Wunder der Natur – Höhlen Niederösterreichs

Erstellt am 01. März 2022 | 07:00
Lesezeit: 6 Min
Höhle
Symbolbild
Foto: Alexander Lukeneder
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es in Niederösterreichs Bergen so viele Höhlen gibt? Wie entstehen Höhlen überhaupt und wo sind sie zu finden? Wissenschaftler Alexander Lukeneder liefert eine Erklärung…

Unglaubliche 4450 Höhlen gibt es in Niederösterreich. Im gesamten Bundesgebiet kommen wir sogar auf 18.100 Höhlen, von kleinen bis zu sehr ausgedehnten Höhlensystemen. Kleinhöhlen reichen bis zu 50 m, Riesenhöhlen erreichen eine Länge von über 5 km. Heuer befinden wir uns im Internationalen Jahr für Höhlen und Karst. Dieses wurde von der Internationalen Union für Speläologie ausgerufen mit dem Ziel, die breite Öffentlichkeit mehr über dieses Thema und den großen Wert von Höhlen für die Menschheit zu informieren.

Wie aber entstehen Höhlen? Höhlen gibt es in jeglicher Form und Größe, sprich Länge oder Tiefe. Wesentlich für die Entstehung sind stets Schwachstellen im Gestein, wo das Wasser ansetzen kann, um die Spalten oder Klüfte über Jahrtausende bis zu Jahrmillionen zu vergrößern. Hohlräume im Gestein erlauben das Wachstum von Mineralen oder dienen als Ablagerungsraum für Sedimente. Tropfsteine speichern Informationen über das Klima. Sie kennen wahrscheinlich am ehesten die Stalaktiten und Stalagmiten aus Höhlen selbst oder aus den Medien.

Nur was ist jetzt was und wo wächst welche Form von der Decke oder am Boden? Der Stalaktit hängt von der Decke und tropft, der Stalagmit hingegen wächst vom Boden der Höhle empor. Beider Formen von Tropfsteinen sind wertvolle Archive, wenn es etwa darum geht, Klimaveränderungen der Vergangenheit mit dem aktuellen Klimawandel zu vergleichen. Gebiete, die aus wasserlöslichen Gesteinen wie Kalkstein aufgebaut sind, stellen wichtige Trinkwasserspeicher dar. Diese sogenannten Karstgebiete beherbergen die meisten und ausgedehntesten Höhlen. Ihre Erforschung kann helfen, die Qualität des Trinkwassers zu sichern.

Dabei sind Höhlen nicht nur mystisch und geheimnisvoll, sondern sie bergen auch wahre Naturschätze in sich – seien es paläontologische, archäologische oder auch zoologische Leckerbissen der Wissenschaft. Höhlen sind also Schatzkammern der Wissenschaft. Die meisten Menschen, wie auch ich, finden formenreiche Tropfsteinhöhlen oder glitzernde Eishöhlen wunderschön und faszinierend. Über Jahrtausende, ja oft bis zu Jahrmillionen, bleiben in den Höhlen die Spuren der Vergangenheit und der Erdgeschichte erhalten.

Im Gegensatz zur Landoberfläche, die ständigen Veränderungen durch Wind und Wetter ausgesetzt ist, können natürlich entstandene Höhlen und ganze Höhlensysteme extrem langlebig sein. Vieles an Wissen stammt auch den Archiven von Höhlen, wie auch das Wissen über eiszeitliche Großsäuger wie Höhlenbär oder Höhlenlöwe. Sie überwinterten in Höhlen oder zogen sich mit der Beute dorthin zurück. Für prähistorische Menschen hatten Höhlen große Bedeutung. Höhlen waren für diese Menschen geschützte Rückzugsorte, aber auch Kultstätten. Eine Vielzahl von Informationen zur Menschheitsentwicklung beruht auf Funden und Belegen aus Höhlen.

