Die Alpinbrüder Pfannl: Das Drama auf der Rax

Auf den Spuren von Josef, Michael und Heinrich Pfannl, die ihr Leben den Bergen verschrieben haben. Heinrich war auch Mitbegründer der Bergrettung.

Erstellt am 29. November 2021 | 05:13
Lesezeit: 5 Min

2021 – 2. November: Als „NÖN Friedhofsgucker“ habe ich es mir zum Ziel gesetzt, von jedem Friedhof des Bezirks Badens mindestens eine Geschichte zu erzählen. Diesmal besuchte ich den Gottesacker zu Trumau. Zu „Allerseelen“ ist diese Totenstadt besonders ehrfurchtsvoll, es riecht nach Waldreisig, hunderte Lichter glitzern. Ich erspähe ein pompöses Mausoleum, wo ab 1869 einige Mitglieder „deren von Pfannl“ beigesetzt wurden, wohlgemerkt nur einige der riesengroßen Familie. Wenige Meter weiter befindet sich die eigentliche Familiengruft der Großeltern und Eltern Michael (1836 - 1886) und Rosalia (1844 - 1893) Pfannl, Betreiber der Schlossmühle Trumau.

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Rosalia schenkte ihrem Michael fünfzehn Nachkommen, manche davon starben schon im Kindesalter. Aus dieser Geschwisterschar erweckten Josef, Heinrich und Michael, der als kleinerer Bruder auch schon mal in die Berge mitgenommen wurde, mein Interesse. Die drei Brüder waren anders als ihre Geschwister, ihre ganze Liebe galt dem Alpinismus. Josef und Heinrich standen auf Freiklettern und unbezwungene Felswände. Die Kletterregion Rax & Schneeberg mit dem Bergsteigerdorf Prein wurde ihr zweites Zuhause, die Rax zum Spielplatz und für Josef Pfannl zum Todesberg. Hier „In der Prein“ beginne ich nun meine Geschichte über die „Alpinbrüder Pfannl“ aus Trumau.

1896 – Samstag, 7. März – Prein a. d. Rax: Josef Pfannl, Jungstar in der Kletterwelt des angehenden 19. Jahrhunderts, sitzt im Gasthaus „Oberer Eggl“ mit seinen Bergkameraden Fritz Waniek und Max Schottik. Sie planen eine schwierige Route zum Gipfel der Rax. Draußen grausiges, windiges Wetter, auch Schneefälle sind angesagt, prophezeien wettergegerbte Dörfler. Das Trio will trotz Warnungen noch heute hinauf, in die mystische Welt der Rax, damals ein „geheimnisvoller Berg mit magischer Anziehung“, der mit grölenden Lawinen und pfeifenden Felsstürzen manchen Abenteurer in eine andere Welt beförderte.

Mit den Einheimischen plauderten sie über ihre Bergabenteuer und die Stammgäste erzählten aus der Sagenwelt ihrer alpinen Heimat; da war von Feen, Zwergen, von Teufel und Tod die Rede. Trotz seinen erst 23 Jahren ist Josef Pfannl, von Beruf Drogist, ein nachdenklicher, besonnener Bursche. Irgendwie grübelt er in der verrauchten Gaststube so vor sich hin – „wenn ich einmal in dieser Bergwelt sterben sollte, möchte ich hier am Bergfriedhof begraben sein“, meinte er – nichts ahnend wie schnell sein „depressiver Wunsch“ traurige Wirklichkeit werden würde. Pfannls Kameraden brachen noch am selben Tag auf, bei Schneesturm und Unwetter wollten sie bis zur Reißtalerhütte oder zum Karl-Ludwig-Haus aufsteigen. Josef verweilte noch im Gasthaus, er brach erst in den frühen Morgenstunden zu seinem letzten Weg auf.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Sonntag, 8. März: Früh geht es schnellen Schrittes Richtung „Preiner Gscheid“ – das Wetter wird immer fürchterlicher, der Schneefall heftiger, trotzdem holte er seine Kameraden ein. Bei den „Raxmäuern“ bei der „Martins-Südwand“ oder beim „Wilden-Reistalersteig“ irgendwo in dem zerklüfteten Bergmassiv gab es eine Vereinigung. Es wurde nun angeseilt, der Pickel fest in die Faust genommen, Eisklumpen bildeten sich in ihrem Gewand. Durch die Schneemengen kamen sie fast nicht mehr vorwärts – ein Aufgeben gab es aber nicht. Kräfteraubend ging es steil bergauf. Ein dumpfer Knall – eine Druckwelle durchhämmerte ihre Leiber und dann (!) tonnenweise Schnee und Eismassen, die die Alpinisten zerdrückten – ihnen die Luft aus den Lungen nahm – ihr Leben aushauchte – verschlungen im Dunkel des Lawinenmonsters.

