Geschichte einer Leidenschaft. FOTO-AUSSTELLUNG / Fotokünstler Rudolf Schmied zeigt in seiner aktuellen Schau „Ein Leben. Ein Mythos.“ Einblicke in das Leben eines faszinierenden Einzelgängers.

Erstellt am 03. November 2010 (00:00)
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VON PETER LANGER

WIEN / Die aktuelle Ausstellung des Fotokünstlers Rudolf Schmied, bis zum 4. Dezember zu sehen im Lokal „Wirr“ (1070 Wien, Burggasse 70), ist mehr als das Ergebnis einer Jagd nach guten Fotos. Es ist ein Zeitdokument, das die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Porsche-Sammlers Viktor Grahser erzählt.

Der 1940 in der Steiermark geborene Grahser absolvierte am Flughafen Schwechat eine Ausbildung zum Flugzeugtechniker und wanderte 1962 nach Australien aus. Mit dem Ankauf eines beschädigten Porsche 356 Roadster begann eine Geschichte zwischen technischer Präzision und verzehrender Leidenschaft. Mehr als zehn Jahre tüftelte Grahser, bis er einen fahrbereiten Porsche zusammengebaut hatte. Kurz darauf ging er vorzeitig in Pension, kehrte 1982 nach Österreich zurück und erwarb in Fischamend eine alte Villa. Mit im Gepäck hatte er zwei Schiffscontainer mit vier renovierungsbedürftigen Porsche.

Von diesem Moment an war das einzige Interesse des schüchternen Einzelgängers die Restaurierung der Kultautos.

In Fischamend galt er als Sonderling. Das Gasthaus von Schmieds Eltern in Kleinneusiedl besuchte er jeden Freitag. Dort lernte der Fotograf den scheuen Porsche-Fanatiker kennen. Grahser fasst Vertrauen, bittet Schmied, ihm bei der Internetsuche nach Ersatzteilen zu helfen und vertraut ihm an, dass er ein Porsche-Museum in Fischamend plant. Und: Grahser lädt Schmied in seine Villa. Der Fotograf soll seine Kamera mitnehmen.

Was Schmied dort zu sehen bekommt und in packenden, einfühlsamen Bildern festhält, ist unglaublich: Grahser hatte seine Villa zu einer großen Garage umgebaut, für sich selbst ließ er einen 20 Quadratmeter großen Raum mit Herd, Tisch, Sessel und Bett übrig.

2008 stirbt Grahser unerwartet. Er wollte, dass die vier Fahrzeuge zurück nach Australien gehen. 2010 war die Erbschaft abgewickelt „und die Autos wurden abgeholt“. Damit beendet Schmied seine Erzählung. Was mit den Kultautos weiter geschah, erzählt der Fotograf nicht. Die Spannung bleibt. Was veranlasste einen Menschen, sein ganzes Herzblut in die Restaurierung eines Autos zu investieren? Warum wählte er die Abgeschiedenheit als Einzelgänger abseits akzeptierter Lebensentwürfe? Was wurde aus der Hinterlassenschaft? Das Ende lässt Schmied offen. Aber dieses Ende gibt es eigentlich nicht, denn jede Geschichte entsteht aus einer vorhergegangenen Geschichte, und am Schluss endet nur die Erzählung, nicht aber die Auswirkungen. Und Schmieds Ausstellung kann auch weiter wirken. Sein interessierter und unvoreingenommener Blick auf Grahser könnte uns als Beispiel dienen, ebenfalls offener auf Menschen zuzugehen, deren Gedankenwelt sich uns nicht gleich beim ersten Hinsehen erschließt.

Webtipp:www.rudolfschmied.at

Spannende Vernissage: Rudolf Schmied erzählte, wie es zum Fotoshooting im Haus des Porsche-Fanatikers Viktor Grahser kam.