Der ganze Bezirk Bruck/Leitha in Trümmern

Die Befreiung des Bezirks Bruck/Leitha wird von Übergriffen und Plünderungen überschattet.

Erstellt am 06. Mai 2020 | 05:35
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Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Noch in den letzten Monaten starben etliche Menschen in der Region Bruck infolge der unmittelbaren Kampfhandlungen, an Entbehrungen oder nahmen sich das Leben.

Die Bezirkshauptstadt entging nur durch Zivilcourage am 31. März 1945 einem Sturmangriff durch die Rote Armee. Während vor allem Frauen die Übergabe der Stadt fordern, bringt die Schülerin Josefine Madl dem Brucker Ernst Pfiel, der auf dem Turm Beobachtungsdienst hat, eine weiße Fahne, die Pfiel hisst. Zwar wird die Fahne von SS-Männern wieder eingeholt, Pfiel und die Mutter der Schülerin werden verhaftet, die Sowjets verschonen aber die Stadt. „Herr Pfiel und Theresia Madl, die Mutter von Josefine Madl, werden ins Landesgericht nach Wien eingeliefert. Durch das rasche Vorrücken der Roten Armee wird die Todesstrafe nicht mehr ausgeführt“ berichtet die Brucker Stadtarchivarin Petra Weiß in ihrer Chronik „Eine Stadt erlebt Geschichte 1910 – 1970.

Mein erster Gedanke: „Jetzt hat deine letzte Stunde geschlagen“ berichtet ein Zeitzeuge im Fischamender Heimatbuch

Der historisch interessierte SP-Gemeinderat Michael Komarek schildert das Kriegsende in Maria Lanzendorf. „Oberlanzendorf, Unterlanzendorf und Maria Lanzendorf gehörten in dieser Zeit zu Groß-Wien. Von 1940 bis zum Kriegsende wurde durch die Nationalsozialisten in Oberlanzendorf ein Arbeitserziehungslager (AEL) betrieben. Bereits im April 1945 wurde ein Teil dieses Lagers aufgelöst und einige Häftlinge ins Konzentrationslager Mauthausen getrieben. Kurz vor dem Einmarsch der Russen und dem offiziellen Kriegsende haben verbliebene Wachen die Flucht ergriffen und die letzten Häftlinge und Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, die körperlich noch in der Lage waren, haben versucht, sich nach Wien durchzuschlagen. Nach Befreiung des Lagers wurden aber noch Tote gefunden.“ Noch bevor die Russen das Gebiet des heutigen Lanzendorf/Maria Lanzendorf erreicht hatten, wurde von einem Flakturm aus auf die beiden Kirchtürme der Wallfahrtskirche geschossen und dadurch geriet das Dach in Brand.

„Türme, Dach und ein wertvolles Kuppelfresko des Barockmalers Johann Michael Rottmayr wurden zerstört. Dank der Ortsbevölkerung und dem Einsatz italienischer Gastarbeiter konnte immerhin das Kirchenschiff gerettet werden“, berichtet Komarek. Im Zuge der bis in die 1950er-Jahre dauernden Kirchensanierung wurde das Dach in den Jahren 1948/49 erneuert.

Mit dem Einmarsch der Russen, wobei die Mehrheit ukrainischer Abstammung gewesen sein soll, setzte auch eine Plünderungswelle ein. Aber nicht nur russische Soldaten waren daran beteiligt, auch Einheimische sollen sich aus ihrer Warte brauchbare Dinge geholt haben. Auch sei es zu Vergewaltigungen, Morden und Erschießungen durch die neuen Besatzer gekommen. „So ist mündlich überliefert worden, dass zwei Männer, die ein durch den Beschuss beschädigtes Dach repariert haben, fälschlicherweise als Späher gehalten und erschossen worden sind“, sagt Komarek. Die Leichen der beiden wurden in die Schwechat geworfen und tauchten erst Tage später in den Gittern des Wehrs wieder auf.

Auch zu Gefangenen-Erschießung von älteren Flak-Soldaten soll es gekommen sein. Die Leichen dieser Soldaten sind zuerst auf dem Friedhof von Maria Lanzendorf bestattet, später aber wieder exhumiert und in ihre Heimat überführt worden sein.

Die Lage in Fischamend wird im Heimatbuch des ehemaligen Hauptschuldirektors Eberhard Molfenter geschildert. Dort heißt es: „In Fischamend holte man auf dem Hauptplatz das ,Letzte Aufgebot‘ zusammen. Völlig kriegsunerfahrene Fischamender Buben und junge Männer und kriegsuntaugliche alte Männer. Dieser Volkssturm wurde in die ortsnahen Schützenlöcher geschickt, um dort die Russen „aufzuhalten“.

Kurz danach sprengten zurückgedrängte SS-Truppen unter Mithilfe einiger unbelehrbarer örtlicher Nazis die Marktbrücke, steckten die Tuchfabrik in Brand und wollten im Dorf einen voll besetzten Luftschutzbunker mit den darin befindlichen Leuten ebenfalls mit einer geballten Sprengladung in die Luft jagen.

In den frühen Morgenstunden des 6. April 1945 erreichten die Spitzen der Roten Armee den Ort. Ein Zeitzeuge erzählt in der Chronik: „Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich gerade mit einigen Leuten vor dem Eingang des weitläufigen Luftschutzstollens östlich der Enzersdorferstraße, als aus Richtung Königsberg die ersten russischen Soldaten in braungrünen Uniformen mit ihren Maschinenpistolen in den Händen quer über die Felder auf uns zuliefen. Mein erster Gedanke war: „Jetzt hat deine letzte Stunde geschlagen!“. Die Nazipropaganda tat vollauf ihre Wirkung. Man hatte uns mit Wort und Schrift eingehämmert, dass die Russen keine Gnade kennen und auch Zivilisten nicht verschonen würden.“

Doch die zumeist jungen russischen Soldaten hätten niemandem etwas zuleide getan. Sie beschlagnahmten Fahrräder und Uhren. Das sollte sich aber ändern, wie die Chronik berichtet. „Die Bevölkerung von Fischamend, vor allem Mädchen und Frauen, hatten ,Furchtbares mitzumachen‘ - wie man es damals bar einer anderen Sprache auszudrücken vermochte. In Wirklichkeit wurde da nicht „mitgemacht“, sondern musste rohe und menschenverachtende Gewalt wehrlos erduldet werden.“ Ähnliche Übergriffe ereignen sich auch in Bruck und vielen Orten des Bezirks.

Die Besatzungsmacht ist daran interessiert, dass das tägliche Leben rasch in halbwegs geordneten Bahnen verläuft. So werden Bürgermeister und Gemeinderäte eingesetzt und die Menschen aufgefordert, ihrem Beruf wieder nachzugehen. Bis 1955 ist es aber noch ein langer Weg.