Als die Kletterer am Abend nach Prein nicht zurückkehrten, wurde Alarm geschlagen! Josefs älterer Bruder Heinrich, der Doktor der Rechtswissenschaften, Richter in Baden, Mitglied des österreichischen Alpenklubs (ÖAK) und mit seinen 26 Jahren einer der ganz großen Alpinisten, wurde zu Hilfe gerufen. Er eilte in die Prein, organisierte so schnell er konnte einen Hilfstrupp, bestehend aus Bergführen, Holzknechten und ÖAK-Freunden. Auch der Badener-Schiverein nahm an der Rettungsaktion teil!

Noch montags stiegen die Helfer hinauf zur Rax, aber durch die extreme Wetterlage und Lawinengefahr mussten sie bald umkehren. Dienstag war es dann schmerzhafte Wahrheit – alle drei abgestürzt – unterhalb der „Martinswand“ verschüttet – weggerissen von dieser Erd‘!

Samstag, 14. März – Bergfriedhof Prein: Josef Pfannl, der junge Kletterer wird zur ewigen Ruhe gebettet, er wurde gerade mal 23 Jahre. Eine große Trauergemeinde mit Bergführen, hohe Abordnungen der Alpinvereinigungen, die trauernden Familienmitglieder, mit Bruder Heinrich an der Spitze, erwiesen ihrem „Gefährten“ die letzte Ehre.

Während Heinrich Pfannl, Erdscholle um Erdscholle auf den Sarg seines Bruder rieseln ließ, grübelte er über die Sinnhaftigkeit des Klettersportes, über die zahlreichen Menschenopfer, die sich die Kräfte der Berge schon holten. Einige Wochen später trafen sich hochrangige Vertreter der österreichischen Bergsteiger-Vereine, mit dabei auch Heinrich Pfannl. Der Volljurist aus Trumau legte der honorigen Gesellschaft ein eindrucksvolles Konzept für „Notgeratene“ in den Bergen vor. Das war die Geburtsstunde der „Österreichischen Bergrettung“, 1896 weltweit einzigartig. Als Dank für seine Bemühungen wurde Heinrich Pfannl 1897 in den Vorstand des „ÖAK“ berufen.

Trotz des Bergtodes seines Bruders wollte es Heinrich genau wissen, ein Bergsieg folgte dem anderen, die steilsten Wände schaffte der „Doyen der Freikletterer“ im Alleingang. Seinen internationalen Ruf bekräftigte er mit extremen Bergfahrten im Mont Blanc Gebiet. 1902 beendete er seine „Hardcore-Klettereien“.

Weiterer Schicksalsschlag für Heinrich Pfannl

1912: Michael Pfannl, der jüngere Bruder, der einige Monate bei seinen ausgewanderten Verwandten in Paraguay weilte, erkrankte bei der Heimreise auf dem Dampfer „Sofia-Hohenberg“ schwer. Der Doktor der Chemie und Alpinist starb mit 28 Jahren auf hoher See, am 12. September 1912 an Lungenentzündung. Am 4. Oktober 1912 folgte wieder ein großes „Alpinisten-Begräbnis“ in der Prein, nachmittags wurde die sterbliche Hülle „Michaels“ neben seinem Bruder „Josef“ beigesetzt.

Heinrich Pfannl weilte noch weitere 17 Jahre auf dieser Welt – in der Welt der Berge, Klüfte, Felsen und Sagen. Beruflich brachte er es bis zum Oberlandesgerichtsrat – 1920 wurde er Präsident des Österreichischen Alpenklubs. Er hielt Vorträge, schrieb in Alpin-Journalen und war Buchautor „Was bist du mir – Berg“.

Der kletternde Hofrat starb am 1. Mai 1929. Beigesetzt wurde er ebenfalls im „Bergsteigergrab“ der Pfannls – von da an waren die „Drei Alpinbrüder“ aus Trumau – Josef, Michael und Heinrich endlich wieder vereint.