Ein Fischsaurier kommt selten allein

Erstellt am 17. Mai 2022 | 07:00
Lesezeit: 5 Min
Symbolbild Fischsaurier
Symbolbild Fischsaurier
 
Foto: Lukeneder
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es in Österreich mehr Fischsaurier zu finden gibt als echte Dinosaurier? Hatten diese Meeresbewohner auch Feinde im damaligen Tethys-Ozean? Kann man die versteinerten Überreste von Fischsauriern auch in Niederösterreich finden? Wissenschaftler Alexander Lukeneder liefert eine Erklärung…

Ich hatte das Glück, mit einem internationalen Forschungsteam erstmals kreidezeitliche Fischsaurier (Ichthyosaurier) aus den Alpen Österreichs nachweisen zu können. Diesen Umstand verdanke ich zwei privaten Sammlern von Fossilien. Die Kooperation mit diesen Privatsammlern zeigt neuerlich das große Potenzial der Zusammenarbeit zwischen Citizen Scientists oder Bürgerwissenschaftlern und Bürgerwissenschaftlerinnen sowie Wissenschaftlern.

Die beiden Fossilfreunde und Finder der bedeutenden Fossilien sind Karl Bösendorfer aus Pinsdorf in Oberösterreich und Alfred Leiblfinger aus Golling in Salzburg. Beide waren so großzügig, die Funde zur Bearbeitung an die Wissenschaft weiterzugeben. So wurden die Fossilien dankenswerter Weise dem Naturhistorischen Museum in Wien und dem Haus der Natur in Salzburg übergeben. Dieser Umstand ist wesentlich in der wissenschaftlichen Arbeit, sollten doch die wichtigen Fossilien dauerhaft zugänglich sein und sowohl der Wissenschaft als auch der breiten Öffentlichkeit erhalten bleiben, was aber in privaten Sammlungen leider oft nicht der Fall ist.

Die einzigartigen Fossilien aus Sandsteinen der Rossfeld-Formation Salzburgs und aus Kalken der Schrambach-Formation in Oberösterreich entpuppten sich zu meiner großen Freude als wissenschaftliche Sensation. Ein einzelner Zahn und ein Gebilde mit knochenartigen Strukturen waren also viele Jahre unerkannt in Privatsammlungen zweier Hobbypaläontologen gelegen – Funde, die sich nun als wissenschaftliche Sensation entpuppten. Der Bericht des Naturhistorischen Museums Wien über einen fossilen Pliosaurier aus Österreich im Jahr 2019 hatte die Sammler veranlasst, ihre Funde genauer zu untersuchen und Kontakt mit mir aufzunehmen.

Ich kannte ja durch die Arbeit an der Fundstelle des Pliosaurier-Zahnes Karl Bösendorfer schon sehr gut, und wir sind mittlerweile zudem gut befreundet. Er war es auch, der mir die Fundstelle, an der ich später den Pliosaurier erstmals in Österreich nachweisen sollte, gezeigt und schmackhaft gemacht hatte. Schnell stellte sich nun heraus, dass es sich bei den Fossilresten um außergewöhnliche Funde eines Zahns und um einen Teil einer Schnauze eines Fischsauriers handelt. Der Einzelzahn ist rund 132 Millionen Jahre alt und die Schnauze mit 130 Millionen Jahren nur wenig jünger.

Aus der Kreidezeit des österreichischen Alpenraums waren Ichthyosaurier aber bis dahin völlig unbekannt. Für erdwissenschaftlich Interessierte mag es logisch anmuten, dass man in Gesteinen des Erdmittelalters aus Österreich eher die Überreste von Meeresbewohnern findet als die Fossilien landlebender Dinosaurier. Der Mangel an Landfläche im Mesozoikum ist genau der Grund, warum nur sehr wenige Vertreter von Dinosauriern in Österreich gefunden werden konnten. Die Funde von Meeresreptilien zeigen dagegen eine weite Verbreitung in den österreichischen Alpen.

Der Schnauzen-Fund stammt aus denselben Schichten der Schrambach Formation, in denen ich 2019 auch den ersten Pliosaurier Österreichs nachweisen konnte. Somit sind nun zwei der größten Räuber der kreidezeitlichen Nahrungsnetze nachgewiesen: Ichthyosaurier und Pliosaurier waren wahrscheinlich Konkurrenten und jagten beide Ammoniten, Tintenfische und sogar kleine Ur-Haie. Während die Pliosaurier mit den Dinosauriern am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren ausstarben, verschwanden die Fischsaurier schon früher, vor rund 93 Millionen Jahren, aus bis heute ungeklärter Ursache.

Fischsaurier lebten ausschließlich im Meer und konnten bis zu 15 Meter lang und fragliche 40 Tonnen schwer werden, mit einer bis zu 2 Meter lange Schnauze. Solch gigantische Vertreter und Riesen der Urmeere wurden erst kürzlich in Sedimentgesteinen aus der späten Triaszeit der Schweizer Alpen (Shastasaurus sp.) und dem frühen Jura Englands (Temnodontosaurus trigonodon) gefunden. Die nun erforschten Fischsaurier aus dem österreichischen Alpenraum waren – wie die meisten Fischsaurier – zwischen 2 und 4 Meter groß, wobei das Schnauzenteil dem größeren und jüngeren Vertreter zuzuordnen ist.

Aber auch Österreich hat Großes zu bieten. Kleine Ichthyosaurier aus dem Jura Österreichs sind gar nicht einmal so selten, wenn man weiß, wo man suchen muss. Ein großer Wirbel wurde in den Kössener Schichten, also in Meeressediment der späten Triaszeit, gefunden. Vor den Toren Wiens, im Steinbruch Hödl-Kritsch oder auch im Steinbruch Neumühle bei Rodaun, wurde in diesen an die 200 Millionen Jahren alten Gesteinen ein mächtiger Wirbel von Leptopterygius mit 16 Zentimetern Durchmesser gefunden und 1976 von Helmut Zapfe beschrieben.

Blick in das Innere eines Ichthyosauriers

Die Fossilien wurden mittels Computertomografie genauer analysiert. Damit konnten winzige Strukturen im Inneren der Fischsaurier-Reste sichtbar gemacht werden. Die detaillierten Untersuchungen brachten überraschende Erkenntnisse: Im Inneren des größeren Stückes verbargen sich über zehn bis zu drei Zentimeter lange Zähne des Ichthyosauriers. Auch die Anatomie der Schnauze konnte auf diese Weise untersucht werden. Anhand der Micro-CT-Daten wurden dreidimensionale digitale Modelle erstellt, die als Basis für die Rekonstruktionen des Tieres dienten. So wurde mit Hilfe der Firma 7reasons ein bis dahin unbekannter Ichthyosaurier digital zum Leben erweckt.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Cretaceous Research publiziert: Lukeneder A., Zverkov, N., Kaurin, C., Blüml, V. 2022. First Early Cretaceous ichthyosaurs of Austria and the problem of Jurassic–Cretaceous ichthyosaurian faunal turnover. Cretaceous Research, 136, April 2022, 105224.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß auf den Spuren der Fischsaurier und beim Wandern durch die Berge Niederösterreichs. Passen Sie auf sich auf und bleiben Sie neugierig.

WebTipp

https://www.nhm-wien.ac.at/presse/pressemitteilungen2022/fischsaurier_kreidezeit

https://www.nhm-wien.ac.at/mitmachen/fossilfinder

https://doi.org/10.1016/j.cretres.2022.105224