Jugendliche vor Gericht: „Fleischgewordener Albtraum von Eltern“

Erstellt am 14. April 2022 | 04:29
Lesezeit: 3 Min
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Das Opfer verschwand aus dem Landesgericht Korneuburg, bevor es befragt werden konnte. Daher wurde der Prozess vertagt.
Foto: NÖN
Raub und Drogenhandel: Fünf Burschen standen in Korneuburg vor Gericht.
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Selten wurde der Wahrheits-Begriff vermutlich stärker strapaziert, als in einer Verhandlung am Landesgericht Korneuburg wegen Raubes. Fünf angeklagte Jugendliche im Alter von 17 bis 21 Jahren brachten es zustande, im Verlauf des Prozesses etwa ein Dutzend unterschiedliche „Wahrheiten“ zu den Vorfällen im Wiener Stadtpark am 30. Juli letzten Jahres anzubieten. Dabei postulierte der dem Schöffensenat vorsitzende Richter Rainer Klebermaß noch zu Beginn des Prozesses, an die Angeklagten gerichtet: „Heute ist Tag der Wahrheit.“

Der Versuch, die Burschen durch seine Autorität dazu zu bewegen, ihr Gewissen zu erleichtern, trug nur bedingt Früchte. Am empfänglichsten zeigte sich noch ein unbescholtener 18-Jähriger, der eine Ausbildung zum Zimmermann macht. Er bekannte sich sowohl des angeklagten Raubes als auch der Körperverletzung für schuldig. In abgesonderten Vernehmungen der fünf Burschen, wollte Klebermaß den tatsächlichen Geschehnissen detektivisch auf die Spur kommen.

Also begann er bei seinen Befragungen mit dem Zimmermann-Lehrling. Ein mit ihm angeklagtes Brüderpaar (18 und 21 Jahre alt) kenne er von klein auf, den 17-jährigen Erstangeklagten – und vermutlichen Rädelsführer – kenne er wiederum durch die Brüder, einen weiteren angeklagten 21-Jährigen aus der Kirchengemeinschaft. Zusammen sollen sie im Stadtpark einen Dealer umzingelt, geschlagen und versucht haben, ihm die Bauchtasche samt Geld und Drogen zu stehlen.

Das Motiv für die Tat fand Klebermaß beim Erstangeklagten. Der hatte nämlich noch eine Rechnung mit dem Dealer offen, weil er von diesem ebenfalls bestohlen wurde. Erschwerend für den 17-Jährigen, der wie das Brüderpaar in Haft sitzt, war, dass er mit den beiden bereits einmal wegen eines solchen Delikts rechtskräftig verurteilt wurde. Das Frappante daran ist, dass beide Opfer, also das damalige und das verhandlungsgegenständliche, unabhängig voneinander den Tatablauf weitestgehend ident schildern.

SchwacheS Gedächtnis bei Erstangeklagten

So war es auch nicht der einzige Vorwurf, den Staatsanwalt Lambert Schöfmann gegen den 17-Jährigen erhob. Klebermaß subsumierte die angeklagten Drogendelikte mit den Worten: „Sie sind der fleischgewordene Albtraum von Lehrern und Eltern“ – „und Direktoren“, wie eine Schöffin ergänzte. Er soll in Bruck vor und auch in einer berufsbildenden Schule Werbung für seine Dealer-Tätigkeit gemacht und mit seinem Sortiment geprahlt haben.

Überhaupt glänzte der Erstangeklagte (17) mit einem ganz schwachen Gedächtnis, dem der Richter mit der Warnung vor den noch offenen zwölf Monaten aus der Vorverurteilung auf die Sprünge helfen wollte – vergeblich. Trotz der Erinnerungslücken und den zig Versionen der Vorfälle konnte sich der Schöffensenat ein Bild machen. Was fehlte, war die Einvernahme des Opfers aus dem Stadtpark. Dieses wurde vormittags im Gericht noch gesichtet. Sein Aufruf am Nachmittag blieb vergeblich. „Wenn der wichtigste Zeuge verschwindet“, bleibt einem Strafrichter nichts anderes übrig, als zu vertagen.

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