Fischamender Urgestein Adalbert Melichar ist 80

Erstellt am 07. Dezember 2022 | 06:35
Lesezeit: 7 Min
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Fischamends Bürgermeister Thomas Ram und Stadträtin Astrid Taschner (beide RAM) gratulierten Adalbert Melichar anlässlich seines 80. Geburtstag mit einem Geschenkkorb.
 
 
Foto: Stadtgemeinde Fischamend
Anlässlich seines 80. Geburtstages gratulierte Bürgermeister Thomas Ram und Stadträtin Astrid Taschner (Beide RAM) dem ehemaligen Stadtbibliothekar und Kulturreferenten außer Dienst, Adalbert Melichar, in der Mediathek der Stadt. Der mehrfach von Gemeinde, Land und Bund ausgezeichnete Professor nahm sich für ein Telefoninterview mit der NÖN Zeit, um sich über seinen bisherigen Lebensweg zu unterhalten. Hierbei verdeutlicht der Autor den Stellenwert von Bildung und spricht über würdiges Altern.
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Sie haben statistisch gesehen einen eher ungewöhnlichen Lebensweg beschritten. Wie kam es zur Entwicklung vom Elektrotechniker zum Professor?

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater war doch ein verhältnismäßig interessanter SPÖ Politiker. Zum Beispiel wurde er für seine Tätigkeit als Arbeiterfunktionär mit der Viktor Adler Plakette ausgezeichnet. So durchlief ich schon als Kind die ganze SPÖ- Hierarchie: Von den Kinderfreunden bis zur sozialistischen Jugend- ich war überall.

Wegen Ihres Vaters?

Genau. Das hat mein Vater auch gar nicht anders erlaubt. Auch das Gymnasium hat er mir verboten, mit dem Vorwand nach seinem Ideal, einer typischen Arbeiterfamilie zu leben. Er wollte, dass ich zuerst einen „Brotberuf“ erlerne. So habe ich mit 14 meine Lehre bei dem Elitebetrieb NORMA - Elektromesstechnik in Wien begonnen. Zur Verleihung des Titels Professor führte meine Tätigkeit als Erwachsenenbildner, Bibliothekar und als Buchautor.

Sind Sie auch Parteimitglied geworden?

Ich selbst bin SPÖ- Parteimitglied seit 1964 und war lange für die SPÖ tätig. Dort wurde ich aufgrund meines Weltbildes auch weitgehend akzeptiert. Meine Kritik an die Partei ist aktuell, dass das Thema Bildung in den Hintergrund gerückt ist. Der Gesellschaft muss die Relevanz von Bildung wieder nähergebracht werden. Sonst wird sie vom Kapitalismus mit falschen Werten „verfinanziert“. Diese Meinung vertrat ich auch in der Gemeinde. Kürzlich wurde ich aufgrund meiner 60-jährigen Mitgliedschaft von der Partei geehrt.

Wie war für Sie die aufgezwungene Lehrzeit?

Diese dreieinhalb Jahre waren für mich ganz bitter. Die Firma war in ihrer Führung sehr fordernd und man ist dort überwacht worden. In unseren Börsen wurde nach Liebesbriefen gesucht und an unseren Taschen wurde gerochen, um eventuell Tabak zu entdecken. Beziehungen und Rauchen wurden uns nämlich verboten. Genauso wie weiterführende Bildung. Deshalb musste ich meinen Besuch in einer Abendschule geheim halten und teilweise lügen, wenn mich ein Kollege nach der Arbeit an der falschen Straßenbahnstation sah.

Inwiefern waren Sie als Ausbildner tätig?

Ich habe über viele Jahrzehnte hinweg in verschiedenen Bundesländern Bibliothekarinnen/Bibliothekare aus öffentlichen Bibliotheken für das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung in Strobl unterrichtet. Dorthin bin ich als Fachreferent sowie Lehrgangsleiter vom Unterrichtsministerium oder vom Österreichischen Büchereiverband für Lehrgänge berufen worden. Diese habe ich während meiner Urlaubszeit abgehalten und so auf private Ferien verzichtet. Als Lehrkraft bin ich mittlerweile nicht mehr auf diese Weise tätig, dennoch werde ich oft zu Workshops eingeladen, an denen ich gern teilnehme. Ich glaube, es gibt jüngere und durchaus kompetente Leute, denen das Lehren nun überlassen werden sollte.

Sie sind auch aufgrund ihrer Tätigkeit als Bibliothekar ausgezeichnet worden. In Ihrem Lebenslauf steht, Sie hätten die Stadtbibliothek in Fischamend eröffnet. 

Ich habe die Literaturauswahl getroffen. Im Jahr 1970 habe ich den leeren Bibliotheksraum übernommen und ihn gefüllt. Ich habe auch 17 Jahre für die NÖN nebenberuflich gearbeitet. Dort hatte ich das Glück, sehr gute Ausbildner zu haben und konnte Erfahrungen über Werbung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit erlangen, welche ich anschließend in das Bibliothekswesen integrierte. Meine Vorstellung war immer durch Öffentlichkeitsarbeit das Konzept Bibliothek in der breiten Masse relevant zu halten. So luden wir stetig zu Diskussionsrunden und Lesungen mit prominenten Persönlichkeiten ein, was mir zu damaliger Zeit im Bibliothekswesen oft harte Kritik eingebracht hat. Damals dominierte die Annahme, Literatur brauche keine Verkaufsförderung und sie würde für sich selbst sprechen. Ich hatte aber ganz neue Aspekte in die Branche bezüglich Bibliotheksmanagement, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit eingebracht.

