Flüchtlingsbub: Land NÖ erhebt Obsorge-Situation. Aufgrund des Suizids eines elfjährigen Flüchtlings in Baden hat das Land NÖ eine Erhebung der Obsorge-Situation im Hinblick auf minderjährige Fremde, die mit erwachsenen Bezugspersonen, aber ohne Eltern nach NÖ kommen, in allen Bezirken/Magistraten beauftragt. Ein Ergebnis werde parallel zum derzeit laufenden Prüfverfahren der Volksanwaltschaft in rund drei Wochen vorliegen, hieß es am Donnerstag.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 23. November 2017 (14:30)
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Baden Paul Weiland-Haus Flüchtlingsunterkunft
Die Unterkunft in Baden, wo es am 12. November zu dem tragischen Vorfall kam. Foto: Thomas Lenger.
Thomas Lenger

Die Erhebung wurde vom Leiter der Gruppe Gesundheit und Soziales, Otto Huber, in Auftrag gegeben, hieß es in einer Stellungnahme der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe des Landes NÖ.

Zudem wurde darauf verwiesen, dass die Obsorge nach österreichischem Recht zunächst immer an Verwandte oder geeignete nahestehende Personen zu übertragen sei. Nur in Ermangelung solcher Personen sei die Kinder- und Jugendhilfe zu betrauen. Dazu gebe es auch eine aktuelle höchstgerichtliche Judikatur. "Die Entscheidung darüber, wie auch im konkreten tragischen Fall, treffen immer die Gerichte nach Durchführung eines Ermittlungsverfahrens, wo im Regelfall die Kinder- und Jugendhilfe einbezogen wird", wurde mitgeteilt.

"Kommen minderjährige Kinder und Jugendliche mit ihren volljährigen Geschwistern (Onkel/Tante) in eine Unterkunft in Niederösterreich, so prüft die Kinder- und Jugendhilfe selbstverständlich und mit großer Verantwortung in jedem Einzelfall, ob diese älteren Geschwister dazu in der Lage sind, die Obsorge für die Kinder zu übernehmen", hieß es weiters in der Stellungnahme.

Mit der Thematik befasse sich aktuell auch eine Expertengruppe unter Federführung des Justizministeriums gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familien und Jugend und dem Innenministerium unter Beteiligung von Vertretern aller Bundesländer. Ziel sei dabei, eine Anpassung der Gesetzeslage (ABGB) an die aktuelle Migrationsthematik vorzuschlagen.

Psychologin: 23-Jähriger überfordert

"Allein der gesunde Menschenverstand sagt, dass ein 23-Jähriger die Obsorge für minderjährige Geschwister nicht bewältigen kann. Ich kenne auch keinen Fall eines Österreichers, dem eine solche Obsorge übertragen worden wäre." Das sagte die Kinderpsychologin Sonja Brauner

"Schon eine Familie mit 'stabilen' Eltern ist in einer solchen Situation äußerst gefordert", betonte Brauner, die für den Verein Hemayat in Wien arbeitet, der psychotherapeutische Betreuung für Flüchtlinge bietet. "Allein das Schulsystem verlangt vieles ab: Lernen, Schulsachen kaufen, Elternabende besuchen - das verlangt den Erwachsenen viel ab."

Ein 23-Jähriger habe dafür keine ausreichenden Kapazitäten. "Ein Mensch in diesem Alter ist noch damit beschäftigt, seinen eigenen Platz im Leben zu suchen." Ein Flüchtling, der aus einem Land kommt, in dem jahrzehntelang Krieg herrschte, der seine Eltern verloren und die Flucht überlebt hat, sei vermutlich traumatisiert, sagte die Kinderpsychologin am Donnerstag zur APA.

Brauner: "Kinder müssen Kinder sein dürfen"

Wenn der Elfjährige wie kolportiert Botengänge erledigt und gedolmetscht hat, stellte das eine Überforderung dar. "Kinder müssen Kinder sein dürfen. Wir haben als Gesellschaft die Verantwortung, uns um die Schwächsten zu kümmern", sagte Brauner. " Und in diesem Zusammenhang ortet die Psychologin ein weiteres Problem: Wie erklären Eltern Mitschülern des Elfjährigen ihren Kindern den Suizid des Buben? Denn nicht nur Geschwister und die Mitarbeiter der Flüchtlingseinrichtung, die sich um die Familie gekümmert haben, sind vom Suizid des Buben betroffen, sondern auch die Mitschüler.

"Es gibt ausreichend Expertise, was Kinder benötigen", erklärte Brauner. Allein an der Umsetzung mangle es. "Nehmen wir Hemayat: Der Verein ist fast seit einem Vierteljahrhundert tätig und höchst angesehen, bekommt aber keine Basisförderung", erläuterte Brauner. Hemayat bietet muttersprachliche Psychotherapie für Kriegsflüchtlinge. Aktuell stehen 439 Menschen auf der Warteliste. Die Expertin kritisiert auch den von Fachleuten schon seit Jahren beklagten Mangel im Angebot an Psychotherapie für Kinder in Österreich. "Es sollte eigentlich so sein wie bei Zahnschmerzen: Wenn man welche hat, geht man gleich zum Zahnarzt."