Industrieviertler Gastwirte bangen um ihre Existenz

Erstellt am 15. April 2020 | 05:55
Lesezeit: 4 Min
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Viele Gastwirte bangen um ihre Existenz, manche stellen kurzfristig auf Lieferservice um. Aber die Zeit drängt.
Werbung
Anzeige

Marcus Schelivsky hatte schon bessere Laune. Der Geschäftsführer des „Posthofes“ in der Mödlinger Innenstadt hantelt sich „von Woche zu Woche“. Alles, was der Top-Gastronom aktuell machen kann, ist, tagtäglich nach dem Rechten in den Lokalen zu sehen. Auch in der „Waldmeierei“ gegenüber der Burg Liechtenstein, die vor allem als Hochzeitslocation boomt: „Wir hätten im März und April 17 Veranstaltungen gehabt. Wir wären auf dem Weg zum Rekordjahr gewesen“, will Schelivsky gar nicht nachrechnen, was momentan finanziell an den beiden Betrieben vorbeirinnt. Mitarbeiter habe er noch alle: „Das ist unfassbar toll, alle wollen bleiben.“ Aktuell sind sie in Kurzarbeit.

Überlegungen, einen Online-Lieferservice anzubieten, hat Schelivsky aus organisatorischen Gründen „nicht wirklich angedacht“. Jetzt appelliert er an die Vernunft der Menschen, die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus’ ernstzunehmen. Vor allem die Gastronomie stehe vor entscheidenden Tagen. „Dürfen wir erst wieder im Juni oder gar Juli öffnen, wird es ganz schlimm. Die Regierung muss sich Gedanken machen, wie sie den Insolvenz-Tsunami in unserer Branche verhindert.“

Gerhard Maschler, der Vertrauensmann der Gastronomie im Bezirk Baden, hofft, dass die Krise bald ein Ende hat, befürchtet aber, dass die Lage so schnell nicht besser wird. Die Gastronomie sei die größte Branche in der Wirtschaftskammer, er habe im Bezirk Baden fast 800 Betriebe zu vertreten. „Viele rufen mich an und fragen, was sie machen sollen. Die meisten pfeifen schon aus dem letzten Loch.“ Er fürchtet, dass Betriebe in Miete oder Pacht es kaum schaffen. Sein Betrieb sei ein Familienunternehmen. Er, seine Frau und sein Sohn seien allesamt Köche, nur so und dank dem Ersparten könne man sich über Wasser halten.

Seit Kurzem habe er auf ein Lieferservice umgestellt, das sei aber nur „ein kleines Zubrot“ und könne ein volles Gastlokal nie ersetzen. Er wünscht sich von der Bundesregierung, dass die versprochenen Hilfsmittel auch bis zu den kleinen Gastrobetrieben reichen werden und nicht nur den Großen zugutekommen. „Ich kenne keinen, der bislang etwas bekommen hat.“ Die Zeit dränge aber, denn: „Die Abgaben laufen ja weiter“, weiß er. Viele Betriebe, vor allem jene mit über zehn Mitarbeitern stünden vor dem Aus. „Ich sehe noch keinen Lichtblick am Ende des Tunnels.“ Viel werde davon abhängen, ob die Bevölkerung weiter die Maßnahmen befolge.

Auch das „Allerley“ liefert jetzt aus

Nach dem ersten Schock versuchen viele Lokale, mit einem Lieferdienst wieder etwas Geschäft zu machen. Auch das Bad Vöslauer Haubenlokal „Allerley“ bietet seit über zwei Wochen einen solchen an, der gleich so gut ankam, dass keine Bestellungen mehr angenommen werden konnten. Auf der Speisekarte stehen keine 08/15-Gerichte, sondern etwa Bachforellen-Ceviche, geschmorte Fehlrippe vom Rind oder Pasta Maltagliati mit karamellisiertem Kraut & Apfel. Dazu können die Gäste renommierte Weine in der Flasche mit nach Hause nehmen. „Sehr schön ist, dass wir sehr viele Fotos von gedeckten Tischen bekommen, unsere Speisen auf den Tellern schön angerichtet. Das ist ein tolles Feedback, wir bringen ein Stück Normalität nach Hause in diesen schwierigen Zeiten“, freut sich Lokalchef Johannes Ley. „Unser Ziel zu Beginn des Lieferservices war, halbwegs kostendeckend zu arbeiten und fast alle Mitarbeiter weiterarbeiten zu lassen. Das konnten wir bislang ganz gut schaffen und hoffen natürlich, dass es so weitergehen möge.“ Sehr zu bedauern sei, dass viele Betriebe vor dem Konkurs stehen. „Österreich wird nach dieser Krise um einige Lokale ärmer sein, was in einem Land mit derart toller Gastronomie sehr schade ist“, berichtet Ley.

Geschlossen bleibt vorerst auch das bekannte Steaklokal „El Gaucho“ in Baden, die 30 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Gastwirt Michael Grossauer setzt aber auf ein Lieferservice seines Premium-Beefs zum Selbergrillen sowie Spezialitäten im Glas, wie Trüffelgnocchi oder Gösser Bräu-Gulasch.

Weiterlesen nach der Werbung

Umfrage beendet

  • Geschäfte öffnen wieder: Die richtige Entscheidung?