Berg rückt ins Zentrum

Erstellt am 02. März 2022 | 03:00
Lesezeit: 3 Min
440_0008_8292992_gre09rh_berg1930hauptstrasse_topothekbe.jpg
Ein Blick auf die Hauptstraße im Jahr 1930 erschließt den landwirtschaftlichen geprägten Charakter der Gemeinde.
Foto: Topothek Berg
Aus dem ruhigen Bauerndorf am Eisernen Vorhang wurde ein Tourismusort im Einzugsbereich von Bratislava.
Werbung
Anzeige

 Der Grenzort am Fuß der Königswarte, Österreichs östlichster Erhebung, wurde im Lauf seiner fast tausendjährigen Geschichte oft zerstört und wieder aufgebaut. Nach dem Ersten Weltkrieg prägten Ackerbau, Viehzucht und Weinbau den Ort. Die landwirtschaftlichen Produkte wurden auf dem Markt in Bratislava angeboten, es bestanden vielfältige Verbindungen in den Osten.

Der „Anschluss“ und der Zweite Weltkrieg bedeuteten große Einschnitte im dörflichen Leben. Berg war von 1942 bis Kriegsende Teil der Stadtgemeinde Engerau (heute Petrzalka in der Slowakei). Wegen der günstigen Lage wurde hier ein riesiges Aluminiumwerk errichtet. Benannt nach dem deutschen Unternehmer Bernhard Berghaus, sollte es Nachschub für die Flugzeugindustrie und Raketenproduktion liefern. Das Werk beschäftigte 1944 im Probebetrieb 1.600 bis 2.000 Mitarbeiter, darunter viele Zwangsarbeiter. Im Vollbetrieb hätten hier 6.000 Menschen arbeiten sollen.

2.000 jüdische Zwangsarbeiterkamen zum Einsatz

Am 4. April 1945 erreichte die Rote Armee den Ort, Gelände und Maschinen wurden unter sowjetische Verwaltung gestellt und schließlich als Wiedergutmachung der Kriegsschäden nach Jugoslawien gebracht. Die Gebäude wurden gesprengt, die unzerstörbaren Fundamente beim ehemaligen Rübenlagerplatz zeugen von dieser Zeit. In den letzten Tagen des Krieges wurde im Gemeindegebiet am Südostwall gebaut. Dabei kamen rund 2.000 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn zum Einsatz. Die schlechten Bedingungen und die Brutalität der Wächter forderten zahlreiche Todesopfer. Bei Herannahen der Front wurden die Zwangsarbeiter auf einen Todesmarsch Richtung Mauthausen geschickt, die Historikerin Claudia Kuretsidis-Haider hat ihr Schicksal und die folgenden Prozesse gegen das Wachpersonal aufgearbeitet.

Die Sowjets bauten in Berg ein Barackenlager. Als sich der schwedische Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, Arne Karlsson, auf einer Dienstfahrt verirrte, wurde er von einem sowjetischen Militärposten erschossen. Nach dem Abzug der russischen Soldaten aus Berg, den letzten in Österreich verbliebenen, verlief ab 1955 das Leben in ruhigeren Bahnen.

Die unmittelbare Lage am Eisernen Vorhang führte zu Abwanderung und Überalterung, erst die Ostöffnung brachte 1989 Aufbruchstimmung und Zuzug. Im Jahr 1972 waren Berg und Wolfsthal zusammengelegt worden, die Gemeinden trennten sich 1997 nach vielen Unstimmigkeiten wieder. Starkes Bevölkerungswachstum zog den Ausbau der Infrastruktur nach sich (Sanierung der Volksschule, Bau des Kindergartens und des neuen Feuerwehrhauses). Seit längerem bemüht sich die Gemeinde um sanften Tourismus (Errichtung des Aussichtssturms auf der Königswarte). Symbol des Ortes ist der Dreiländerbrunnen im Zentrum: Granit steht für die Dauer, das Glas für das zerbrechliche Glück und das Wasser für ständige Veränderung.

Werbung