Meine journalistische und bibliothekarischen Tätigkeiten brachten mir ein hohes Ansehen und ich konnte beispielsweise bei der inhaltlichen und methodischen Gestaltung von Lehrplänen für die Bibliotheksausbildung im Unterrichtsministerium mitwirken. Mein Credo lautet lebenslanges Lernen. So habe ich in der Stadtbibliothek auch eine Elternschule gegründet. Dort wurde vermittelt „Wenn dein Kind etwas Neues lernen muss, musst du als Elternteil nachziehen und selbiges tun“.

Haben Sie diese Philosophie bei der Gründung der Volkshochschule Fischamend 1997 umgesetzt?

Ja, deshalb bin ich auch in den Landesvorstand der NÖ. Volkshochschulen  berufen worden, wo ich meine Philosophie des lebenslangen Lernens weiter ausarbeiten und verwirklichen konnte. Diese habe ich natürlich auch gelebt und mich immer wieder getestet.  Vor 4 Jahren beispielsweise an der Donauuniversität Krems, wo ich an 11 Wochenenden einen Universitätslehrgang abgeschlossen habe. Dort wurden meine Fähigkeiten als Lehrender bewertet. Trotz meines Alters konnte ich  mit Auszeichnung abschließen und so war meine Methodik und Art zu Lehren bestätigt.

Unter der Beträchtlichen Liste an erhaltenen Auszeichnungen erscheint mir das silberne Verdienstzeichen der Republik Österreich als das Wichtigste. In welchem Kontext wurde Ihnen diese Ehrung verliehen?

Ich hatte sehr hohe Funktionen in der Erwachsenenbildung und im Bibliothekswesen inne. Diese Auszeichnung bekommt man streng betrachtet für die Funktions- und Ausbildner-Tätigkeit. Die Auszeichnung wurde mir vom damaligen Unterrichtsminister 10 Jahre früher als üblich verliehen. Ich habe mich stets davor gesträubt abzuheben und  ich denke, mir ist gelungen dies zu verhindern. Eitelkeit wird schnell zur Peinlichkeit. Abbeißen von den Abzeichen kann ich nicht, aber wenn ich sie vor mir liegen habe oder wenn ich sie der Familie zeige, erfüllen sie mich schon mit Stolz. Vor allem ist es ein Zeichen der Akzeptanz für mein Lebenswerk. Die einzige Reaktion meines Vaters bei der Abholung war „Mit dem wirst du trotzdem keine Familie erhalten können“.

Ernährten Sie zu dieser Zeit nicht schon eine Familie?

Zu dieser Zeit hatte ich schon eine Familie und ich absolvierte meinen Wehrdienst, während das kleine Baby zuhause war. So wurde der Abschluss am Abendgymnasium nicht möglich. Infolgedessen entpuppte sich die fast gleichwertige externe Beamtenaufstiegsprüfung als gute Alternative. Aufgrund dieser Entwicklung ist meine erste Familie leider zerbrochen. Meine Frau, mit der ich meine zwei ersten Kinder hatte, befürchtete damals, dass sie auf meinem Karriereweg zurückgelassen wird. 1976 hat sich somit mein Leben gewendet. Später habe ich meine zweite Frau geheiratet und zwei weitere Söhne mit ihr großgezogen. Meine Familie motivierte mich immer wieder, mein Credo „lebenslanges Lernen“ weiterzuleben.

Genau das wollte ich noch ansprechen. Bei all den Nebentätigkeiten und dem Mitwirken in derartig vielen Bereichen- Woher nehmen sie den Antrieb?

Meine Familie ist mein Antrieb. Ich kenne viele in meinem Alter die der Einsamkeit verfallen und an dem letzten Endes scheitern. Ein Sozialleben ist sehr wichtig, um im Alter fit zu bleiben. Ich nehme beispielsweise an Literatur-Preisausschreiben teil und habe neulich ein Essay an der Akademie der Wissenschaften eingereicht, wobei ich noch auf die Bewertung warte. Das tagtägliche Arbeiten am Computer hält mich zusätzlich jung. Mit 70 Jahren habe ich beim BFI den ECDL gemacht. Der Lernprozess war eine sehr harte Aufgabe für mich und ich habe mich ein Jahr vorbereitet. Das war sehr wichtig für mich, weil mit der Zeit zu gehen das Um und Auf ist.

Stichwort Literatur: Sie haben etwa 15 Werke verfasst. Auf welches sind Sie am meisten stolz? 

Wirklich stolz bin ich auf mein letztes Werk, welches im Jänner erscheinen soll. Es ist zweibändig und beschreibt die Jahre 1912 bis 1950 auf Basis verschiedener Zeitungsberichte. Dabei wird auf die politische Entwicklung und soziale Konflikte in Bezug auf die Pressburger- Bahn (die heutige S7) eingegangen. Die Einzelheiten zu Druck und Erscheinungsdatum sind noch im Gespräch, wobei die Veröffentlichung für Ende Jänner angesteuert wird. Der Arbeitstitel lautet derzeit „Und ein Zug fährt durch die Zeit“. Das Buch wird mein Abschied als Autor sein. Eine Präsentation im Raiffeisensaal oder Volksheim sowie mehrere Lesungen sind geplant.

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