Hainburg: Ein Übergriff „aus Tradition“. 47-Jähriger soll seinem neunjährigen Neffen in den Schritt gegriffen haben.

Von Christian Pfeiffer. Erstellt am 02. Mai 2021 (03:23)
Symbolbild
Von Zolnierek, Shutterstock.com

Im Zeitraum von Oktober 2019 bis zum 9. Oktober 2020 sollen sich in Hainburg zwei Vorfälle ereignet haben, die für einen 47-Jährigen zu einer Anklage wegen sexuellen Missbrauchs seines Neffen und Körperverletzung führten. Am Landesgericht Korneuburg gestand der gelernte Fotokaufmann, den neunjährigen Buben im Verlauf einer Rangelei mit ihm, gebissen zu haben: „Ganz leicht“, wie er betonte.

Der Biss war anhand entstandener Hämatome später zu sehen, die der Bub mit „von Katze“ erklärte. Es sei ein „Liebesbeweis“ gewesen. In Spanien, wo der Angeklagte einige Jahre ein Lokal betrieb, sei das ganz üblich. Diese traditionelle Eigenheit war Richter Manfred Bodner gänzlich fremd. Schwerer wog vor dem Schöffensenat natürlich der Vorwurf des Missbrauchs. Der bestand darin, dass der 47-Jährige seinem Neffen beim Playstation-Spielen in den Schritt gegriffen und gesagt hat: „Deine Eier gehören mir bis du 18 bist.“

Eine durchaus eigenwillige Erklärung für den Griff in den Schritt gab Verteidiger Karl Heinz Götz bereits in seinem Eröffnungsplädoyer zu: „Es heißt, man fühlt sich für das Kind verantwortlich.“ Eine sexuelle Komponente stellte er in Abrede. Der in der Türkei gebürtige und seit langem die österreichische Staatsbürgerschaft besitzende Angeklagte sagte dem Richter, dass dies in der Türkei durchaus üblich sei – und stritt den Griff auch gar nicht ab.

Denn dieser sollte den Neunjährigen „in seiner Männlichkeit bestärken“. Auch dieses türkische Männlichkeitsritual sei ihm in 20 Jahren noch nicht untergekommen, so Bodner. Staatsanwältin Gudrun Bischof hielt die angebliche Tradition als Erklärung für eine Schutzbehauptung, versuchte, dem 47-Jährigen aber klarzumachen, dass es um die „sexuelle Integrität des Kindes“ gehe; dafür muss die Tat – in diesem Fall der Griff – auch nicht sexuell motiviert sein.

In seinem Schlussplädoyer argumentierte Verteidiger Götz damit, dass die Taten seines Mandanten juristisch nicht die angeklagten Paragrafen erfüllen würden. Die Körperverletzung – den Biss – sah er nicht durch objektivierte Beweise wie etwa ein ärztliches Attest untermauert. Beim Griff in den Schritt gestand Götz eine Grenzüberschreitung ein, bezweifelte aber, dass diese den Straftatbestand erfüllt. Deswegen legte er unmittelbar nach dem Urteil des Schöffensenats – zehn Monate bedingte Freiheitsstrafe – Nichtigkeitsbeschwerde ein.