Sensationsgier nach Unfall: Grenzen sind überschritten. Umgang mit Schaulustigen beschäftigt die Einsatzkräfte zunehmend. Das bindet Energie für Rettungsaufgaben.

Von Judith Jandrinitsch. Erstellt am 03. September 2019 (04:14)
APA/dpa
Symbolbild

Sie kamen aus allen Richtungen und strömten auf den Unfallort zu: Die Schaulustigen, die am vergangenen Montagnachmittag angelockt durch das Blinken der Warnlichter der Einsatzfahrzeuge von Rotem Kreuz, Polizei und Feuerwehr sich selbst ein Bild vom furchtbaren Geschehen machen wollten.

Dabei lag die Unfallstelle auf der B212 in Möllersdorf Fahrtrichtung Guntramsdorf gar nicht im dicht verbauten Wohngebiet, doch, so erinnert sich der Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr, Möllersdorfs Kommandant Markus Bartlweber: „Die Schaulustigen kamen von überall, auch quer durch die Felder sind sie gestiefelt. Wir mussten zusätzliche Feuerwehrkameraden dafür abstellen, damit sie die Unfallstelle absichern.“

Doch die Neugierigen kamen nicht etwa um zu helfen, sondern um im wahrsten Sinne des Wortes zu gaffen, den Einsatzkräften unangenehm nahe zu kommen und per Handy die schaurige Szenerie – der Unfall forderte zwei Menschenleben, die Leichen lagen zugedeckt neben den Autowracks – zu filmen.

Polizei ist an Gaffer mittlerweile gewöhnt

Ein Polizeibeamter des Bezirkspolizeikommandos Baden erzählt: „Es waren rund 60 Schaulustige an der Unfallstelle. Die oft medial erwähnte Zahl von bis zu 40 Verwandten, die am Unfallort eingetroffen wären um den Unfalllenker zu sehen, stimmt nicht. Es handelte sich etwa zwischen zehn und 15 Angehörigen. Außerdem kamen und gingen die Verwandten, die größere Zahl der Menschen schaute einfach nur.“

Zutreffend ist hingegen, dass rund eine Stunde, bevor sich der Mann ins Auto setzte und seine letzte Fahrt antrat, die Polizei bei ihm zu Hause war. „Er hat selbst die Exekutive gerufen“, erklärt der Beamte.

„Er hat selbst die Exekutive gerufen“

Der Mann machte einen offensichtlich alkoholisierten Eindruck und war auch schon ein paar Mal wegen Fahrens ohne Lenkberechtigung angezeigt worden.

Das hinderte ihn aber nicht daran, mit seinem Auto auf die nahe B212 zu rasen und frontal in den Wagen einer ihm entgegenkommenden Badnerin zu crashen, die auch noch ihren 14-jährigen Sohn im Auto hatte. Für die Tierärztin, in der Traiskirchner Tierklinik beschäftigt, und ehrenamtliche Rot-Kreuz-Mitarbeiterin kam jede Hilfe zu spät.

Bezirkshauptfrau-Stellvertreter Martin Hallbauer sagt gegenüber der NÖN: „Es ist richtig, dass der Lenker zum Zeitpunkt des Unfalls nicht im Besitz einer gültigen Lenkberechtigung war. Zu den konkreten Strafverfahren kann ich aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben, verweise jedoch auf § 99 Straßenverkehrsordnung, wonach der Strafrahmen bei einer Alkoholisierung über 1,6 Promille bzw. einer Verweigerung einer Untersuchung der Atemluft eine Geldstrafe zwischen 1600 Euro als Mindeststrafe bis zu 5900 Euro beträgt. Die Lenkberechtigung wurde im Juni 2018 entzogen und wurde seither nicht wieder erlangt.“

"Die Lenkberechtigung wurde im Juni 2018 entzogen und wurde seither nicht wieder erlangt.“ Martin Hallbauer, Bezirkshauptfrau-Stellvertreter

Ein Führerscheinentzug ist ein Delikt des Verwaltungsrechts und nicht des Strafrechts. Einsperren hätte man den Mann nur können, wenn er seine Strafe nicht bezahlt hätte. Eine Handhabe habe die Polizei nur, wenn jemand wegen des gleichen Delikts innerhalb kürzester Zeit erwischt wird.

Laut Auskunft der Landespolizeidirektion Niederösterreich seien die gesetzlichen Bestimmungen, was die Schaulustigen bei einem Unfall betrifft, vor rund einem Jahr verschärft worden.

Eingreifen könne die Exekutive aber nur, wenn jemand die Arbeit der Einsatzkräfte behindere. Polizeisprecher Walter Schwarzenecker erklärt: „Es ist immer auch eine Frage, wie eine Bestimmung in der Praxis funktioniert. Natürlich kann ich den Absperrkreis um einen Unfallort auch größer machen, aber das bindet zusätzliche Einsatzkräfte. Es ist fraglich, ob ich diese immer zur Verfügung habe.“

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