Alois Sames: Ein Mann mit Benzin in den Adern

Der sportliche Autohändler aus dem Triestingtal, sorgte einst als Kapitän seines schwimmenden Cabrios, Marke „Amphicar“, für Furore.

Dietmar Holzinger Erstellt am 10. Oktober 2021 | 05:52

2021 – 19. September, Friedhof: Ein Gottesacker mit Geschichte! Hier ruhen z.B. Reichsgräfin Aloisia von Brigido, deren Vergangenheit im Dunkeln liegt – Polizei Wachtmeister Karl Krippel der 1939 mit 32. Jahren verstarb – Weltkriegsheld Franz Mittermüller, dem eine Tapferkeitsmedaille verliehen wurde, der aber trotzdem 1916 fiel – oder die Gebeine des über 1000-Jahre alten Awaren, der in der Leichenhalle seine letzte Ruhe fand.

Auch die Grabstätte der Familie Sames mit den Porzellanbildern der Brüder Otto und Alois befindet sich auf diesen Seelenhain – Otto ertrank 1957 im Wolfgangsee unterhalb der Falkensteinwand, mein Fokus gilt aber dem Lichtbild von Alois. Es ist als Grabfoto sicherlich einmalig, zeigt es doch den Verstorbenen in einem schwimmenden Cabrio, Marke „Amphicar“, der ganze Stolz des Alois Sames.

„Zug fährt ab – Alois kam an“ – 1928, 15. Juni, Wien, Bahnhof Simmering: Während der Bahnhofsvorsteher Alois Sames Senior, die schnaufenden Dampfzüge auf Reisen schickte, kam der kleine Alois in der Hasenleitengasse (36) auf Erden an. Die Mutter – Ludmilla – eine geborene „von Zozegy“, konnte ihren Mann, als er vom Dienst nach Hause kam, einen gesunden, lautstark strampelten, Sohn in die Arme reichen – es war „Alois der II“, sein abenteuerlicher, exzentrischer Lebensweg dauerte 76-Jahre.

Als Bahnbeamter wurde Vater Sames in den 30er Jahren an die verschiedensten Dienstorte beordert und seine Familie kam mit, gewohnt hatte man meistens in einer Wohnung am Bahnhof – die Bahnareale von Bad Fischau, Laa/Thaya oder Tradigist waren die „Spielplätze“ des kleinen Alois. Der umtriebige Bursche war an allem interessiert was knatterte, rauchte oder nach Treibstoff roch. Richtig angekommen ist die Familie Sames um 1940 in Pottenstein, es war die letzte Dienststelle von „Vater Sames“. Die 5-köpfige Familie mit den Kindern Alois, Otto und Luci wurden nun echte Triestingtaler.

In den Kriegsjahren begann Sames eine Lehre in der Buchhandlung Kral in Berndorf, aber mit Unterbrechung: April 1945, die Kriegsfront kam immer näher, Alois wurde noch in den letzten Kriegstagen für Führer, Volk und Vaterland einberufen. Als die ersten Granatsplitter über seinen Kopf hinweg pfiffen, hatte er die „Hosen gestrichen voll“. Im Schöpflgebiet sagte ein Vorgesetzter, älterer Soldat, zu ihm: „Hau ab, der Krieg ist verloren“. Alois kehrte zum Lehrherren zurück und irgendwann in der wirren Nachkriegszeit legte er die Prüfung zum Vollwert-Kaufmann ab.

1946, „Sowjetische Besatzung – Hunger war groß“: In „Loisl`s Schatzkammer“ befand sich ein ramponiertes Waffenrad, von irgendeinem Soldaten zurückgelassen. Sames reparierte den Pedalesel und begab sich auf „Hamstertour“. Er radelte bis ins Wechselgebiet, tauschte seine Arbeitskraft gegen Lebensmittel. Vollgebackt mit Essen, fuhr er nach einigen Tagen wieder heimwärts. Mit der „Hamsterei“ wurde nicht nur der Hunger seiner Familie gestillt, durch das viele Radeln bekam der „junge Sames“ so richtig stramme Wadln und die brauchte er auch für seine „Radsport-Karriere“.

Beim Berndorfer Radkriterium 1954 war Alois Sames mit dabei. Spartanisch ausgestattet, nur mit Turnschuhen, Unterleibchen und einer flatternden kurzen Hose bekleidet. Mit einem viel zu schweren Rad, das für den Renneinsatz eigentlich nicht geeignet war, ging er an den Start. Kraftvoll trat er voller Siegeswillen in die Pedale, in den Kurven hatte er die meiste Schräglage, Lois der Lokalmatador war in Führung und dann krachte es – Sattelbruch – Sturz. Sames raffte sich auf und schaffte noch den zweiten Platz. Die Leute jubelten und die Berichterstattung trug zur Legendenbildung des Sames Loisl bei.

In den späten 50er-Jahren stieg Alois in den Autohandel ein, trotz Konkurrenz schaffte er es bestens Fuß zu fassen, die Nachfrage überstieg das Angebot des Einmannbetriebes. Der Alois kannte einige große Autohändler in Wien, die riesige Gebrauchtwagen-Depots hatten. Sames kaufte die Autos bei den Händlern dutzendweise, so hatte er jede Woche neue Angebote – immer mehr Mobilisten fuhren einen Gebrauchtwagen von „Sames International“, wie er sich scherzhaft nannte. 1960 eröffnete Sames die „Triestingtaler Autoschau“ – ein riesiger Autoplatz mitten in Berndorf, wo seinen Kunden ein kunterbunter Mix eines KFZ-Handels geboten wurde.

