„Genossin Erzherzogin“ kämpfte um ihre Kinder

Aktualisiert am 19. April 2022 | 17:28
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Bewaffnete Arbeiter beschützten „Elisabeth Marie von Österreich“ vor der Gendarmerie.
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In Laxenburg, wo schon ihr Vater Kronprinz Rudolf, zur Welt gekommen war, wurde Prinzessin „Elisabeth Marie von Österreich“ am 2. September 1883 in die Donau-Monarchie hineingeboren. „Erzsi“ (ungarischer Kosename für Elisabeth) wurde sie genannt. Ihre Großeltern (väterlich) waren niemand geringerer als das Kaiserpaar Franz Josef I. und Elisabeth „Sisi“ von Habsburg. Die Mutter, Stephanie von Belgien, war die Tochter des Königspaares Leopold II. und Marie Henriette von Belgien. Der „Kaiser-Opa“ erklärte sie insgeheim zur Lieblings-Enkelin, das kleine Prinzesserl wurde verhätschelt, gepflegt und hergezeigt.

Am 30. Jänner 1889 ging Kronprinz Rudolf mit seiner Geliebten Mary Vetsera in Mayerling in den Freitod. Der Vater und Ehemann Rudolf hatte zig Liebschaften, er war ein Getriebener, ein Reformer, Freidenker und oft unverstanden. Der Tod ihres Papas war Elisabeths erste schmerzliche Erfahrung. Das Bild vom aufgebahrten Vater mit dem Kopfverband ging ihr nicht aus dem Sinn. Viele dramatische, traurige, freudige und glückliche Ereignisse durchstreiften ihr langes Leben. Auf eigenen Wunsch wurde die „exzentrische rote Aristokratin“ im einem „Grab ohne Namen“ bestattet.

Hofball 1900

 Hunderte Augen bestaunten die strahlende Erscheinung der 16-jährigen Erzherzogin Elisabeth, mit dem schlanken Körper, eingehüllt in ein weißes Atlaskleid (Satin) mit Diamantpünktchen übersät, war sie ein richtiger „Hingucker“. Der Blick der Prinzessin streifte immer wieder den feschen Oberleutnant, Otto Prinz zu Windisch-Graetz.

Erzsis erster Hofball brachte ihre erste Liebe. Im September 1900 fasste die willensstarke Erzherzogin den Entschluss, „Prinz Otto“ zum Manne zu nehmen; sie sprach bei ihrem „Kaiser-Opa“ vor, mit der Bitte, dass sie „Otto von Windisch-Graetz“ heiraten dürfe. Seine Majestät hatten aber dafür gar nichts übrig – Erzsi gab nicht auf, am 22. Jänner 1902 musste Elisabeth zwar auf alle Thronansprüche verzichten – ihr Geliebter wurde vom Kaiser noch schnell in den Fürstenstand erhoben und so konnte am 23. Jänner geheiratet werden. Die Jungvermählten gingen einige Monate auf Hochzeitsreise, am 13. Mai 1902, zurück in Wien, überraschte der Kaiser seinen Schwiegerenkel mit einer militärischen Beförderung – mit Standort Prag! Am 17. März übersiedelten die Windisch-Graetz in die Goldene Stadt, wo sie in der „Villa Gröbe“, residierten.

Im Herbst 1902 war Erzsi in froher Hoffnung, im Februar 1903 erkrankte sie aber schwer und musste sich einer Operation unterziehen. Vor dem medizinischen Eingriff forderte Erzsis „Märchenprinz“, sie solle zu seinen Gunsten einen „letzten Willen“ erstellen. Eine Fehlgeburt nach der Operation stürzte sie in tiefe Depressionen. Nach der Genesung machte ihr Gemahl immer mehr Druck wegen eines Testaments – sie unterschrieb! 1904 kam ihr erster Sohn „Prinz Franz Josef“ in Prag zur Welt.

Ein Schuss hallte durch die Villa Gröbe!

Ende 1904 quittierte der „Lebemann Otto“ den Militärdienst. Er kümmerte sich um die Finanzen seiner Gattin und widmete sich immer mehr „Spiel, Weib und Gesang“.

Marie Ziegler eine aufstrebende Sopranistin war eine der Spielgefährtinnen des lüsternen Fürsten. Erzsi überraschte beide in ihrer eigenen Villa. Von Eifersucht geplagt, schoss sie und traf die Diva in die Brust! Blutüberströmt lag die „singende Marie“ da. Die Soubrette wurde in eine Privatklinik gebracht und nach dreimonatigen Aufenthalt mit tausenden von Kronen reicher entlassen.

