Häusliche Gewalt: „Nur schwache Männer hauen“. Fünf Frauenmorde in 14 Tagen erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Von Brigitte Wimmer, Judith Jandrinitsch, Gerald Burggraf und Susanne Müller. Erstellt am 23. Januar 2019 (04:23)
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Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, was die fünf Morde – vier davon in Niederösterreich – gemeinsam haben. Doch was ist der Grund für die aktuelle Häufung von Morden an Frauen?

„Ich glaube, die Gesellschaft wird gewalttätiger, weil sich die wirtschaftliche Lage für viele verschlechtert hat. Der Druck auf den Einzelnen steigt und die Aggressionen werden stärker. Männer kommen mit Wut nach Hause und entladen diese an ihren Frauen und Kindern“, erklärt Karin Pfolz vom Verein „Respekt für dich“. Auch sie war lange Opfer von häuslicher Gewalt. Sie diskutierte am Sonntag in der ORF Live-Sendung „Im Zentrum“ über das Thema „Gewalt gegen Frauen“. Pfolz sieht in der Präventions- und Täterarbeit den Schlüssel zu einem gewaltfreieren Miteinander. Sie selbst ist mit ihren Mutbüchern in Schulen und Kindergärten in Niederösterreich, Wien und im Burgenland unterwegs.

Ihre Bücher kennt man auch auf den Märkten in Bruck, Schwechat und Fischamend, wo sie regelmäßig ihren Stand aufbaut. Ihr Appell an die Gesellschaft: „Schaut nicht weg, wenn ihr das Gefühl habt, in eurem Umfeld wird jemand stark eingeschränkt, bevormundet oder geschlagen. Die ‚Frauen-Helphotline‘ ist auch für Menschen da, die etwas beobachtet oder durch Wände gehört haben.“ Die Autorin kann nicht verstehen, warum die Anteilnahme für ein Gipsbein oder einen finanziellen Verlust höher ist und offener gezeigt wird als bei Gewalt an Menschen. Für ihren Satz bei der ORF-Diskussion: „Nur schwache Männer hauen, Stärke zeigt man mit Ruhe und Gelassenheit“, wird Pfolz zur Zeit mit positiven Twitter-Nachrichten überhäuft.

"Er hat mir alles weggenommen"

Dass es dennoch genügend Fälle gibt, in denen Situationen im häuslichen Umfeld eskalieren, zeigt die Statistik des Gewaltschutzzentrums. Im Bezirk Bruck wurden 2018 demnach 73 Betretungsverbote von der Polizei ausgesprochen.

Doch nicht in allen Fällen reicht es aus, wenn gewalttätige Männer aus den gemeinsamen vier Wänden verwiesen werden. Für solche Fälle gibt es etwa in Mödling ein Frauenhaus, das den Opfern Schutz bietet. Dort lebt derzeit eine junge Mutter von zwei Kindern. Sie sprach mit der NÖN über ihre persönliche Geschichte: „Mein Ex-Mann trank, wir wohnten in einer Wohnung ziemlich abseits vom Zentrum. Er hat mir alles weggenommen, mein Geld, mein Mobiltelefon, Bankomatkarte, Autoschlüssel. Ich musste die Kinder jeden Tag zu Fuß in die Schule bringen und auch wieder abholen. Er hat mich zwar nicht geschlagen, aber es war so furchtbar, dass ich ihm nichts recht machen konnte, alles war ihm zu schlecht. Fertiggemacht hat er mich mit seinen Worten“, erzählt die junge Frau.

Auf die Idee, Hilfe in einem Frauenhaus zu suchen, wäre sie nicht gekommen. Eine Freundin, zu der sie Kontakt halten konnte, rief im Mödlinger Frauenhaus an. Frauenhaus-Sozialarbeiterin Kathrin Reinberger erzählt: „Ein Jahr können die Frauen bei uns bleiben. Das ist eigentlich viel zu kurz, um eine Scheidung beziehungsweise die Obsorge bezüglich der Kinder zu regeln.“

Eine generelle Verrohung der Gesellschaft oder der Sprache kann Rechtsanwalt Peter Wolf aus Maria Lanzendorf nicht ausmachen. Fälle, bei denen Männer ihre Frauen misshandeln, habe er schon vor zehn Jahren gehabt. „Es sind nicht mehr Fälle, aber sie werden stärker publik“, erzählt er. Durch den steigenden öffentlichen Druck werde auch vermehrt Untersuchungshaft verhängt. „Wie ich mit einer Frau umgehe, hat aber auch kulturelle Hintergründe“, ist er überzeugt. Allerdings hält er im nächsten Satz unmissverständlich fest, dass es Frauen schlagende Männer in allen sozialen Schichten und Volksgruppen gebe.

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