Gedenktafel für Opfer der Shoa aus Sommerein

Erstellt am 03. August 2022 | 05:20
Lesezeit: 3 Min
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Die Neuseeländer Steve und Lynn Reindler mit Hobbyhistorikerin Ava Pelnöcker (rechts) neben der Gedenktafel für die Familie Reindler.
Foto: Pelnöcker
Die Nachkommen einer geflüchteten Sommereinerin waren zu Besuch.
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Die Hobbyhistorikerin Ava Pelnöcker erwartete am vergangenen Mittwoch besondere Gäste in Sommerein: Steve Reindler (69) war mit Frau Lynn aus Neuseeland angereist und besuchte zum ersten Mal das Dorf, aus dem seine Großtante Rosa und ihr Bruder Heinrich 1938 vertrieben worden waren.

Im Beisein von Christine Besser, der Obfrau des örtlichen Dorferneuerungs- und Verschönerungsvereins, der das Projekt finanziell unterstützte, enthüllte Steve Reindler eine Gedenktafel, die nun vor der Sommereiner Kirche an die beiden Opfer der Shoa erinnert. Sichtlich gerührt bedankte sich Steve Reindler bei Ava Pelnöcker, die das hierorts in Vergessenheit geratene Schicksal seiner Familienangehörigen anhand von Dokumenten und Zeitzeugen rekonstruiert hat, darunter ihre Volksschullehrerin Johanna Frast (95). „Ich bin sehr glücklich, dass wir der Familie Reindler ein Stück Ehre erweisen können, die sie verdient haben“, so Pelnöcker.

Zur Geschichte der Familie Reindler: Wolf Reindler, ein jüdischer Geschäftsmann aus Wien, erwarb 1860 das Haus Nr. 41 (heute Markt 23), wo Tochter Rosa (Jahrgang 1877) und Sohn Heinrich (Jahrgang 1896) die familieneigene Gemischtwarenhandlung nach dem Tod des Vaters fortführten.

Durch den Anschluss Österreichs 1938 spitzte sich die Lage für jüdische MitbürgerInnen zu. Noch im selben Jahr verfügte die GESTAPO die sofortige Schließung der Greißlerei. Während den Neffen Wilhelm und Ludwig Reindler trotz Widrigkeiten 1939 die Emigration nach Neuseeland gelang, verzögerte sich der Verkauf des Sommereiner Hauses im Zuge der Angliederung des Ortes an den Truppenübungsplatz.

Rosa durfte den erzielten Verkaufserlös nicht für die Auswanderung verwenden und wurde im Februar 1942 ins Ghetto Riga deportiert und im Jahr darauf, vermutlich im KZ Kaiserwald, ermordet.

Der Ertrag aus dem Hausverkauf wurde von der NS-Verwaltung eingezogen. Heinrich wurde wegen seiner Liebesbeziehung zur Sommereinerin Helene Kopper auf Grundlage des „Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ inhaftiert und zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Heinrich Reindler wurde am 23. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź/Polen) deportiert und starb im Winter 1941/42 - vermutlich an Kälte und Unterernährung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchten Heinrichs Neffen Wilhelm und Ludwig jahrzehntelang vergeblich, finanzielle Wiedergutmachung zu erhalten. Erst 2013 wurde ihren fünf Kindern, darunter Steve Reindler, für ein im öffentlichen Gut befindliches Teilareal ein geringer Betrag durch den Entschädigungsfonds zuerkannt und somit zumindest ein wenig der Gerechtigkeit Genüge getan – spät aber doch.

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