Zwangsehe statt Heirat aus Liebe. Es dauerte, bis Tribuswinkel und Oeynhausen in Traiskirchen in einer „Vernunftehe“ ankamen.

Von Judith Jandrinitsch. Erstellt am 21. April 2021 (05:45)
Bürgermeister Fritz Knotzer im Stiegenhaus des Leopold Fuhrmann-Saales in Tribuswinkel 1992. Empfangen wurde er von aufgebrachten Tribuswinklern.
Peter Selb, Peter Selb

„Wenn es auch nichts nützt und nur für euren Papierkorb ist, möchte ich trotzdem zu dem Punkt ‚Gemeindezusammenlegung‘ Stellung nehmen“, so beginnt der Brief eines Oeynhausner Bürgers im Juni 1971 an die NÖ Landesregierung. Längst war klar geworden, dass nicht nur Tribuswinkel, sondern auch Oeynhausen im Zuge der sogenannten Gemeindestrukturreform mit Traiskirchen zusammengelegt werden sollte.

Der Mann war nicht der einzige, der seinem Unmut Luft machte, insgesamt schrieben 88 Oeynhausnerinnen und Oeynhausner an die Landesregierung unter der Federführung von Ökonomierat Andreas Maurer. Sigrid Atterbigler, die gemeinsam mit ihrem Mann Josef Atterbigler 2012 die Pfarrchronik verfasste und jetzt an einer Chronik der Oeynhausner Ortsgeschichte arbeitet, kann sich noch gut an die aufgeheizte Stimmung von damals erinnern. „Es wurde einfach bekannt gegeben, dass die Zusammenlegung jetzt kommen soll, Punkt, Aus. Es wurde nicht versucht, das den Menschen in den betroffenen Gemeinden irgendwie zu erklären oder schmackhaft zu machen“, erläutert sie.

Geschlossen setzten sich SPÖ und ÖVP auch in Oeynhausen für die Eigenständigkeit ein. Genützt hat es aber nichts.
Sigrid Atterbigler, Sigrid Atterbigler

Ihr Mann Josef, ein gebürtiger Oeynhausner, war selbst im letzten Gemeinderat von Oeynhausen vertreten. Die Übergabe des Gemeindevermögens sowie aller bedeutender Gemeindedokumente erfolgte nur unter Protest.

Die Argumente der Landesregierung, dass vor allem finanzschwache Gemeinden unter 1.000 Einwohner „strukturbereinigt“ werden sollten, konnte man in Oeynhausen sowieso nicht verstehen. „Dank der Firma Felsinger, der heutigen Firma Abo, stand die Gemeinde finanziell sehr gut da“, erläutert Atterbigler. Auch in Tribuswinkel regte sich Widerstand. Die Gemeinde war erst 1963 in den Rang einer Marktgemeinde erhoben worden, hatte rund 2.500 Einwohner und ein Betriebsgebiet, das begann, zu prosperieren.

Bürgermeister Leopold Fuhrmann, SPÖ, trat aus Protest gegen die Vorgehensweise des Landes als Bürgermeister zurück. Der vom Land eingesetzte Regierungskommissär war der damalige Traiskirchner Bürgermeister Alois Jirovetz, SPÖ.

20 Jahre nach 1972 kam es zur Volksbefragung

Der Unmut der Tribuswinkler war lautstark und verhallte dennoch ungehört. Doch auch nach der Zusammenlegung gärte es in großen Teilen der Bevölkerung weiter, die politische Liste demokratischer Bürger formierte sich. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre kochte der Konflikt wieder hoch. „Tribuswinkel wurde einfach aus dem Telefonbuch gestrichen“, erinnert sich Zeitzeugin Monika Locker, deren Schwiegervater Karl Locker dem letzten Tribuswinkler Gemeinderat angehörte. Diese ‚Telefonbuchaffäre‘ brachte das Fass zum Überlaufen, die Tribuswinkler brachten eine Volksbefragung auf den Weg, um eine Loslösung Tribuswinkels von Traiskirchen zu erreichen.

Der damalige Bürgermeister Fritz Knotzer, SPÖ, begründet die Telefonbuchstreichung allerdings mit den komplizierten Grenzverläufen der Katastralgemeinden, vor allem durch die Betriebsgebiete. „Die Oeynhausner gehörten postalisch sowieso zu Baden, deren Betriebsgebiet war postleitzahlmäßig aufgeteilt zwischen Tribuswinkel, Traiskirchen und Baden“, erinnert sich Knotzer. 1992 ging die Volksbefragung in Tribuswinkel schließlich über die Bühne. Das Votum fiel mit überwältigender Mehrheit für eine Loslösung von Traiskirchen aus.

„Aber nach der Volksbefragung ist nichts Wesentliches mehr passiert, die Sache ist einfach im Sand verlaufen“, erzählt Locker. Und das, obwohl Tribuswinkel den Gang zum Verfassungsgerichtshof und nach Straßburg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht scheute. Diesen Weg hatten die Oeynhausner schon 1972 beschritten, auch sie blitzten sowohl beim Verfassungsgerichtshof als auch beim Europäischen Gerichtshof ab. Eine Trennung gelang de facto nur den Gemeinden der Großgemeinde „Steinfelden“, anzumerken ist, dass die Gemeinden Tattendorf, Teesdorf und Günselsdorf aber auch damals nicht über Betriebsgebiete wie Oeynhausen und Tribuswinkel verfügten, und sich alle einig waren.

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