Krähender Hahn als Fall fürs Gericht. Dragos Melinte betreibt in der Kugelzipfgasse seinen Biobauernhof. Hahnengeschrei stört einen Stadtrand-Bewohner.

Von Judith Jandrinitsch. Erstellt am 28. April 2021 (05:55)
Einer der Hähne von Dragos Melinte, die einen Anrainer in 300 Meter Entfernung stören.
Jandrinitsch

Zwar ist die Stadtrandsiedlung über 300 Meter von Dragos Melintes Biogarten entfernt, trotzdem ist ein dortiger Bewohner davon überzeugt, dass es die Hähne von Herrn Dragos sind, die ihn nächtens um den Schlaf bringen.

Obwohl es in der Kugelzipfgasse in unmittelbarer Nähe von Melinte weitere Besitzer von Hähnen gibt. Die Beschwerden des Stadtrandsiedlungs-Bewohners sorgten dafür, dass die Hähne von Dragos Melinte ein Fall für das Bezirksgericht wurden. Ein Fakt, den der Biolandwirt bis heute nicht verstehen kann.

Dragos Melinte kam 1988 von Rumänien nach Österreich. Besser gesagt, er ließ sein ganzes Hab und Gut in seiner Heimatstadt Alexandria, etwa 20 Kilometer von Bukarest entfernt, zurück und flüchtete mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn zu Fuß über die damalige jugoslawische Grenze und dann weiter nach Österreich. Hier landete er im „Flüchtlingslager“ in Traiskirchen. 18 Tage mussten er und seine Familie im Erstaufnahmezentrum in Quarantäne bleiben, dann begann der studierte Techniker, sich in Österreich eine neue Existenz aufzubauen.

Österreich ist längst zur Heimat geworden

Traiskirchen ist zu seiner Heimatstadt geworden, „Österreich ist meine Heimat“, sagt der Techniker, der zum Gärtner wurde und in seinem Biogarten auf seine Gartenhütte schaut, auf der eine Landkarte befestigt ist.

Sein Geburtsland Rumänien ist auf dieser groß zu erkennen. „Ich hatte in Rumänien ein gutes Leben, was meine wirtschaftliche Situation und meinen Beruf anbelangt hat. Aber seine Meinung frei zu sagen und viele andere Dinge haben es schließlich unmöglich für mich gemacht, in diesem Land zu bleiben“, erzählt Melinte.

Seit 1993 betreibt er nach einem schweren Autounfall, den er als Beifahrer schuldlos nur knapp überlebte, ganz offiziell seine Biolandwirtschaft in der Kugelzipfgasse.

„Ich habe dieses Land hier von der Stadtgemeinde Traiskirchen gepachtet“, schildert Melinte, der sich alles rund um die Bio-Landwirtschaft selbst beigebracht und erarbeitet hat. „Am Anfang haben mich die Leute ausgelacht, denn hier war eine Gstettn, wie man auf österreichisch sagt, hier ist nichts gewachsen, bis ich nicht eine Fuhre Erde und Mist nach der anderen hierhergebracht habe und sich der Boden langsam in fruchtbares Ackerland verwandelt hat“, sagt der Biogärtner.

Heute wachsen, blühen und gedeihen hier Obst, Gewürze und Gemüse. Im vorderen Bereich des Gartens summen seine Bienen, Melintes Honig und seine Propolistropfen sind heiß begehrt. Ja, und dann gibt es noch sein Federvieh, alte Hühnerrassen, die für verschieden farbige Eier sorgen, auch Nuancen von grün und blau sind darunter.

Seine Hähne sorgen dafür, dass sich die Hennen wohlfühlen, bei einem Anrainer in der Stadtrandsiedlung sorgen diese aber für Kopfschmerzen. Und auch jetzt, nach Abschluss des Gerichtsverfahrens, bombardiert er Melinte mit Strafen.

„Die Polizei war hier und hat die Distanz von mir zur Siedlung gemessen. Es waren 342 Meter“, erzählt der Biogärtner empört.

Was ihn am meisten stört: „Es war nie jemand vom Gericht hier und hat geschaut, ob ich meine Hähne in der Nacht ordnungsgemäß verwahre“, ärgert sich der Biogärtner. Warum das so ist, erklärt Badens Gerichtsvorsteherin und Mediensprecherin Daphne Franz: „In dem Fall von Herrn Melinte wurde ein Vergleich abgeschlossen. Wurde der Rechtstitel Vergleich erzielt, dann ist es nicht mehr vorgesehen, dass man bei einer neuerlichen Beschwerde des Klägers die Rechtslage noch einmal prüft, also ob die Hähne in der Nacht ordnungsgemäß eingesperrt sind oder nicht.“

Bereits Ende März hatte Dragos Melinte seine Gemüsebeete bestellt. Feinsäuberlich in Reihen, so wie es sich gehört. Im Hintergrund: die Stadtrandsiedlung
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Aus finanziellen Gründen hatte Melinte bis vor Kurzem keine Rechtsvertretung. Jetzt hat ihm das Gericht eine Verfahrenshilfe genehmigt, die Melinte bei seinem Vorgehen gegen die Strafen, die weiterhin eintrudeln, zur Seite steht.

Eine Welle der Solidarität schlägt dem Biogärtner jedenfalls von den Bewohnern der Stadtrandsiedlung entgegen. „Es haben mir so viele gesagt, dass sie sich von meinen Hähnen nicht gestört fühlen. Das haben mir die Leute sogar schriftlich gegeben.“ Das ist zumindest etwas Balsam auf die Seele des engagierten Biogärtners. „Ich glaube immer noch an dieses Land und sein Rechtssystem“, sagt Melinte. „Genau aus diesen Gründen bin ich damals ja von Rumänien nach Österreich geflüchtet.“