Auch ihr zweiter Sohn kam in Prag zur Welt

Auch der zweite Sohn „Prinz Ernst“ kam 1905 in Prag zur Welt. Danach wurde nach Schloss Ploschkowitz übersiedelt. Das abgelegene ehemalige „Kaiserschloss“ in Böhmen war für Elisabeth kein Wohlfühlort. Krankheiten schwächten ihren gertenschlanken Körper – trotzdem schenkte sie ihrem „Traumprinz“ noch weitere zwei Kinder. 1907 kam Rudolf zur Welt – Rudi war ein Motorrad-Rennfahrer, er stürzte 1939 beim Wiener Höhenstraßen-Rennen zu Tode. 1909 erblickte ein zuckersüßes Mädl mit Namen Stephanie das Licht der Welt, ihr Kosename war „Fee“.

Umtriebig wie ihre Großmutter „Sisi“, war nun die Erzherzogin im Alpen-Adria Raum unterwegs, meist mit ihren Kindern – aber ohne Otto, ihrem Gemahl. Ende 1910 kauften die Windisch-Graetz das märchenhafte Anwesen Schloss Schönau. Vom Kaiserhaus erhielt das Ehepaar für den Schlossumbau eine „kleine“ Unterstützung von 1.200.000 Kronen (heutige Kaufkraft ca. 7.600.000 Euro). In dieser Zeit hatten sich Fürstin und Fürst schon sehr auseinandergelebt. Immer wieder zog es nun Erzsi in die Luxusorte der Adria, irgendwo dort lernte sie ihre zweite Liebe kennen; es war der U-Boot Kapitän Egon Lerch.

Egon und Erzsi liebten sich innigst. Der U-Boot Kommandant der „S.M.U.12“ wurde samt Besatzung im Golf von Venedig, am 6. August 1915, durch eine Seemine in die tödliche Tiefe gerissen! Als die Erzherzogin die Nachricht vom Tod ihres Geliebten bekam, schloss sie sich tagelang in ihren Gemächern ein. 1916 kauft Erzsi ihrem Gatten die Anteile von Gut Schönau ab. Die Scheidung von ihrem einstigen Traumprinzen wurde aber erst 1924 vollzogen.

Arbeiterschaft kämpfte für Fürstenkinder

Seit 1917 logierte Elisabeth mit ihren Kindern die meiste Zeit auf Schloss Schönau. Die Parkanlage wurde in ein Blumenmeer verwandelt, Obstgärten angelegt, Gutshof und Gärtnerei schafften Arbeitsplätze. Nach dem Untergang der Habsburg-Monarchie entdeckte Otto wieder die Liebe zu seinen Kindern!

Ein Rosenkrieg entbrannte – der Fürst wollte die Kinder – Elisabeth gab sie auf keinen Fall her. Am 21. März 1921 kam es zum Eklat! Um 7.45 Uhr morgens marschierte die Gerichtskommission mit 22 bewaffneten Gendarmen im Schlossareal ein! In den Kinderzimmern spielten sich dramatische Szenen ab, die jugendlichen Prinzen kämpften mit dem Mut der Verzweiflung, Prinzessin „Fee“ stand geschockt mit aufgerissenen Augen zitternd da – die Kinder wollten nicht weg von Schönau. Die Beamten machten einen Rückzug; draußen erwartete sie eine über 100 Mann starke aufgebrachte Arbeiterschar – sie ließen nicht zu, dass die Kinder den unbeliebten Fürsten ausgeliefert werden sollten – Erzsi durfte die Kinder behalten. Das Ereignis wurde in ganz Europa publik und der Ort Schönau an der Triesting mit seiner „Roten Erzherzogin“ ging in die Geschichte ein.

Seit 1919 sympathisierte Erzsi mit der SPÖ (SDAP), unterstützte die Kinderfreunde, sorgte sich um die Arbeiterfamilien. Bei einer SPÖ Wählerversammlung lernte sie 1921 ihre letzte Liebe kennen, es war Leopold Petznek, ein Lehrer und Schutzbundkommandant. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er für Erzis Großvater – dem Kaiser – an der russischen Front. Nach dem Krieg wurde Petznek ein führender Macher der sozialistischen Bewegung – er war auch Abgeordneter zum NÖ-Landtag.

1929 verkaufte die „Rote Erzherzogin“ Schloss Schönau und erwarb ein Palais in Wien, Linzerstraße 452. Am 4. Mai 1948 gaben sich Elisabeth und Leopold Petznek das Ja-Wort, der verdiente Sozialist verstarb am 27. Juli 1956. Er wurde im Wintergarten der Villa Windisch-Graetz/Petznek aufgebahrt und in aller Stille beerdigt. Sieben Jahre später lag wieder ein Leichnam im Wintergarten, für den letzten Weg vorbereitet, es war Elisabeth die Enkelin des Kaiser Franz Josef I. – Erzherzogin von Österreich – Fürstin von Windisch-Graetz – Genossin Petznek. Sie verstarb am 16. März 1963. Elisabeth ist am Hütteldorfer Friedhof / Gruppe 2 / Grab 72, in aller Stille am 22. März 1963 bestattet worden. Eine Abordnung von Triestingtaler Sozialisten erwies ihrer „Roten Erzherzogin“ die letzte Ehre.

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