Semperit Traiskirchen: Abschied auf vielen Raten

Erstellt am 27. März 2022 | 05:54
Lesezeit: 3 Min
„Semper it“ – das lateinische „es geht immer“ gab dem Reifenerzeuger den Namen.
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1921 starb jener Mann verarmt an einem Herzinfarkt, der den Namen Semperit kreiert hatte, ein Pionier der Gummiherstellung in Österreich – Josef Miskolczy. Aus Ungarn stammend und jüdischer Herkunft wurde er zum Wegbereiter der Semperit-Fabrik in Traiskirchen, bis er aufgrund des plötzlichen Todes seines wichtigsten Finanzgebers sein Unternehmen an die ungarische Tochter der Österreichisch-Amerikanischen Gummifabrik verkaufen musste. Die Vereinigung der österreichischen Gummiindustrie, ob freiwillig oder mithilfe allerlei Finanztricks, ging weiter und war 1923 abgeschlossen.

Friedrich Butta trat 1965 in die Semperit ein, ersparte sich dadurch die Fahrt nach Wien, „ich wohne Wienersdorfer Straße 18, Semperit hatte die Anschrift Wienersdorfer Straße 20“, schmunzelt Butta. Nicht nur für die Produktion waren die 1960er Jahre Goldene Zeiten, wie sich der ehemalige Lohnverrechner erinnert: „Wir haben damals noch die Löhne und Gehälter bar ausgezahlt. Da haben sich die Millionenbeträge in Schilling auf einem Tisch gestapelt“.

Der erste Schock für die Semperit kam 1973 mit der Ölkrise und der Einführung des autofreien Tages.

„Es gab damals aber noch keine Entlassungen. Der Ausbau und die Investitionen wurden fortgesetzt“, weiß der Lohnverrechner. Wobei das mit dem Ausbau so eine Sache war, die Lage mitten in Wienersdorf machte eine moderne Werksadaptierung fast unmöglich. „Es wurde zwar schon überlegt, das Werk komplett neu im Gewerbegebiet zu bauen, aber letztendlich hatte die Creditanstalt-Bankverein als mehrheitsbeteiligte Bank kein Interesse daran, dieses Unterfangen auch zu finanzieren.“

Selbst in Wien war das Semperit-Zeichen auf der Wiedner Hauptstraße auf der ehemaligen Firmenzentrale klar zu sehen, heute ist in diesem Gebäude die Bundeswirtschaftskammer untergebracht.

Anfang der 1980er Jahre wurde das Gebäude aber verkauft, etwa 4.300 Verwaltungsmitarbeiter übersiedelten nach Traiskirchen. 1985 erfolgte der Verkauf der Semperit Reifen Ges.m.b.H. an die deutsche Firma Continental – ein Unternehmen, das bis heute im Konzert der großen Reifenproduzenten Pirelli, Bridgestone, Goodyear und Michelin mitspielt. „Es wurde ein zehnjähriges Stillhalteabkommen über den Kaufpreis vereinbart. Die Personalreduktion wurde sukzessive beschleunigt, viele begabte Techniker wechselten in deutsche Conti-Werke“, erzählt Butta vom Anfang vom Ende.

2002 wurde der letzte Reifen produziert, bis 2009 auch die Mischungsherstellung für das rumänische Werk in Temeswar eingestellt wurde. Einzig und allein in Wimpassing im Schwarzatale wird die Semperit-Fahne noch hochgehalten. So werden hier bis heute Hydraulik- und Industrieschläuche, Fördergurte, Rolltreppen-Handläufe, etc. erzeugt.

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