Kinderwunschklinik Baden: Kein Urteil bei neuerlichem Prozess

Erstellt am 22. Juni 2022 | 16:45
Lesezeit: 4 Min
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Am Landesgericht Wiener Neustadt muss sich ein Anästhesist wegen grob fahrlässiger Tötung verantworten.
Foto: Steinbock
Der Prozess gegen einen 65-jährigen Anästhesisten wegen grob fahrlässiger Tötung einer Patientin einer Kinderwunschklinik in Baden wurde heute, 22. Juni, in Wiener Neustadt wiederholt. Da aber nicht alle medizinischen Fragen geklärt werden konnten, wurde er auf 11. August vertagt.
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Der erste Prozess im Dezember gegen einen mittlerweile 65-Jährigen Anästhesisten, der nach dem Tod einer Patientin, 32, und der schwere Erkrankung zweier weiterer junger Frauen durch die unsachgemäße Verwendung eines Narkosemittels vor Gericht stand, endete mit einem Unzuständigkeitsurteil durch den Richter. Der hatte am Ende des Prozesstages entschieden, dass es um Körperverletzung mit tödlichem Ausgang geht und nicht, wie angeklagt, um grob fahrlässige Tötung und Körperverletzung. Das Oberlandesgericht hat entschieden, dass die Anklage richtig war und so wurde der Prozess heute wieder neu aufgerollt.

Wie berichtet, soll der Anästhesist für den Tod einer Patientin (32) in einer Kinderwunschklinik in Baden am 3. Juni 2020 verantwortlich sein. Außerdem sollen noch zwei weitere Frauen an diesem Tag durch sein Verschulden auf der Intensivstation gelandet sein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, mit Darmkeimen verunreinigtes „Propofol“ für die Kurznarkosen der drei Frauen verwendet und so schwere Infektionen ausgelöst zu haben.

Der Angeklagte, der sich zuerst bei der Polizei geständig gezeigt hat, erklärte heute vor Gericht: „Ich habe Propofol nicht ordnungsgemäß verwendet, fühle mich aber nicht schuldig an den Infektionen.“

Er sagte im Dezember 2020 aus, dass er nicht gewusst habe, dass eine bereits geöffnete Flasche „Propofol“ nicht weiter verwendet werden darf, obwohl das sogar im Beipacktest steht. Er habe an diesem Tag zum ersten Mal so ein angebrochenes Fläschchen aus einem Spital mitgenommen, in einer ausgespülten „und selbst desinfizierten Jausenbox“ und diese in seinem Kühlschrank daheim aufbewahrt, bis er es am nächsten Tag zu der Kinderwunschklinik mitgenommen habe. Warum, wisse er nicht mehr.

Der Inhalt habe für die erste Patientin gereicht und den Rest habe er mit dem einer neuen Flasche gemischt der zweiten Patientin gespritzt. Laut Staatsanwaltschaft ist durch die Spritze, mit der diese Injektion aufgezogen wurde, auch die zweite Flasche Narkosemittel verunreinigt worden, sodass dann auch die dritte Patientin schwer erkrankte. Die Keime im Propofol haben, laut medizinischem Sachverständigen, eine Blutvergiftung mit untypischem Verlauf ausgelöst. Der Experte damals: „Der rasante Verlauf lässt sich durch die Injektion in die Blutbahn erklären.“

Neu beim Prozess war der gynäkologische Sachverständige

Beim zweiten Prozessanlauf wurde an die Ergebnisse des Ersten angeknüpft. Neu war der gynäkologische Sachverständige, der in seinem Gutachten erklärte, dass alle drei Patientinnen sehr zeitnah nach der Eizellenentnahme in der Kinderwunschklinik eine ausgeprägte Gerinnungsstörung entwickelten. Für die von der Verteidigung als Erkrankungsursache vorgebrachte Möglichkeit eines Überstimulationssyndroms (hervorgerufen durch die Hormongaben, um möglichst viele Eizellen im Körper reifen zu lassen, die dann für IVF verwendet werden können, Anm. d. Red.) passe der zeitliche Ablauf nicht, das wäre erst ein, zwei Tage später aufgetreten und sei fast immer harmlos. Ernsthaftere Probleme mit diesem Syndrom gebe es in seltenen Fällen erst etwa vier Wochen nach der Entnahme.

Ein Mikrobiologe als Sachverständiger zweifelt auch an, dass sich die Keime im Kühlschrank so schnell gebildet haben können.

Da beim heutigen Prozess nicht alle medizinischen Fragen geklärt werden konnten, wurde er auf 11. August vertagt.

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