Der Friedhofsgucker: Der „Mohr von Tattendorf“

Erstellt am 14. Mai 2022 | 05:33
Lesezeit: 6 Min
Der Friedhofsgucker auf den Spuren von Orest Rihs, der um 1839 in Afrika vermutlich gekauft wurde.
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Friedhof Tattendorf im Mai 2022: Ich durchstreife das hiesige Totenreich, mein Blick rollt über die historischen und noch frischen Grabstätten, die mit reichlich Kränzen geschmückt sind. Aber auch Blumenschmuck ist vergänglich, wie alles auf dieser Erd`.

So wäre auch das Leben des Orest Rihs (vermutlich geboren in Alexandria um 1830 - gestorben 1888 in Tattendorf) in Vergessenheit geraten, würde es nicht Alfred Kreisa geben, der vor einem Vierteljahrhundert ein Fest der Tattendorfer Feuerwehr besuchte. Im Gerätehaus fiel ihm ein vergilbtes Mannschaftsfoto von 1879 auf. Darauf sind die stolzen Florianijünger der damaligen Wehr zu sehen und in der Mitte der alten Fotografie posiert ein dunkelhäutiger Riese in Uniform.

Es ist Orest Rihs der „Mohr von Tattendorf“. Der geschichtsinteressierte Alfred Kreisa begann über ihn zu recherchieren. Auch nach 25 Jahren ist der Chronist nicht müde, Orests „Erdendasein“ dem Vergessen zu entreißen.

Wien um 1839 – ein Bürgerhaus in der Sonnenfelsgasse 15: Der Großhändler – Demeter Theodor Tirka – kehrt von einer längeren Geschäftsreise aus dem Orient zurück. Außer Tüchern, Stoffen und Teppichen hatte er auch einen afrikanischen Jungen im Gepäck, „Orest“ war sein Vorname, Nachname hatte er zu dieser Zeit noch keinen. Ob Tirka den dunkelhäutigen Jungen auf einem Sklavenmarkt gekauft hatte, als Geschenk erhalten hat, oder ob Orest anderswertig in den „Besitz“ des Magnaten kam, konnte bis heute nicht festgestellt werden. Fix ist aber, dass der Bub ab 1840 ein echter Wiener wurde. Bekundet ist dies im Konskriptionsbogen von 1840, wo Orest im Haus Nr. 747 (Sonnenfelsgasse 15) - Wohnung Nr. 5 mit der Familie Tirka und deren Bediensteten wohnte. Als Geburtsjahr des kleinen Afrikaners wurde 1830 bekundet.

Beruf des Zehnjährigen war Bedienter (Diener). In der Wohnung Nr. 2 des riesigen Bürgerhauses lebte die Familie Dumba, ebenfalls im Großhandel tätig und am besten Weg zu „Reichtum, Glanz und Gloria“ zu gelangen. Eines der Kinder des Baumwollhändlers Stergios Dumba war Nicolaus, geboren am 24. Juli 1830, also ungefähr so alt wie Nachbarjunge Orest.

Die beiden wurden Freunde. Nicolaus war stolz, wenn sie durch Wiens Gassen liefen – denn, wer hatte zur damaligen Zeit schon einen hochgewachsenen „Mohren“ zum Freund. Von wo er seinen Familiennamen Rihs (Ries oder Riss) bekam, kann nur vermutet werden, im wienerischen Dialekt ist ein Riese ein „Ries“ – Orest wuchs schneller in die Höhe als all die anderen Mitschüler seines Alters und das könnte die Namenserklärung sein. In einem Schuldokument von 1844 wird erstmals der ganze Name – Orest Rihs - geschrieben.

1848 Revolution: Der „schwarze Riese“ rückt zum Militär ein: Orests ehemaliger „Besitzer“ Demeter Tirka war Hauptmann der Nationalgarde in Wien, er dürfte den „schwarzen Riesen“ zur Garde gebracht haben. 1849 meldet sich Rihs zum Infanterieregiment Nr. 30 des „Grafen Nugent“, ab November war Orest dann bei der Regimentskapelle als Tambour (Trommler) tätig – mit Standort Innsbruck.

War Orest Vater von „schwarzen“ Zwillingen?