„Knallrote Schönheit kam an“: Ende der 60er-Jahre liefen die Geschäfte des „Sames Loisls“ bestens – er war immer auf der Suche nach dem „goldenen Schrott“. Bei ihm wurde alles angeboten, vom Hochrad über Motorräder, von Oldtimern über Lkw bis zu Peugeot-Neuwagen, manchmal stand auch ein Motorboot zum Verkauf. Der ultimative Kick durchzuckte Sames, als er von einem Schwimmwagen, Marke „Amphicar 770“ erfuhr – 39PS stark, nur ca. 3900 Stück gebaut.

Das Amphibienfahrzeug wurde als gebrauchtes „Schwimmauto“ in Wallsee a.d. Donau angeboten. Als Sames von der „schwimmenden Schönheit“ erfuhr, machte er sich mit Bares und drei Mann hoch, sofort auf dem Weg. Der Verkäufer, ein Tierarzt, hatte den Schwimmwagen benötigt, um die Donau zu überqueren, damit er schneller bei seinen vierbeinigen Patienten war. Sames und der Veterinär wurden sich schnell handelseinig und Alois war nun stolzer Besitzer eines knallroten schwimmenden Cabrios. Nach kurzer Probefahrt an Land konnte er es nicht erwarten – es wurde in die Donau gestochen!

Zwei seiner drei mitgekommen Kameraden fungierten als „Matrosen“. Einer der Seemänner war der bekannte Kunstmaler Franz Bueb (malte Jackie Kennedy). Ohne nautische Kenntnisse und natürlich auch ohne Donaupatent, versuchten die drei wackeren „Donauschifffahrts-Mannen“ den Strom mit ihrer Nussschale von Wallsee bis Wien zu bewältigen. Kapitän Sames hatte ein unsagbares Vertrauen in sich selbst und zu seiner „Zwei-Mann-Mannschaft“. Die Crew schaffte das Unmögliche – der Wellenritt glückte. Einige Stunden später und seekrank, legten sie im Kuchelauer-Hafen in Wien an. Eine zusammenströmende Menschenmenge staunte nicht schlecht, als ein knallrotes, wassertriefendes Boot aus der Donau fuhr – mit drei Gestalten an Bord – Ahoi schreiend – das Schiff transformierte nun zum Automobil und fuhr die Hafenstraße entlang Richtung Berndorf, wo der „Amphicar“ seine neue Heimat fand.

Übrigens beim dritten Mann an Bord dürfte es sich um den Altenmarkter „Erlebnis-Wirt“ Otto Satran sen. gehandelt haben. Man muss sich das bildlich vorstellen, wie die drei Exzentriker die Donau hinunter schipperten – Kapitän-Sames, der später das Küsten- und Donaupatent nachmachte, der „Malartist Bueb“, der nach dieser Reise stolzer Besitzer eines nicht so stolzen Fischkutters wurde und der Lammwirt-Satran, der in den 70er-Jahren zum „Indianerhäuptling“ mutierte.

1970 – 2000: In den nächsten 30 Jahren waren Sames und sein rotes Gefährt unzertrennlich, über alle Höhen und Tiefen steuerte er seinen Amphicar immer wieder in den sicheren Hafen; auch wenn der Alois manchmal in Geldsorgen war, der „Amphi“, sein schwimmender Gefährte, wurde nie verkauft. Zahlreiche Anekdoten wurden und werden über das Duo erzählt.

Zum Beispiel wie Sames mit dem Schwimmwagen im Neuhaus-Teich umher grundelte – Augenzeugen machten sofort Meldung bei der Gendarmerie, man glaubte, ein Auto sei in den Teich gestürzt. Die Wachorgane brausten mit Blaulicht herbei und forderten Steuermann Sames per Lautsprecher auf, er solle ihnen den Führerschein zeigen. Sames, der sich immer noch in dem Gewässer befand, antwortete: „Hier bin ich auf See und Kapitän, da brauch ich keinen Führerschein, mein Küstenpatent kann ich euch zeigen.“ Die Beamten, die Loisl bereits kannten, schüttelten schmunzelnd den Kopf und zogen von dannen.

Pfingsten 2000: Wie alle Jahre ging es zum Schwimmwagentreffen ins Salzkammergut – alles was Rang und Namen hatte, war bei diesem Event dabei, der Alois und sein Schwimmwagen natürlich auch. Noch einmal waren die beiden vereint und durchfuhren wie immer den Wolfgangsee.

Zig Erinnerungen, die er mit seinem Amphicar erlebt hatte, durchzuckten sein Gehirn, während der 39PS starke Herald-Motor gemächlich im Gleichklang der Wellen schnurrte. Irgendwie spürte Alois, dass er bald abberufen wird von dieser Erd`, er nahm an diesen Pfingstmontag besonders emotional Abschied von seinem geliebten Salzkammergut und seinen zahlreichen Oldtimerfreunden zu Wasser und zu Lande. Es war die letzte Reise des Duos „Sames - Amphicar“.

Alois Sames stirbt am 21. Oktober 2004 nach langem, schweren Leiden im Krankenhaus Baden – sein Amphicar lebt bis heute, er steht wohlbehütet in einer geheizten Garage in Berndorf. Sein großer Traum mit dem Schwimmwagen die Donau hinab bis ins Schwarze Meer zu schippern, ging leider nicht mehr in Erfüllung, aber vielleicht verwirklicht einer seiner drei Söhne – Andreas, Christian oder Thomas – den unvollendeten Traum.