Im Rahmen eines Höhlen-Themenpfades wie auch eines umfangreichen Rahmenprogramms mit Führungen und Vorträgen werden im Naturhistorischen Museum in Wien spannende Entdeckungen und Erkenntnisse rund um das Thema Höhle präsentiert. Von der Entstehung der Höhlen, über die Landschaftsentwicklung bis hin zu Themen der Verkarstung und der Wasserwirtschaft in unserem Land wird dabei alles geboten – Stichwort: Wasser aus Niederösterreich für Wien, die Hochquellenwasserleitungen für den Transport von flüssigem Gold.

Der Pfad führt durch die Schausäle des Museums und zeigt dabei den Stellenwert der Höhlen als Fundorte und Archive, seien es wissenschaftliche Schätze der Menschheitsgeschichte, aber auch geologische oder zoologische Einblicke in die Natur.

Alles Höhle oder was?

Das Ötscher-Höhlensystem besticht durch seine Länge bzw. Tiefe, weist das System doch 28,6 km Länge und eine Tiefe von 662 m auf. Auch historisch ist dieses Höhlengewirr einer der wichtigsten Punkte für Höhlenforscher, fand die erste Expedition doch bereits im Jahr 1592 statt. Aus prähistorisch Sicht ist die vergleichsweise winzige, nur ca. 30 m lange Gudenushöhle – benannt nach der gleichnamigen Adelsfamilie vor Ort – im nordwestlichen Niederösterreich von unschätzbarem Wert, sie wurde schon vor rund 70.000 Jahren von Neandertalern als Unterschlupf genutzt.

Für Freunde der Paläontologie haben die Schwabenreithöhle, die Herdengelhöhle und die Höhle von Bad Deutsch Altenburg großen Wert. Zoologisch und auch touristisch bedeutsam ist die Hermannshöhle bei Kirchberg am Wechsel. Diese Höhle dient als Fledermausquartier und beherbergt ein Projekt zur Fledermausforschung. Gemeinsam mit der Nixhöhle bei Frankenfels zählt die Hermannshöhle zu den bedeutendsten Schauhöhlen Niederösterreichs.

Sehr cool ist auch die Eisensteinhöhle bei Bad Fischau, wo man Ausrüstung bekommt und sich auch ein bisschen schmutzig machen kann. Man kann in solch geführten Höhlen auf sicheren Wegen kriechen, klettern, sich abseilen oder gar schwimmen. Aber bitte niemals auf eigene Faust in Höhlen vordringen, hier herrscht Lebensgefahr!

Wichtig ist auch zu erwähnen, dass die meisten Höhlen nach dem Naturhöhlenschutzgesetz unter besonderen Schutz gestellt sind, also bitte vorab erkundigen! Egal ob Profi oder Hobbyforscher, bevor man in Höhlen einsteigt, ist es unerlässlich, das Wetter im Auge zu behalten. Wie man auch in den letzten Tagen wieder den Medien entnehmen konnte, kommt es oft zu Überflutungen von Höhlenteilen, was einen Ausstieg oft unmöglich macht.

In manchen dieser Fälle muss dann eine Höhlenrettung eingeleitet werden. Also unbedingt Wetterberichte studieren, bevor man zu Höhlenerkundungen aufbricht! Nicht jeder, der einen Fuß in eine Höhle setzt, ist automatisch auch ein Forscher. Gerne steht Ihnen jedenfalls die Arbeitsgruppe für Karst- und Höhlenkunde am Naturhistorischen Wien zur Verfügung. Die Karst- und Höhlen-Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit angewandter Forschung sowie mit der Analyse der Grundlagen zu unterschiedlichsten wissenschaftlichen Themen rund um Höhle und Karst.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Zeit unter Tage in gesicherten Höhlen auf geführten Touren, passen Sie auf sich auf und bleiben Sie neugierig.

WebTipp

https://www.nhm-wien.ac.at/nhm/hoehle

https://www.nhm-wien.ac.at/hoehle_karst

http://www.cave.at/de/termine