Das Fremden-Blatt berichtet am 1. 4. 1851 über eine erschütternde Geschichte aus dem „Heiligen Land Tirol“: (...) „Ein junges Landmädchen, welches mit einem Mohren, der bei der Musikbande eines in Innsbruck gelegenen Infanterieregimentes dient, ein Liebesverhältnis hatte, wurde unlängst von Zwillingen entbunden. Der Geistliche des Geburtsortes verweigerte die Taufe, da er in den unschuldigen Sprösslingen eines Schwarzen, die leider die Farbe ihres Vaters auf die Welt mitbrachten, nicht Kinder Gottes, sondern junge Teufel erkannte. Die unglückliche Mutter, welche von allen Einwohnern gehasst und verfolgt wurde, wobei das Benehmens des Geistlichen auch das Seinige beitrug, beendete, von Verzweiflung getrieben, ihr Leben durch Selbstmord“ (…)

Orest war aber zu diesem Zeitpunkt mit seinem Regiment schon in Norddeutschland. Ob er je von den „schwarzen Zwillingen“ erfahren hatte, konnte nicht geklärt werden. Bis nach Siebenbürgen gingen nun die Einsätze. 1859 endete seine militärische Karriere in Norditalien, wo er Abschied nahm.

Der „Mohr“ und sein edler Freund: Orest, um 1860 nach Wien zurückgekehrt, dürfte mit seinem Jugendfreund wieder in Kontakt getreten sein. Nicolaus Dumba war inzwischen Besitzer der Tattendorfer Spinnerei und ein sehr geschätzter Kunstmäzen.

Einen verlässlicheren Menschen wie Orest Rihs, mit dem wienerischen Dialekt, konnte Dumba nicht finden. Der „Krauskopf“ war nun in Diensten des Wirtschaftsmagnaten. Dumba konnte seinen Freund überall einsetzen. Orest begleitete ihn auf Reisen, zur Jagd, bei Delegationen. Das Zweiergespann „der weiße Dumba und der schwarze Rihs“ war in der feinen Gesellschaft gerne gesehen.

Orest stand Malern Modell und war sehr gefragt

Auf Maskenfesten im kaiserlichen Wien sorgte Orest für so manche Spassettln und Unterhaltung. Auch Künstler der malenden Zunft waren auf den exotisch wirkenden Mann aufmerksam geworden. So stand Rihs z.B. mehrmals Modell für den akademischen Maler Carl Pischinger (1823 – 1886), die Werke „Mann mit Pfeife“ oder das riesige Kulissenbild „Der Kriegsbote“ 350 x 240 cm, sind noch erhalten.

1870 war nun Orest in Tattendorf so richtig angekommen: Von Dumba hatte er in einem Nebengebäude des herrschaftlichen Besitzes eine Wohnung bekommen, groß genug, um eine Familie zu gründen. Dies tat Orest Rihs auch. Am 18. Feber 1871 heiratet er die reiche Bauerstochter Maria Holler und sie blieben ein Leben lang glücklich vereint. Die Kunde der „interkulturellen“ Ehe drang weit aus Tattendorf hinaus, die Zeitungen berichteten über das seltene Ereignis. Der Name „Mohr von Tattendorf“ wurde von den Medien in dieser Zeit geboren. Geboren wurde aber auch am 28. November 1871 das erste Kind von Maria und Orest, es war ein strammer etwas dunkelhäutiger Junge, der auf dem Namen Nicolaus getauft wurde – nach seinem Taufpaten Dumba.

Als Gründungsmitglied war Orest Rihs auch bei der Entstehung der FF-Tattendorf mit dabei – er brachte es bis zum Vizekommandanten und bei der FF-Musikkapelle, die weit über die Grenzen bekannt war, zum „Tambourmajor“. Die Jahre vergingen, Sohn Nicolaus war schon zwölf Jahre, als sich am 16. März 1883 ein Brüderchen einstellte. Johann war nur neun Wochen auf der Welt – er starb an Darmkatarrh und wurde als erster der Familie Rihs am örtlichen Friedhof bestattet.

1888 am 4. Juni folgte ihm sein Vater Orest Rihs in das dunkle Grab, der „Mohr von Tattendorf“ verstarb an Herzlähmung. Maria Rihs, holte der Sensenmann dann im Sommer 1900 ab.

Es vergingen Jahrzehnte, irgendwann wurde die historisch wertvolle Grabstätte aufgelassen, der Grabstein abgerissen. Die Geschichte des „Mohren“ geriet in Vergessenheit; bis Alfred Kreisa das Foto im Feuerwehrhaus entdeckte – 2018 brachte er eine Gedenktafel an der Stelle an, wo die Gebeine der Familie Rihs ruhen.

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