öfters in der riesigen Industrieanlage. Man war Profi, jeder Handgriff war geschult. Trotzdem war Vorsicht geboten, denn schon 1918 gab es eine gewaltige Explosion mit 34 Toten, aber damals in der Betriebsinspektion VI, wo Pikrinsäure erschaffen wurde“. Weiters schildert Chronist Scheifinger den Löschangriff: „Immer mehr Flammen stellten sich den Männern der Berufsfeuerwehr entgegen; Hitze, Dämpfe und Säuregeruch durchdrangen ihre Körper, verätzten ihre Lungen. Durch das moderne Einsatzfahrzeug (D609), das mit einer Knaust-Hochdruckpumpe (Fördermenge 1.500 Liter pro Minute) ausgerüstet war, konnte die Feuersbrunst erstmals eingedämmt werden. Aber dann ging es mit den Explosionen los, war die erste Detonation noch leicht, so war die zweite und dritte todbringend. Zerrissene Leiber flogen durch die Luft, brennende Menschen schrien vor Schmerzen, leblose Körper lagen unter Tonnen von Stahlbeton begraben. Die Feuerwehrleute Franz Johanninecz, Lugmeyer, Franz Mayerhofer und Franz Wegerer verwundet. Karl Reiter sowie Franz Matejka tot. Der Chauffeur Josef Brzezina konnte hinter dem Sanitätswagen in Deckung gehen, er wurde nur leicht verletzt, das Sanitätsauto sowie das Löschfahrzeug schwer beschädigt. Ganz schrecklich erwischte es Kommandant Josef Friedrich – er wurde in das Krankenhaus Wr. Neustadt gebracht, wo er am 5. Juni verstarb“ (…)

Die nur einige hundert Meter vom Explosionsherd entfernte Feuerwehrzentrale ist stark beschädigt worden – ins Dach ein Riesenloch gerissen. Der Telefonist Johann Ribitsch wurde durch die Druckwelle von seinem Büro in den Hof geschleudert und verwundet.

Um 15.35 Uhr ist durch die Direktion der Pulverfabrik die Wiener-Berufsfeuerwehr alarmiert worden, eine Stunde später waren sie schon zur Stelle. Auch die angerückten Feuerwehren aus Berndorf, Baden, Wöllersdorf und Sollenau kämpften heldenhaft gegen die Flammen. Die Kameraden der Neustädter Wehr holten den zweiten Gräf&Stift (D609) aus dem beschädigten Blumauer Rüsthaus und fuhren zum Brandort. Zahlreiche Sanitätsfahrzeuge brachten die Verwundeten in die umliegenden Spitäler, Sanitäter wühlten sich durch die explodierten Stahlbetongebäude, um Erste Hilfe zu leisten. Gegen Abend war der Brand unter Kontrolle, über 20 Personen riss das Feuerinferno in den unerwarteten Tod.

Am Gottesacker zu Blumau wurde ein Massengrab ausgehoben – ein Gedenkstein gesetzt – die Namen der Katastrophentoten in Stein gemeißelt – den Toten zur Ehr‘.

7. Juni 1922 – Friedhof Tattendorf: An die 5.000 Menschen haben sich zum Leichenbegängnis des Feuerwehrhauptmannes Josef Friedrich eingefunden, davon über 3.000 Floriani-Jünger, die ihrem Helden die letzte Ehre erwiesen. Das Grab ist bis heute erhalten, ein bronzener Adler, der Stärke, Mut und ewiges Leben symbolisiert, wacht über dem pflichtbewussten Verstorbenen.

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