Bernsteinwald in Niederösterreich

Erstellt am 25. Januar 2022 | 07:00
Lesezeit: 5 Min
Bernstein Symbolbild
Bernstein
Foto: Alexander Lukeneder
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Bernstein eigentlich wirklich ist? Und warum sich manche Leute Bernsteinketten gegen Zahnschmerzen um den Hals hängen? Wissenschaftler Alexander Lukeneder liefert eine Erklärung…

Bernstein ist im Wesentlichen fossiles Harz von Bäumen und Sträuchern und erhielt seinen Namen nach seiner Brennbarkeit, im Niederdeutschen bernen für brennen. Die wohl bekanntesten Vorkommen liegen entlang der Ostseeküste der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, hier gerne mineralogisch als Succinit benannt. Baltischer Bernstein hat auch wirtschaftlichen Wert, werden doch große Mengen davon als Schmucksteine in alle Welt exportiert. Bis heute sind über 300 verschiedene Bernsteinvorkommen bekannt. Dabei ist das Alter des Bernsteins so verschieden wie das Aussehen dieses fossilen Harzes. Erdgeschichtlich reichen diese Vorkommen vom Devon, also vor etwa 400 Millionen Jahren, bis zum Pliozän vor 2 Millionen Jahren.

Kleine aber feine Vorkommen gibt, oder vielmehr gab es auch im Herzen Niederösterreichs. Seit 200 Jahren wird im Wienerwald um Gablitz Sandstein aus der Flyschzone abgebaut. Einem Zufall verdankt Gablitz ein wahres Juwel der Erdgeschichte. Versteckt zwischen mächtigen Sandsteinbänken am Peilerstein, konnten im Steinbruch Höbersbach die einzigartigen Wienerwald-Bernsteine gefunden werden. Gablitz liegt innerhalb der Flyschzone auf der Greifensteiner Decke. Die Gesteine dieser tektonischen Einheit entsprechen einem Alter von später Kreide (Maastrichtium) bis frühem Känozoikum (Eozän), sie reichen also von rund 70 bis 50 Millionen Jahren.

Am Fuße des Peilerstein (= Pallerstein) in Gablitz treten die Greifensteiner Schichten im Steinbruch von Höbersbach (= Hebelsbach) mit einer Sandsteinabfolge von rund 50 Metern auf. Der honigfarbene bis rötliche Bernstein vom Peilerstein aus Gablitz wird auch als Flyschharz oder Copalin bezeichnet. Die sehr spröden Bernsteinstücke vom Höbersbach sind meist wenige Millimeter groß, können aber mitunter auch faustgroß sein. Sie eignen sich jedoch nicht als Schmucksteine.

Die Meeres-Ablagerungen formten sich im Eozän vor 50 Millionen Jahren in mehreren tausend Metern Wassertiefe im Tiefseetrog des Penninischen Ozeans. Sande und Tone bildeten die Grundlage der Gesteine aus der Flyschzone, wie wir sie heute kennen. Die Flyschzone (flysch = fließen) schlängelt sich an der Stirnseite der Nördlichen Kalkalpen durch ganz Österreich bis vor die Tore Wiens, wo sie unter das Wiener Becken taucht. In 10 heute aufgelassenen Steinbrüchen am Troppberg und Peilerstein wurde Baumaterial abgebaut. Das gewonnene Material wurde in Gablitz und in Wien verwendet. Die harten Sandsteine entstanden durch Schlammlawinen und Trübeströme, die sich in die Tiefseebecken ergossen. Ausgelöst durch Erdbeben oder die eigene Sedimentlast, fanden diese Rutschungen im Mittel alle 3000 bis 4000 Jahre statt.

Im fossilen Harz konnten hier Spuren von Pilzen, Früchte von Pflanzen und Inklusen von parasitischen Wespen gefunden werden. Die Bernsteine sind in eine Kohlelage eingebettet. Einst an Küsten und Spülsäumen angereichert, wurden die Pflanzen mit dem Harz in die Tiefsee umgelagert. Geochemische Analysen ergaben, dass das fossile Harz von Nadelgehölzen, also von Koniferen, stammt. Röhren, Grabgänge und Weidespuren zeugen von den einstigen Bewohnern der Tiefsee. Diese Spurenfossilien, wie Chondrites, Planolites oder Spiroraphe, sind stumme Zeugen dieser Epoche.

Doch Vorsicht! Das Sammeln ist auch für mich als Profi nur nach Anfrage bei den Österreichischen Bundesforsten möglich. Die ausgebeuteten Fundstellen zu betreten, ist teilweise wirklich lebensgefährlich. Es ist also dringlich davon abzuraten, in den steilen Steinbruch hineinzugehen. Unweit des Steinbruchs, an der Höbersbachstraße 63, steht eine Info-Tafel zum Thema Bernstein in Gablitz. Wunderbare Funde und Informationen dazu kann man im Heimatmuseum von Gablitz – unter der Leitung von Dr. Renate Grimmlinger – besichtigen.

Echter Bernstein oder Fälschung?

Es gibt also echten Bernstein, Bernsteinschmuck, der aus echtem, aber gepresstem Bernstein besteht, und Fälschungen aus Kunstharz. Echter Bernstein ist oft unrein und trübe, beinhaltet vielfach auch Einschlüsse von Fossilien wie Mücke oder Ameise bis hin zum Gecko. Gepresster Bernstein ist zwar aus echtem Material, besteht aber aus winzigen Bernsteinen und Rückständen von Schmuckstücken, welche bei der Bearbeitung angefallen sind. Unter hohem Druck und Temperatur werden hierbei Bernsteinfragmente und Bernsteinstaub gepresst.

Bei diesem Prozess schleichen sich vielfach kleine Luftbläschen in das verflüssigte Baumharz und werden so auch mitgepresst, es entstehen die typischen Luftscheiben als Einschlüsse, ein untrügliches Zeichen für Pressbernstein. Diese Art des Schmuckes kann natürlich auch schön sein, bedarf aber einer Kennzeichnung, da hier eine Wertminderung gegeben ist. Und dann gibt es noch die wirklich gut gemachten, nur für Experten erkennbaren Fälschungen. Sie glauben gar nicht, was mir da selbst schon unter die Augen gekommen ist! Und ja, hier werden oftmals sogar Tiere eingegossen, um Fossilien nachzuahmen. Meist sind diese Tiere aber leicht zu erkennen und manchmal leben diese auch nur heute in unserer Zeit, nicht vor Millionen von Jahren, als sich die echten Bernsteine bildeten.

Ich werde ja oft gefragt, was ich aus wissenschaftlicher Sicht zu den Gerüchten um heilenden Bernstein bei Zahnschmerzen oder anderen Wehwehchen halte. Um es kurz zu machen: Gar nichts! Es gibt dafür nicht den geringsten Beweis, außer die eigenen Empfindungen, die sich einstellen, wenn man selbst daran glaubt. Das sei jedem unbenommen und möge so sein, da kann man sich aber auch gleich irgendeinen anderen Stein aufs Gesicht legen. Noch dazu wird von vielen medizinischen Seiten – bis hin zur amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA – aus anderen Gründen dringend von sogenannten Zahnungsketten aus Bernstein abgeraten: Es herrscht erhöhte Strangulationsgefahr, also bitte nicht verwenden!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß mit weihnachtlichen Bernstein-Geschenken, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie neugierig.

WebTipp

https://www.gablitz-museum.at/