Eva May: Im Grandhotel löschte sie ihr Leben aus

Aus unglücklicher Liebe zum Cousin nahm sich 1924 junger Star mit 22 Jahren das Leben.

Erstellt am 24. Oktober 2021 | 05:14

1902 – Wien, die Kaiserstadt & Kulturmetropole: Hier erblickte ein aufgeweckter süßer Balg mit Namen „Eva Maria“ das Licht der Welt. Die Schauspielerei war ihr mit den Genen ihrer Mutter Hermine Pfleger „Künstlername Mia May“ (1884-1980), in die Wiege gelegt. Der stolze Vater, Joseph Otto Mandl, Künstlername „Joe May“ (1880-1954), stammte aus einer alteingesessenen Industriellenfamilie (Hirtenberger Patronenfabrik). Nach Gelegenheitsjobs war Joseph Mandl 1909 dann Operettenregisseur in Hamburg.

Das geliebte und verhätschelte Töchterchen wuchs in Wien, Hamburg und Berlin in der Traumwelt des Films auf, wo Evas Eltern als Filmschaffende erfolgreich tätig waren. Von klein auf wollte Eva genauso werden wie ihre Mutter Mia May, ein gefeierter, strahlender Star der Stummfilmzeit.

1914 – Berlin: Bereits im zarten Alter von 12 Jahren feierte die heranreifende Eva ihr Filmdebüt in der Serie „Stuart Webbs“, Regie führte ihr Vater Joe May. Hochtalentiert und ambitioniert tritt sie nun ein in die magische Welt des Stummfilmes und es gelang ihr der Aufstieg ganz nach oben. Die zauberhafte Schönheit, mit einem vermischten „Wiener-Berliner Akzent“, machte Eva May unwiderstehlich. Sie konnte sich vor Engagements kaum erwehren. Eva May war das It-Girl der beginnenden 20er-Jahre. Die Zeitungen berichteten über die hochbegabte Darstellerin, sie wurde mit positiven Kritiken überhäuft. Filme mit Eva May flimmerten in ganz Europa in den Lichtspiel-Theatern – sie hatte sich zum „Superstar“ entwickelt.

1918: Privat lief es nicht so gut!

Ihre erste Ehe ging Eva mit gerade 16 Jahren mit ihrem Regisseur Erik Lund ein – die Ehe zerbrach. Auch das Liebesbündnis mit dem Regisseur Lothar Mendes hatte nicht lange Bestand. Manfred Noa war der dritte Mann aus der Filmbranche, dem die unwiderstehliche, aber launenhafte Eva das Ja-Wort gab – auch das ging schief.

Nach den drei gescheiterten Partnerschaften suchte Eva May, wie noch nie zuvor, nach Halt und Geborgenheit, was sie in der Scheinwelt der Filmindustrie nicht finden konnte. Trotzdem verlobte sie sich nun mit dem Filmschaffenden Rudolf Sieber, der entschied sich aber für Marlene Dietrich. Dies konnte die schöne, aber unglückliche „Eva Maria“ nicht verkraften – sie schnitt sich die Pulsadern auf – Eva konnte aber noch einmal zurückgeholt werden, ins Leben der „goldenen 20er-Jahre“.

1923/24 – Der letzte Dreh: Nach dem Suizidversuch - die Schnittwunden waren verheilt - die seelischen Verletzungen aber geblieben – begann sie nun mit aller Kraft, die ihr zarter Körper noch hergab, mit den Dreharbeiten zum Film „Der geheime Agent“. Eva war jetzt gerade 21 Jahre, als sie die Hauptrolle, einer „Prinzessin“, spielte – es war der letzte Film, in dem Eva May zu sehen war.

1924 – Baden bei Wien: Die letzten Monate verbrachte Eva May, wie schon öfters, in der Kurstadt Baden. In den 20er Jahren war die Stadt an der Schwechat Treffpunkt der Reichen und Schönen, der Aristokraten, Adabei’s und aufstrebenden Geschäftemacher der jungen Republik. Seit gut einem halben Jahr logierte Eva Maria May mit ihrer Kammerzofe wieder im „Luxushotel Herzoghof“. In gleich drei Appartements bezog die zerbrechliche Filmschönheit Quartier. Fritz Mandl, ihr Vetter und die neue große Liebe von Eva, gab sich immer wieder ein Stelldichein.

