Wie es ist, ein Grab zu schaufeln. Martin Schlembach werkte mehr als 30 Jahre als Totengräber. Sohn Mario setzte dem Berufsstand ein literarisches Denkmal.

Von Otto Havelka. Erstellt am 30. Oktober 2019 (04:45)
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Mario Schlembach schaufelt Platz für einen neuen Sarg in einem Familiengrab. Erinnerungen bleiben am Friedho zurück.
Havelka

Mario Schlembach ist Totengräber. Auf den Friedhöfen in Sommerein und Höflein schaufelt er im Auftrag der Gemeinden den Platz für Särge. „Normalerweise so tief, dass sich vier Särge übereinander ausgehen“, erklärt Schlembach. Schon sein Vater Martin Schlembach war mehr als 30 Jahre Totengräber in Sommerein und hat in dieser Zeit mehr als 400 Menschen begraben. Die meisten kannte er persönlich nur zu gut. Nun hat Mario den Job übernommen.

Mario Schlembach ist Schriftsteller. In seinem bislang zweiten, 2018 erschienen und mehrfach ausgezeichneten Roman „Nebel“ setze er dem Beruf des Totengräbers ein psychologisch subtiles und autobiografisch eingefärbtes Denkmal.

"Einziger Akt des Erinnerns"

In einem Essay schildert Mario, wie sein „Papa zu graben begann“: Vergangenes, Gegenwärtiges und Traumgeschehen lösen sich zu einem einzigen Akt des Erinnerns auf, der die Geschichte zu überschreiben beginnt. „Papas erstes Grab ist eine Kombination der denkbar schlechtesten Umstände gewesen: Kaum Platz zwischen den Ruhestätten und ein lehmiger Boden, in dem das Grundwasser viel zu früh gekommen ist. Ab der Hälfte hat er mit der Heugabel graben müssen“, erinnert sich Schlembach.

„In derselben Nacht hat er davon geträumt, dass er tief im Loch steht und ihn plötzlich am Fuß eine Hand packt, die ihn hinabziehen möchte und nicht mehr loslässt. Mama hat Papa für eine Zeit lang nicht berühren können, als er mit der Arbeit am Friedhof begonnen hat. Dauernd hat sie an die Toten denken müssen und egal, wie oft und wie gründlich sich Papa auch gewaschen hat, der Geruch von Leichen hat ihn scheinbar wie eine eigene Aura umhüllt.“

„Totengräber“ ist kein Renommee

Sohn Mario beschäftigten andere Gedanken: In der Schule habe er niemanden erzählt, dass sein Vater neben der Arbeit als Landwirt auch als Totengräber sein Geld verdiente. „Es ist mir wohl peinlich gewesen“, sinniert Schlembach. Selbst als Student hielt Schlembach mit seiner beruflichen Herkunft noch lieber hinter dem Berg: „Ich bin Totengräber, ist nicht gerade ein Satz, um zwischenmenschliche Nähe zu suggerieren“, analysiert Schlembach nicht ohne Selbstironie.

Bei einem Lokalaugenschein der NÖN am Friedhof Sommerein schaufelt Mario Schlembach gerade Platz in einem Familiengrab für ein kommendes Begräbnis. Vater Martin schaut zu und gibt Tipps.

Mario hat sich vor Kurzem einen kleinen ausrangierten Bagger angeschafft, um sich das Graben zu erleichtern. Immerhin 15 Gräber mussten heuer am Friedhof Sommerein bereits geschaffen werden. Die Meisten der Beerdigten kenne man: Wenn man in einer kleinen Gemeinde jemandem das Grab schaufelt, sei es fast nicht vermeidbar, dass Erinnerungen an den Toten wach werden. „Natürlich fallen einem Geschichten ein, wie man mit der- oder demjenigen zusammengesessen ist“, sagt Martin Schlembach. „Aber wenn man vom Friedhof nach Hause geht, lässt man diese Geschichten hier zurück. Anders geht das gar nicht.“

Martin Schlembach ist Landwirt. Vor drei Jahrzehnten hat er sich den „Nebenjob“ als Totengräber aufgehalst. Zu Allerseelen, also am 2. November, hat er Geburtstag. Dann steht er am Friedhof, bietet Blumen und Grabkerzen an, „und schenkt Schnaps aus, damit sich die Leute erwärmen können“, erzählt Sohn Mario. Mittlerweile hat sich der Totengräber der nächsten Generation zu einem örtlichen Service-Unternehmen entwickelt.

Bei Bedarf wird von der Todesanzeige bis zum festlichen Umzug samt Sargträgern alles organisiert. Wenn Not am Mann war, half Schlembach auch schon in anderen Gemeinden von Au bis jenseits der Donau aus.

Die „Totengräber“ gibt es nicht

Als Martin Schlembach in Pension ging, trat Sohn Mario offiziell in seine Fußstapfen. Er fuhr zur Wirtschaftskammer, „um ein Gewerbe als Totengräber anzumelden“. Aber das gäbe es laut Katalog gar nicht. „Mein offizieller Titel lautet jetzt ‚Erdbeweger‘. Wie in der Gesellschaft selbst, hat man auch hier die Toten ausgespart“, kommentiert Schlembach.

Umfrage beendet

  • Welche Form der Bestattung würdet ihr wählen?