Neues Denken, aktuelle Fragen: Franz Fischler bei Rohrauer Gesprächen

Erstellt am 24. April 2022 | 14:20
Lesezeit: 3 Min
Franz Fischler
Franz Fischler
Foto: Andrei Pungovschi
Im Rahmen der Rohrauer Gespräche im Haydn-Geburtshaus in Rohrau war am Sonntagvormittag Franz Fischler (ÖVP), ehemaliger österreichischer Landwirtschaftsminister, späterer EU-Kommissar und Präsident des Europäischen Forums Alpbach, zu Gast. Im Gespräch mit dem Theologen und Psychotherapeuten Arnold Mettnitzer nahm er zu "neuem Denken" und aktuellen Fragen Stellung.
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Zu Beginn fasste Fischler die gegenwärtigen Probleme zusammen, von den noch unabschätzbaren Corona-Folgen (die EU habe in diesem Zusammenhang bisher zwei Billionen Euro investiert) über den Klimawandel ("wenn der Turnaround nicht im nächsten Jahrzehnt gelingt, wird das Problem unlösbar") bis zum Krieg in der Ukraine ("am 24. Februar hat eine neue Zeitrechnung begonnen"). Vorausschauendes Denken und Handeln sei in der Politik "stark in den Hintergrund getreten", beklagte Fischler ("eine politische Karriere ist noch keine Garantie für Intelligenz"), der auch einen "riesigen Aufholbedarf" in der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft ortete.

Die Uneinigkeit innerhalb der Wissenschaft führe zu Konfusion in der Öffentlichkeit, so Fischler. Als größten Fehler der EU bezeichnete er das Agieren mit statistischen Durchschnittgrößen, "die nirgendwo gelten."

Das Gebot der Nachhaltigkeit dürfe sich nicht bloß auf den ökologischen, sondern müsse auch auf den ökonomischen und den sozialen Bereich erstrecken, erklärte Fischler. Falls in Frankreich Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen gewinne, sei das "der Beginn der Endes der EU", so der einstige EU-Kommissar.

Die Ukraine-Krise sei nur durch Verhandlungen zu lösen, ist Fischler überzeugt: "Für keine der beiden Seiten ist der Krieg zu gewinnen." Die NATO solle nicht eingreifen, auch zu einer Flugverbotsregelung äußerte sich Fischler skeptisch, mit Putin solle man im Gespräch bleiben, aber nicht wie Gerhard Schröder sich "als Putin-Versteher gerieren". Sowohl Putin als auch der Westen hätten sich in ihren Einschätzungen getäuscht.

"Wir können unsere Zukunft weder auf Öl noch auf Gas bauen", betonte Fischler, der sich auch für eine Aufstockung der Budgetmittel für das Bundesheer aussprach. Seit 30 Jahren diskutiere man über eine Reform der NATO. Eine Erhöhung der europäischen Verteidigungsbudgets solle weniger zur Schaffung eines europäischen Heers beitragen als vielmehr zur "Kompatibilität der Informationssysteme". Allein Österreich leiste sich den Luxus von drei Geheimdiensten.

Das viel zitierte "neue Denken" sei allerdings so lange wirkungslos, als es nicht umgesetzt werde, so der Altpolitiker. Dem setzte Mettnitzer mit einem afrikanischen Sprichwort ein passendes Pendant gegenüber: "Worte sind schön, aber Hühner legen Eier".

(S E R V I C E - Haydnregion NÖ, www.haydnregion-noe.at)

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