Das Ende: Mittwoch 10.9. 1924 – 7.30 Uhr morgens

Die ersten Hotelgäste sitzen schon beim reichlich aufgedeckten Frühstücks-Brunch. Auf einmal erschallte ein Knall oder ein Schuss in den Hallen des Hoteltempels – dann geisterhafte Stille – nach einigen Sekunden durchzogen gellende Hilfeschreie die Gänge – aus dem Appartement der May drang aufgeregtes Geflüster - schaulustige Gäste weilten am Flur und gafften in Richtung der sterbenden Eva. Ein Hotelpage holte Hilfe – ein Arzt traf auch bald darauf ein, er konnte aber nur noch den Tod der jungen Schönheit feststellen.

Eva Maria May hatte ihrem kurzen Leben ein spontanes Ende gesetzt, sich mit einem Revolver in die Brust geschossen. Über den blutüberströmten Leib gebeugt, stand kreidebleich ihr 24-jähriger Vetter und Liebhaber Fritz Mandl. Laut Einvernahme konnte sich Mandl die Wahnsinnstat seiner Eva nicht erklären! Der Revolver dürfte aber laut Zeitungsangaben dem „Patronenfabrikanten“ gehört haben.

Ihr geisterhafter Leichnam blieb nun bis in die späten Abendstunden im versperrten Hotelzimmer liegen. Die Kurgäste und Spaß-Gesellschaft sollten nicht mit dem Tod konfrontiert werden. Erst spät in der Nacht wurde die Leiche, durch Totenknechte, in die Aufbahrungshalle des städtischen Friedhofs gebracht.

Donnerstag – 11. September 1924: Die Zeitungen überschlugen sich mit Falsch- und Richtigmeldungen. Eva May machte noch einmal so richtig Schlagzeilen. In Baden wurde nun viel gemunkelt – war es wirklich Selbstmord, ein tragischer Unfall, oder gar Mord? Als bekannt wurde, dass die Schauspielerin in ihren Prunkgewändern aufgebahrt lag, pilgerten tausende Menschen zum Aufbahrungsort. Alle waren sich einig „a wunderschene Leich“.

Samstag – 13. September 1924: Die Reise ins Totenreich war für die junge Filmqueen noch nicht zu Ende. Von Baden wurde die „Hülle“ nach Wien ins „Krematorium Feuerhalle“ befördert.

Montag – 15. September 1924: Der Ofen des Krematoriums läuft auf Hochtouren – bei 1200 Grad Celsius und 90 Minuten später ist von dem einst strahlenden Filmstar nichts als ein Häufchen Asche und der wertvolle Pelzmantel übrig geblieben – das teure Bekleidungsstück war zu schade für die Feuersbrunst – der Pelz roch noch so gut nach Luxus, Schönheit und Jugend – eben nach „Eva“. Dank Heidemarie Ernst vom „Krematorium Feuerhalle“ Wien konnte noch festgestellt werden, dass die Urne nach Berlin weitergeleitet wurde, dann verliert sich jede Spur.

Donnerstag 14. Oktober – 2021: Ich treffe mich mit Friedrich Heiduk, Friedhofsverwalter und ein profunder Kenner des Stadtfriedhofes zu Baden. Er zeigt mir die ehemalige Totenhalle mit dem Sezierraum, wo bei Eva May die Obduktion durchgeführt wurde. Durch eine knarrende Holztüre kommen wir in den ehemaligen Aufbahrungssaal – hier wurde Evas Leib noch einmal zur Schau gestellt – prunkvoll – puppenartig – leichenblass – und doch wunderschön. Es war die letzte Rolle der „Filmprinzessin“, aber da war „Eva Maria May“ schon in einer anderen - von ihr selbst gewählten – besseren Welt. Wo sich die Grabstätte des „Wiener/Berliner Mädel mit Liebe zu Baden“ befindet, konnte leider nicht mehr in Erfahrung gebracht werden.

Am Rande sei erwähnt: Fritz Mandl heiratete neun Jahre später die Filmschauspielerin Hedy Lamarr, die durch Nacktszenen im Film „Ekstase“ bekannt wurde. Dem abenteuerlichen Leben des Fritz Mandl ist der „Friedhofgucker“ schon auf heißer Spur…

Danke an: Heidemarie Ernst (Feuerhalle Wien), Friedrich Heiduk und Dariusz Zalewski (Stadtfriedhof Baden), Günther Neubauer (Historiker) und Elfi Holzinger (Verein TRIDOK - Berndorf).