Helga Longin: „Das ist Krieg gegen Flüchtlinge“. Die Bruckerin Helga Longin hilft derzeit auf der griechischen Insel Lesbos und schildert menschenunwürdige Zustände.

Von Susanne Müller. Erstellt am 24. September 2020 (05:22)

„Man sieht die Bilder, aber es ist einfach unvorstellbar. Ich habe nicht gedacht, dass so etwas in Europa möglich ist.“ Helga Longin von „Unser Bruck hilft“ ist seit letzter Woche auf der griechischen Insel Lesbos, um den gut 12.000 Menschen nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria zu helfen. Longin ist mit der Grazer Menschenrechtsaktivistin Doro Blancke nach Griechenland geflogen und unterstützt dort die griechische NGO „Home for All“ rund um Katerina Nikos. „Wir wissen, wir können nicht allen helfen, aber wir wollen der Tropfen auf dem heißen Stein sein“, bringt Longin auf den Punkt, dass jeder Beitrag ein wichtiger ist.

Vom alten Lager Moria ist nach dem Brand nichts übrig geblieben.
Müller

Denn die Zustände, die die Bruckerin beschreibt, sind katastrophal. Tausende Menschen, die ohne Wasser und ohne Nahrung und in unzumutbaren hygienischen Bedingungen ausharren müssen. Das Essen, das von offizieller Stelle verteilt wird, sei mit Maden und sonstigem Ungeziefer durchsetzt und großteils ungenießbar. Daher kocht „Home for All“ und verteilt Essen, Wasser, Brot und Obst an die obdachlosen Flüchtlinge. „Kleine Säuglinge werden im Dreck am Straßenrand gestillt“, schildert Longin. Die Menschen seien zutiefst dankbar. Ein Mann, dem sie versehentlich sechs Äpfel für seine fünfköpfige Familie gegeben hatte, gab einen davon dankend zurück: Sie seien nur fünf, es gäbe so viele andere, die das Obst auch bräuchten.

Das neue Notlager Kara Tepe ist mit Stacheldraht umgeben. Die Zelte stehen auf blankem Schotter- und Sandboden.
privat

Longin erlebte auch vor Ort die Übersiedelung in das neue Notlager Kara Tepe mit. „Dort stehen die Zelte auf dem nackten Schotter. Die Regenzeit ist überfällig“, erahnt Longin, dass beim ersten Regen alle knöcheltief im Schlamm versinken würden. „Das neue Camp wird bald aussehen wie das alte“, schätzt die Bruckerin.

Neues Camp nicht viel besser als das alte

Für das gesamte Camp seien 35 Mobil-Toiletten vorgesehen. Es werde kein Müll abgeholt. Windel und Hygieneartikel für Frauen seien ebensowenig vorhanden wie Masken, um sich vor Corona zu schützen. Das Gelände ist mit Stacheldraht eingezäunt. Bei der Übersiedelung sei den Helfern untersagt worden, außerhalb des neuen Camps Essen zu verteilen – wohl, um die Menschen ins neue Lager zu bewegen.

Helga Longin ist seit 2015 bei „Unser Bruck hilft“ engagiert und hilft derzeit auf Lesbos.
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„Das ist Krieg gegen Flüchtlinge“, findet Longin drastische Worte. Viele seien bereits über ein Jahr auf der griechischen Insel und hätten noch nicht einmal ein Gespräch über ihren Asylantrag gehabt. Die meisten seien aus Syrien, Afghanistan, Somalia und Erytrea. „Diese Menschen haben nichts verbrochen. Sie haben ein Recht auf ein faires Verfahren und auf menschenwürdige Behandlung“, so Longin. Die Zustände vor Ort seien „Europas unwürdig“. Für sie ist eindeutig: „Die einzig menschliche Lösung ist, die Menschen hier herauszuholen. Das kann man nicht mit Zelten besser machen.“

Longin und Blancke haben in einem ersten Schritt 4.000 Euro an Spendengeldern übergeben. Um jeweils weitere 1.500 Euro werden Masken sowie Windeln und Hygieneartikel besorgt und verteilt. „Hier kommt das Geld direkt zu den Geflüchteten“, weiß Longin. „Home for All“ sei eine kleine NGO, die seit sechs Jahren direkt vor Ort für die Flüchtlinge arbeite. Spenden kann man an das Konto von „Unser Bruck hilft“, IBAN AT30 2021 6216 9756 3700, Verwendungszweck: Lesbos/Moria.

Unzählige Familien mit kleinen Kindern leben auf Lesbos unter schrecklichen Bedingungen.
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