Ultra-Feinstaub: „Flughäfen sind Hotspots“

Erstellt am 06. Mai 2022 | 04:47
Lesezeit: 4 Min
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Plädierten für drei Maßnahmen, die „rasch und kostengünstig umgesetzt werden können“: Oswald Rottmann und Reinhard Kendlbacher, Jutta Leth, Grünen-Sprecher Roman Kral und Susanne Heger von „Aviation Reset“.
Foto: Susanne Müller
Die Gefahr für die Anrainer stand im Mittelpunkt eines Infoabends der Grünen in Bruck.
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In der Nähe eines Flughafens zu leben ist praktisch und es bietet zahlreiche Arbeitsplätze. Aber was macht es mit der Gesundheit? Damit beschäftigt sich der Bürgerverein Freising seit vielen Jahren, ebenso wie die Umweltmedizinerin und Sprecherin der Bürgerinitiative SOS Ostregion Jutta Leth. Ihre Expertise teilten sie auf Einladung der Grünen mit dem Publikum im Stadttheater und via Livestream.

Konkret hat das Problem einen Namen: Ultrafeinstaub. Dieser entsteht unter anderem beim Verbrennen von Kerosin in einem Flugzeug-Triebwerk. „Ultrafeinstaub-Partikel sind gesundheitsgefährdend und Flughäfen sind Ultrafeinstaub-Hotspots“, fasste es Reinhard Kendlbacher vom Bürgerverein Freising zusammen. Den Unterschied zwischen Ultrafeinstaub und Feinstaub macht die Größe aus. „Die Größe von Ultrafeinstaub verhält sich zu der von Feinstaub wie jene eines Stecknadelkopfes zu der eines Fußballs“, machte es Medizinerin Jutta Leth anschaulich.

Der Bürgerverein hat über Jahre Messungen rund um den Münchener Flughafen durchgeführt. „Moderne Triebwerke produzieren nur Ultrafeinstaub, keinen Feinstaub“, so Oswald Rottmann. Laut Weltgesundheitsorganisation sind über 10.000 Partikel davon gesundheitsschädlich. „Aber es gibt keine Grenzwerte, daher gilt für uns das Minimierungsgebot“, so Kendlbacher. Das Gefährliche an diesen nur zehn bis 13 Nanometer kleinen Teilchen ist, dass sie über die Atemluft in die Lunge und von dort in die Körperzellen und ins Blut eindringen. Und dass an ihnen im Fall der Kerosin-Verbrennung Schadstoffe anhaften.

Wind trägt Partikel über viele Kilometer

„Aus einem Triebwerk kommen bei einer Tonne Kerosin etwa 20 Kilogramm Schadstoffe überwiegend als Ultrafeinstaub“, so Rottmann. Dass diese großteils toxisch und krebserregend sind, darüber waren sich die drei Vortragenden einig. Weil es sich dabei um Schwebstoffe handelt, werden sie durch den Wind vertragen. „Beim Flughafen München wurden sie in 16 Kilometern Entfernung noch in einem gefährlichen Ausmaß gemessen“, so Rottmann. Der Bürgerverein hat auch in unserer Region schon Messungen durchgeführt. So wurden 2019 in Kleinneusiedl 28.000 Partikel pro Kubikzentimeter gemessen.

„Der Südosten Wiens ist ein ausgewiesenes Feinstaub-Gebiet. Anrainer von Flughäfen sind besonders gefährdet“, betonte Jutta Leth, dass hier auch bestimmte Krankheiten wie Krebs überdurchschnittlich häufig auftreten.

„Es gibt aber Möglichkeiten, rasch und kostengünstig deutliche Verbesserungen herbeizuführen“, betonte Grünen-Sprecher Roman Kral. Laut Oswald Rottmann würde nämlich der Einsatz von schwefelarmem Kerosin ein Drittel weniger Ultrafeinstaub-Partikel bringen.

Eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 38 Prozent würde es bringen, wenn die Flugzeuge bei den Starts und Landungen auf ihre Positionen gezogen würden, anstatt aus eigenem Antrieb zu rollen. Auch das Streichen von Kurzstreckenflügen würde viel bringen.

„Alles, was mit der Bahn in sechs Stunden erreichbar ist, muss sofort gestrichen werden. Das hätte auch einen schönen Nebeneffekt für den Klimaschutz“, so Kral, denn: 2019 hätten 32 Prozent der Fluggäste ein Ziel unter 800 Kilometern mit dem Flieger angesteuert. „Das sind kleine Maßnahmen, die man sofort umsetzen kann“, so Kral. Dafür und insgesamt für eine Reduktion des Flugverkehrs „auf das notwendige Maß“ setzt sich die Initiative „Aviation Reset“ ein, der etliche Bürgerinitiativen der Region angehören. An sie ging der Reinerlös des Abends.

Flughafen sieht Maßnahmen unterschiedlich

Beim Flughafen Wien bewertet man diese Forderungen unterschiedlich. So sei die erste bereits erfüllt: „Am Flughafen Wien steht nur zu 100 Prozent entschwefeltes Kerosin für die Betankung zur Verfügung“, erklärt Flughafen-Sprecher Peter Kleemann.

Ob Flugzeuge selbstständig zur oder von der Parkposition rollen oder geschleppt würden, mache jedoch keinen Unterschied, denn „Flugzeugtriebwerke müssen auch beim Schleppvorgang vor dem Start aufgewärmt werden bzw. nach der Landung die weitere Stromversorgung in der Kabine sicherstellen“, so Kleemann. Der Flughafen Wien führe seit 1990 kontinuierlich Luftgütemessungen im Pistenbereich durch. Die Messergebnisse werden im niederösterreichischen Luftgütemessnetz (NUMBIS) ausgewertet und veröffentlicht.

„Trotz der unmittelbaren Nähe zur A4-Ostautobahn ist die Schadstoffbelastung am Flughafen-Standort gering und entspricht der Randlage einer Großstadt, so Kleemann. Die Streichung von Kurzstreckenflügen sieht man hingegen kritisch. Sie würde die CO2-Emissionen nur verlagern, aber nicht verringern, sondern im Gegenteil sogar noch steigern.

„Denn Kurzstreckenflüge sind meistens Zubringerflüge zu Drehkreuzen, auf denen die Passagiere dann in weitere, häufig Langstrecken-Flüge umsteigen“, so Kleemann. Stattdessen die Bahn zu nutzen sei vielfach nicht möglich. „Ein Verbot von Kurzstreckenflügen in Europa hätte mangels Bahnalternativen nur zur Folge, dass Passagiere zu anderen Drehkreuzen in Istanbul, Doha oder Dubai fliegen und dort umsteigen würden“, ist man am Airport überzeugt.

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