Junger Aufdecker mit Mut: Skandal um Maturareisen. Enzersdorfer Bastian Köstinger brachte Eklat um Maturareisen von Veranstalter X-Jam ins Rollen.

Von Kerstin Schäfer-Zimmermann. Erstellt am 21. Juli 2021 (05:45)
Bastian Köstinger
Unterstützen ihren Sohn Bastian bei seinem Vorhaben, Maturareisen sicherer zu machen: Papa Werner und Mama Claudia Köstinger.
Kerstin Schäfer-Zimmermann

Bastian Köstinger ist 18 Jahre und Schüler am Pannoneum in Neusiedl/See. Der junge Enzersdorfer hat seine Matura aufgrund eines Auslandssemesters zwar noch vor sich, packte aber kurzerhand die Koffer und reiste Anfang Juli mit seinen alten Klassenkameraden nach Kroatien, um dort mit ihnen deren bestandene Prüfungen zu feiern.

Ein Vorgeschmack auf seine Feier. Fünf Tage Party in Porec. Fünf Tage das Leben und die Freiheit genießen. Die Vorfreude nach den zahlreichen Corona-Lockdowns war groß.

In Sachen Covid-19 fühlten sich die Jugendlichen von Anfang an sicher: „Wir waren in einer richtigen X-Jam-Bubble. Nur mit negativem Test durfte man in den Bus. War mal erst im Reisebus, durfte man mit Menschen außerhalb der Maturareise-Community keinen Kontakt haben. Drei Mal in dieser Woche musste man einen PCR-Test machen“, erzählt Köstinger. Doch damit hörte sich das allgemeine Wohlfühl-Gefühl bei X-Jam auch schon wieder auf.

Schon vor Ort wurde mir immer wieder von derben Sprüchen, sexueller Belästigung, Rassismus und Vergewaltigung erzählt.“ Bastian Köstinger

Das Gesicht des 18-Jährigen ging in den vergangenen Tagen durch alle Medien, sogar ein Live-Auftritt in der ZiB-Nacht stand am Programm. Warum? Köstinger war es, der – zurück in Österreich – den Matura-Reiseveranstalter mit schweren Vorwürfen konfrontierte: „Schon vor Ort wurde mir immer wieder von derben Sprüchen, sexueller Belästigung, Rassismus und Vergewaltigung erzählt. Und die Security-Typen waren uns von Anfang an suspekt. Das Gehörte ließ mich einfach nicht mehr los“, so Köstinger.

Zuhause erzählte er seinen Eltern Claudia und Werner Köstinger von den vielen Vorfällen, die passiert sein sollen. Die Eltern waren ebenso schockiert, wie ihr Sohn.

In derselben Nacht startete der Schüler einen Aufruf über die Social Media-Plattform „Instagram“: „Ich dachte: ‚Was wenn das meine Töchter wären, die missbraucht oder auch nur blöd angemacht werden‘ – da lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Aber ich brauchte handfeste Beweise und Tatsachenberichte, um Gerüchte von echten Vorfällen zu trennen“, erzählt Köstinger.

40 Rückmeldungen in nur einer Nacht

Am Morgen zeigte er seinen Eltern die Resonanz. Überwältigt von über 40 Zuschriften innerhalb weniger Stunden, großteils mit schweren Vorwürfen und Bildern war allen klar: „Wir müssen damit an die Öffentlichkeit. Wegschauen und nichts tun war keine Option mehr“, so Bastians Eltern.

Zwei große Tageszeitungen wurden informiert. Kurz darauf hatten die Köstingers keine freie Minute mehr. Bastian bekam von Redakteuren den Spitznamen „Harry Potter der Medien“, sein Mut sorgte für allgemeine Bewunderung. Der Reiseveranstalter X-Jam versicherte, den Vorwürfen nachzugehen. Das tat er auch. Mittlerweile wird in zwei Fälle von sexueller Belästigung beziehungsweise Vergewaltigung in Wien und Graz ermittelt.

Der 18-Jährige ist froh, den Stein ins Rollen gebracht zu haben. Seine plötzliche Berühmtheit empfindet er noch als „surreal“. Viele Väter melden sich bei ihm und bedanken sich für seinen Einsatz. Mädchen stehen plötzlich vor seinem Haus und wollen ein Selfie mit ihm. Freunde wiederum geben jetzt mächtig an mit ihm. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind froh, dass Bastian soviel Mut aufbrachte, sich mit einem Riesen-Reiseveranstalter anzulegen und ein Tabuthema öffentlich zu machen.

Es gibt nur wenige, die seinen Einsatz gegen sexuelle Belästigung, Vergewaltigung und Securitys, die ihre Machtposition ausnutzen, anprangern. „Hater wird es immer geben. Aber die Anzahl blöder Kommentare ist echt gering“, berichtet Papa Werner.

Seine Eltern sind stets an der Seite ihres Sohnes. Überwachen jedes Interview und unterstützen ihren Sohn bei seiner Mission: „Er hat schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er war als Kind selbst Mobbing ausgesetzt. Das hat ihn geprägt“, erzählt Mama Claudia. Sowohl die Eltern als auch seine beiden älteren Brüder sind stolz auf ihren Bastian. Auch Bürgermeister Markus Plöchl (ÖVP) zieht seinen Hut vor der Courage des jungen Mannes.

X-Jam erarbeitet neues Sicherheitskonzept

Köstinger wünscht sich für künftige MaturantInnen, die ihre bestandene Prüfungen und das Ende der Schulzeit in Kroatien feiern werden, dass bei der Auswahl von Securitypersonal mehr Augenmerk auf die Qualifikation gelegt wird. Genau das soll auch passieren. X-Jam-Veranstalter Alexander Knechtsberger traf Bastian Köstinger am Donnerstag erstmals persönlich, um die Vorwürfe gegen die Maturareise der letzten Tage zu besprechen. Bastian soll am neuen Sicherheitskonzept mitwirken.

Und er wird X-Jam bei der lückenlosen Aufarbeitung vorliegender Beschwerden unterstützen. Für Bastian Köstinger ein Erfolg. Obwohl er lieber als talentierter Musiker, dessen Musik unter „Kasby“ auf Spotify zu finden ist, berühmt geworden wäre. Wenn er nämlich gerade nicht die Welt zum Besseren verändert, würde er nach seiner Matura 2022 und dem Jahr als Zivildiener gerne Musik studieren.