Winterschlaf und Winterruhe

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum viele Wildtiere eigentlich den Winter verschlafen? Wissenschaftler Alexander Lukeneder liefert eine Erklärung...

Erstellt am 11. Januar 2022 | 07:00
Lesezeit: 4 Min
Igel
Foto: Lukeneder

In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine Art der Strategie, um der klirrenden Kälte des Winters zu entkommen. Auch das geringere Nahrungsangebot im Winter wird mit einem Schlafzustand und reduzierten Körperfunktionen umgangen. Es handelt sich also in gewisser Weise um eine Schutzfunktion dieser Wildtiere. Tiere, die diese Fähigkeit nicht besitzen, müssen sich durch Winterfell oder gute Verstecke im Boden, in Baumstümpfen oder Laubhaufen über die harten Wintermonate helfen. Manche Vögel ziehen es – wie auch manche Menschen – vor, einige Wintermonate im warmen Süden zu verbringen, sie wandern also zu bestimmten Jahreszeiten ab.

Jene Wildtiere, welche Winterschlaf oder Winterruhe halten, müssen unbedingt danach trachten, sich im Herbst Energievorräte, also Körperfett, anzufressen, sich quasi einen Speck-Polster für die kargen Wintermonate zuzulegen. Das gilt für den kleinen Igel ebenso wie für den großen Bären. Das Ziel dabei ist einzig und allein, gut über den Winter zu kommen, also nicht zu erfrieren oder zu verhungern. Viele Tiere ziehen sich ab 6–11°C in ihre Winterquartiere zurück. Bei den Igeln ziehen sich die Männchen schon einige Wochen früher in den Unterschlupf zurück als die Weibchen.

Dabei helfen unterschiedliche Verhaltensweisen, wie Winterschlaf oder Winterruhe. Echten Winterschlaf halten zum Beispiel Igel, Fledermäuse, Siebenschläfer, Hamster und Murmeltiere. Dabei wird die Körpertemperatur drastisch abgesenkt und die Körperfunktionen werden auf ein Minimum reduziert.

Die Atmung wird extrem runtergefahren und der Herzschlag ist kaum noch wahrnehmbar. Zwei bis drei Schläge in der Minute sind da keine Seltenheit. Beim Igel senkt sich der Herzschlag von 200 auf 5 Schläge pro Minute, er atmet 1–3 Mal pro Minute statt 40–50 Mal, die Körpertemperatur sinkt auf 2–8°C statt 36°C. Stoffwechselfunktionen kommen nahezu vollständig zum Erliegen. Murmeltiere und Siebenschläfer können so bis zu sieben Monate des Jahres in ihrem Bau unter der Erde oder in Baumhöhlen verschlafen. Beim Igel sind es an die 4 Monate.

Bei der Winterruhe kommt es zu keiner Absenkung der Körpertemperatur. Diese Strategie bevorzugen zum Bespiel Eichhörnchen, Dachs, Biber, Waschbär und Braunbär. Es ist eine Art mehrfach unterbrochener Winterschlaf. Sie alle schlafen nicht so tief und fest wie die Winterschläfer zur gleichen Zeit. Atmung und Herzschlag sind verlangsamt, sinken aber weniger stark als bei Winterschlaf.

Zwischendurch wird aufgewacht, um zu fressen. Eichhörnchen fressen in den Ruhepausen die Hälfte der Nahrungsmenge vom Sommer. Sie sparen also durch relativ wenig Bewegung viel Energie. Diese Gruppe gehört zu den gleichwarmen (endothermen) Tieren, wie Säugetiere und Vögel, diese sind imstande, ihre Körpertemperatur selbst zu steuern, sie ist also konstant und gleich hoch.

Der Extremfall des Winterschlafes ist die Winterstarre wie bei manchen Schildkröten, Schlangen, Fischen, Salamandern, Fröschen, Schnecken und Insekten. Bei Wespen und Hummeln überwintern so nur die jeweiligen Königinnen. Es ist hier nicht wirklich Schlaf, es ist vielmehr eine Kälte-Starre, weil es extrem kalt ist.

Manche Tiere können ihre Körpertemperatur nicht regulieren, sie sind wechselwarm (ektotherm). Dazu zählen Insekten, Amphibien und Reptilien. Die Körpertemperatur schwankt also je nach Sonnenbestrahlung und Außentemperatur. Diese Tiere frieren im Extremfall komplett ein. Auf Grund des körpereigenen „Frostschutzmittels“ können Insekten wie Käfer oder Schmetterlinge, aber auch einige Froscharten, ohne Schaden zu nehmen wieder auftauen.

Ab wann zum Tierarzt?

Wird es im Winterquartier aber dennoch zu kalt, wacht der Winterschläfer auf und kann sich einen besseren Unterschlupf suchen. Danach kann er bis zum Frühling weiterschlafen. Bitte nicht stören! Die Gruppe der Winterschläfer und Tiere, die Winterruhe halten, darf man auf keinen Fall in Ihrer Ruhephase stören. Für manche dieser Vertreter kann ein ungewolltes Aufwachen im Winter den Tod bedeuten.

Sehen Sie also zu Beginn des Winters oder bei längeren Phasen mit Temperaturen unter 5–11°C im Garten einen Igel laufen, ist es wichtig zu wissen, wie schwer das Tier ist, ob es also genügend Energiereserven für den Winter hat. Mit Igelchen unter 500–700 g Körpergewicht sollte man aber auf jeden Fall zum Tierarzt gehen. Sieht man hingegen bei Schnee und Frost einen Igel im Winter, sollte man ihn sofort zum Tierarzt bringen. Bis man zum Tierarzt kommt, den Igel in einer Kiste im dunklen Keller bitte mit etwas Katzenfutter und Wasser halten, niemals mit Milch füttern!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erholsamen Schlaf, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie neugierig.